Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 5 UM, 2U. Jlülilr IUI!, Der Oemelndebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de^ Judentums. korrrlpondrnHm und Nachrichten. Deutschland. y. Berlin, 26. Januar. In der Synagoge Lin den strafte fand am 21. dieses Monats die Trauerfeier für den im 91. Lebensjahre verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden des Vorstandes der Berliner Gemeinde- IuliusIacob h, statt. Der blumenbedeckte Sarg war vorder Stufen, die zur Kanzel und heiligen Lade führen, ausgebaut. Das Gotteshaus war bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Unter den Teilnehnrern der Trauerversammlung sah man unter anderen auch den Vorsitzenden der Aeltesten der Kaufmannschaft, Reichstagspräsidenten Kaemps, Mitglieder kaufmännischer Körperschaften und Vereinigungen, sowie eine ganze Anzahl Feldgrauer, unter ihnen mehrere Offiziere. Eingeleitet wurde die Trauerfeier durch den Vortrag des Synagogenchors „Der Mensch wie Gras sind seine Tage". Dann hielt Rabbiner Tr. Warschauer die Gedächtnisrede. „Mit drei starken Wurzeln war die Persönlichkeit des uns Entrissenen eingepflanzt in das Erdenwallen, aus dem er feine Lebenskräfte zog: starker Lebenswille, scharfe Denkkraft unb strengstes Pflichtgefühl. Er glich einem Baume, dessen Schmuck immer währet, der nimmer aufhört, Früchte zu bringen." In diesem Gleichnis zeichnete der Redner Leben und Wirken des Dahingeschiedenen in seiner Familie, in der allgemeinen Oessentlichkeit, in der Gemeinde und der Jüdenheit. „Im schmächtigen Körper lebte ein starker Lebenswille, und als Lebenskünstler hatte Julius Jacoby sein Leben nach strengen, unwiderruflichen Regeln geordnet. Er empfand die Schönheit des Lebens, und er hatte sich die Freude an Natur und Kunst bis ins höchste Alter bewährt. Tie Biegsamkeit und Aufnahmefähigkeit seines Geistes ließen ihn auch den Wert und die Bedeutung der Fortschritte der Zeit und der neuen Errungenschaften erkennen und richtig einschätzen. Dazu gesellte sich die Denkkraft. Im Verblichenen wohnte ein Verstand von seltener Schärfe und Klarheit. Er sah den Menschen und den Dingen bis auf den Grund. Seine Klugheit befähigte ihn, auch in langen Verhandlungen über ihm fernstehende Gegenstände den Kern und das Wesen der Sache zu erfassen. Am höchsten aber stand Jacoby durch sein ehernes Pflichtgefühl, dariil kannte er keine Schonung weder gegen sich selbst noch gegenüber anderen Personen, und er schätzte bei anderen nichts so sehr, als getreuliche Pflichterfüllung. Für die Gesamtheit zu wirken, war ihm ein tiefer innerlicher Drang. Das war der Grund der tiefen Verehrung und Hochschätzung, die ihn Jahrzehnte hindurch imnier wieder zur Führerschaft riesen. Nun nehmen wir von diesem seltenen Manne Abschied hier in dem Gotteshause, in dem wir ihn vor knapp Jahresfrist als Patriarchen der Gemeinde zu seinem 90. Geburtstag ehrten, ihn, der so unendlich gearbeitet zum Gedeihen unserer Gemeinde und nicht zuletzt zu Frommen des Friedens und der Einheit in der Gemeinde und der ganzen Jüdenheit." Dann richtete der Redner warme und innige Worte des Trostes an die Angehörigen, die „irn Schatten dieses mächtig ragenden Baumes weilen dursten, uns und ihnen noch mehr war der Dahingegangene eine gütige und reiche Seele. Was sterblich an Julius Jacoby war, scheidet, aber sein Geist wird lveiter fortleben in der Gemeinde, der Geist gewissenhafter Treue." Nach einem darauf folgenden Sologesang sprach der zeitige Vorsitzende des Vorstandes der Gemeinde, Herr Kommerzienrat Heinrich Eisner, warme Worte des Dankes und Gedächtnisses: „Vor ungefähr Jahresfrist hat der Gemeindevorstand denl damals Neunzigjährigen die herzlichsten Glückwünsche und den innigen Dank für seine unvergänglichen Dienste und Verdienste um die Gemeinde Berlin dargebracht. Als äußeres Zeichen dieser Dankbarkeit haben die gemeindlichen Körperschaften eine Stiftung damals errichtet, die seinen Namen für ewige Zeiten kommenden Geschlechtern überliefern wird. Schon damals sah man, daß die Tage des verdienten Mannes gezählt seien, dennoch aber stehen wir heute zu früh an der Bahre dieses Mannes, um ihm das letzte Abschiedswort zu widmen. Zwei Eigenschaften des langjährigen Führers unserer Gemeinde sind besonders hervorzuheben: seine Gewissenhaftigkeit und die hohe sittliche Auffassung von den Aufgaben seines Amtes. Aus der Fülle seines Wirkens verdient besonders dasjenige aus dem Gebiete der Gemeindefinanzen hervorgehoben zu werden, die er auf eine gesunde und geordnete Grundlage stellte. Großes hat er geschaffen auf dem Gebiete der gemeindlichen Sozialfürsorge, für Alter, Kranke und Waisen, eine Fürsorge, die er in großzügiger Weise ausgebaut hat. Der Unterricht in den Religionsschulen der Gemeinde wurde unter ihm verdoppelt, die Zahl der Synagogen hat sich um drei vermehrt. Starken Einfluß nahm er darauf, daß den religiösen Bedürfnissen aller Richtungen nach Möglichkeit entsprochen wurde, und auch die Strenggläubigen haben es nicht daran fehlen lassen, seine Bestrebungen in dieser Hinsicht anzuerkennen. Wir werden ihm ein dauerndes Gedenken bewahren und sein Andenken wird in unserer Gemeinde nie schwinden." Hierauf ergriff namens der Repräsentantenversammlung deren stellvertretender Vorsitzender Direktor Dr. Minden das Wort: „Ter Mann, der berufen war, hier dem teuren Toten den letzten Abschiedsgruß zuzurusen, ist in dieser Nacht selbst vom Tode ereilt worden. (Große Bewegung.) So ist denn mir die Aufgabe zugefallen, namens der Repräsentanten dem Verblichenen den Abschiedsgruft zuzurusen. Was hätte Louis Sachs wohl zu sagen gehabt, der mit ihm jahrelang an der Spitze der Verwaltung stand und in gemeinsamer Arbeit Bedeutung und Wert der Tätigkeit Julius Jacobys kannte und schätzte. Er könne sich nur kurz fassen, und wenn er das Wesen des Verblichenen zu charakterisieren hätte, so würde er das in die vier Worte zusammenfassen: Klugheit mit Güte gepaart. Das habe wohl jeder erfahren, der je mit dem Verblichenen zusammengekommen ist. Bis zum letzten Sitzungstage der Repräsentanten, an der der Verblichene teilgenommen hat, war an ihm trotz seines hohen Lebensalters keine Spur eines Gebrechens wahrzunehmen. Wenn er das Wort nahm, hatte er wirklich etwas zu sagen, und in den erregtesten Debatten war sein Wort wie Oel auf die vom Sturm gepeitschten Wogen. „Klugheit mit Güte gepaart" hat der Dichter Weisheit genannt, und die war dein Verblichenen eigen. So lebe denn wohl! Tein Bildnis wird in unseren Sitzungen auf uns herniederschauen, in deinem Geiste wird die Verwaltung weitergeführt werden. Dein Andenken wird bei uns nie erlöschen." Mit dem Chorvortrag „Harre in Frieden, meine Seele" war die Gedächtnisfeier in der Synagoge Lindenstraße beendet. Die sterbliche Hülle wurde nach dem Friedhof in der Schönhauser Allee überführt, um dort in der Familiengruft beigesetzt zu werden. Auch hier war die Kapelle, in der die Totenfeier stattfand, von einer großen Menschenmenge gefüllt. Zahlreiche und kostbare Blumenspenden verhüllten den Sarg. Der Chor sang Zunächst einen Psalm, worauf Herr Oberkantor Friedmann das „El mole rachamim" vortrug. Dann hielt Herr Rabbiner Dr. Es che lbacher eine von wärmster Innigkeit getragene kurze Gedächtnisrede, nachdem er vorher das übliche Hazur tomim gesprochen hatte.! „Rein und lauter war fein Wesen, das bezeugen alle, die j mit ihm jung waren und mit ihm alt geworden sind.! Eine Ehrenkrone gebührt dem Gerechten, er war ein wahrer,! wahrhafter Mann, der in Frieden mit sich, mit den Menschen und mit Gott lebte. Sein Wirken war gerade und ehrenhaft, erfüllt war sein Leben mit allem, was das Leben lebenswert macht. Von Liebe in seinem Kreise umgeben, stand er in treuester Pflichterfüllung im Dienste der Gemeinde und der Jüdenheit. Nimmer ließ er in seiner Mühe nach, der Gemeinde und der Jüdenheit zu dienen. Ter Geist war es, der den Körper hochgehalten hat, der Geist der Wahrheit und des Guten, der treuen Pflichterfüllung. Seine persönlichen großen Tugenden haben ihre Anerkennung auch in seinem übrigen öffentlichen Wirken gefunden. Wir aber danken ihm besonders für die Hingebung und das Verständnis, das er! ftir rituelle Angelegenheiten der Gemeinde stets bekundete. Möge es viele > seinesgleichen in der Gemeinde geben. Sein Andenken sei gesegnet immer-! dar." Dann sang der Chor Mendelssohns „Es ist bestimmt in Gottes Rat",! unter dessen verhallenden Tönen der Sarg hinausgetragen wurde zur j letzten Ruhestätte. Unter den üblichen Zeremonien erfolgte die Beisetzung. > 22 Berlin, 26. Januar. In der neuen Synagoge in der | Oranienburger Strafte fand letzten Sonntag die Trauerfeier für den! verstorbenen Vorsitzenden der Nepräsentantenversamml-ung, Stadt-! ver ordneten Louis Sachs, unter außerordentlich zahlreicher An-! teilnahme weitester Kreise statt. Die Synagoge war bis auf den! letzten Platz besetzt. Die städtische Vertretung Berlins war fast voll- | zählig erschienen. Vollzählig war auch der Vorstand der jüdischen! Gemeinde ltnb die Repräsentantenversammlnng erschienen. Die leiten-! den Aerzte des Krankenhauses unter Führung, von Professor Israel, > eine Anzahl Krankenschwestern waren gleichfalls anwesend. Der Altarraum war in einen Blumenhain verwandelt, die Lichtkandelaber! schwarz verhüllt und der ausgebahrte Sarg verschwand unter den in