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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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Es gab Leute, die gesehen hatten, wie Mojsche Essigsieders Sohn mit den Arbeitern unterhandelte. Dvlfi war offenbar ein Sozialistenapostel geworden. Auch sein Vater leugnete es nicht, rühmte sich sogar, daß der Dolfi große Sachen ausführen werde. Er würde schon mit dem Meschümed fertig werden. Die Juden glaubten, daß dieser Mojsche von Sinnen sei. Gerade auf diesen vagabundierenden Schneidergesellen hat der liebe Gott gewartet. Denn wenn er mit dem Meschümed fertig werden will, könnte er es gar nicht ohne ihn. Da ist doch Rebbe Reb Herschele; der müßte nur einen ganz kleinen Fluch aussprechen, und es wäre sofort um den Meschümed geschehen. Aber Rebbe Reb Herschele schwieg. Rebbe Reb Herschele verfluchte ihn nicht. Als ihn Gutlohn einmal darum gebeten hatte, sagte der Rebbe: „Los up! De Ajbester bedarf ka Mekatreg."') Aergerlich teilte dies Gutlohn den Leuten mit. Der Rebbe will es nicht tun. Er will ihn nicht verfluchen. Nun gut, der Fluch ist eine ernste Sache. Von einein Fluch können auch Berge erzittern. Wenn er nicht will, so soll er ihn nicht verfluchen. Aber etwas könnte der heilige Mann doch tun. Er könnte ein kleines Gebet sprechen, iun die Ruhe des Abtrünnigen zu erschüttern. Buchsbaum fragte: „Un nischt emul e Tfile will e tün?"st „Nischt emul e Tfile", sagte Gutlohn und schämte sich beinahe, daß er beim heiligen Mann nicht eininal so viel erwirken konnte. ,,E' wat doch aus Tarbes rues ftmmen!"3) Alle stimmten bei. Freilich wird es so sein, lind dann kamen sie darin überein, daß der Rebbe schon wisse, was man im Himmel über Littauers Schicksal beschlossen habe, und deswegen keine Einmischung für nötig halte. „Minestam weiß e' fchojn alles" ’), bestärkte sie Gutlohn in ihrer Meinung. Er hatte Angst gehabt, daß die Erfolglosigkeit seines Bemühens seinem Ansehen beim Rebbe schaden könnte, und war jetzt froh, daß sich die Juden die Passivität des Rabbiners auf ihre eigene Art erklären. Als man dann aus der bischöflichen Residenz nach Lctöce die Nachricht brachte, daß sich die ruthenischen Arbeiter allst gelehnt, die Baukanzlei gestürmt und Littauer totgeschlagen hätten, wenn er nicht vor Schrecken bewußtlos hingefallen wäre, dachten sie alle mit frommer Angst an die große Macht des heiligen Mannes. „Nischt emul e Tfile Hot e' getün", flüsterten sie entsetzt untereinander. Er hat nicht einmal ein Gebet gesprochen, und doch hat der Abtrünnige einen Schlaganfall erlitten. Erst, wenn er gebetet hätte! Erst, wenn er ihn'verflucht hätte! Es ist schwer auszudenken, was für Unheil erst in diesem Falle Littauer betroffen hätte. „Ech leben, e grojß Glick!" meinte Troger, in dem sich das Erbarme.: regte. Die Leute stimmten bei, daß es wirklich ein Glück sei. Und dann sprachen sie davon, daß dieser Littauer kein gar so schlechter Mensch gewesen ist. Er hat den Armen viel Gutes erwiesen. Erinnert ihr euch dessen? Wie solltet ihr euch nicht erinnern? Das verrückte Gitele und das Zelt-Fradele könnten viel davon erzählen. War jemand in der Klemme, so brauchte er sich nur an ihn zu wenden. War es nicht so? Ja, wie denn nicht! Freilich war es so. st Lasset ab! Gott hat keinen Ankläger nötig. st Nicht einmal zn einem Gebet kann man ihn bewegen? st Er wird dock) von einem bösen Schicksal ereilt werden:. st Sicherlich weiß er schon alles. „Er is cwade e grojßer Rachmones," 3) sagte Troger, und die Leute gaben ihm auch damit recht. Armer Mensch! Das hat er denn doch nicht verdient. Buchsbaum konnte auch seine Ergriffenheit nicht unterdrücken. Lange kämpfte er mit sich selbst, dann aber wandte er sich doch an Gutlohn: „Wus is de Din, Reb Dittved? Darf men Tilem üm en fugen?"") Daran hatte keiner gedacht. Und vielleicht sollten sie wirklich einige Psalmen für ihn beten, was ohne Zweifel von Nutzen wäre. Schließlich ist Littauer doch ein guter Mensch. Gutlohn maß Buchsbaum mit tiefer Verachtung und sagte nur so viel: „Ballen! "st Das war genug. Mehr brauchte mau nicht. Buchsbaum trollte sich beschämt davon, und die anderen begriffen jetzt, daß es nicht möglich sei. Für den Abtrünnigen darf die Genwinde nicht beten. Aber vielleicht könnte der Rebbe etwas tun. Doch der heilige Mann sagte: „De Ajbester bedarf ka Mälez Jajscher." st Und in das mußten sie sich hineinfinden. Ter heilige Mann weiß, ivas möglich ist und ivas nicht. Und als sie später hörten, daß Littauer genesen sei, blickten sie einander bedeutungsvoll an. Solch ein Zadik ist in der ganzen Welt nicht zu finden. Was er will, das geschieht. Siehe: auch Littauer ist gesund geworden. „Uen nischt emul Hot e' e Tfile getün", erklärten sie einander. (Fortsetzung folgt.) Litrranlche Mitteilungen. — Mitteiln n q c n d c s (5 c f a m t a r ch i v s der de u t - scheu Juden. Herausgegeben von Eugen Täubler. Vierter Jahrgang 1914. Leipzig, Buchhandlung Gustav Fock, (*>. in. b. H. 1914. Die Mitteilungen, die von nun alljährlich in einem Bande erscheinen sollen, haben einen sehr mannigfachen Inhalt. Außer einem vortrefflich orientierenden Bericht von G. Herrlich „Erscheinungen zur Geschichte der Juden in Deutschland in den - Jahren 1911 und 1912" enthalten sie eine sehr lehrreiche Mitteilung von I. Jacobson „Eine Generaltabelle über die wechselseitigen Privilegien der Inden, Dtädte und Zünfte im süddeutschen Kammerdepartement, Posen 1797", die dem Posener Staatsarchiv entnommen ist. Der verdienstvolle Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift hat zwei Nächtige Arbeiten beigesteuert. Die eine führt den Titel „Urkundliche Beiträge zur Geschichte der Juden in Deutschland im Mittelaller" und behandelt erstens eine verlorene Urkunde Heinrichs I. für die Juden in Regensburg und gibt zweitens und drittens interessante Beiträge zur Geschichte der Kammerknechtschaft und zur Entwicklung des Judenschutzrechts in Eösseld. Tie zweite, die deu Band eröffnet, ist ein „Plan für die Bearbeitung eines Urknndenbuchs zur Geschichte der Juden Deutschlands im Mittelalter". Es ist eine sehr lichtvolle, von großen Gesichtspunkten ausgehende Arbeit. Der Plan steckt seine Ziele sehr w-eit und kündigt ein Aiesennnternehmen an, dessen Ausführung der Wissenschaft des Judentums zu großer Ehre gereichen würde. Es soll damit kein Konkurrenzunternehmen gegen existierende Arbeiten versucht werden, sondern deren Vermehrung und Berichtigung sind beabsichtigt. Aber es muß doch darauf hingewiefen werden, erstens daß die anfrüheren Arbeiten geübte Kritik nicht immer gerechtfertigt ist, zweitens daß sich das vorhandene Material, entgegen der Meinung des Verfassers, absolut noch nicht übersehen läßt, drittens daß sehr viele geschulte Kräfte außer dem Herausgeber mit dabei Z Er ist wirklich bedauernswert. (i) Was sagt das Gesetz, Herr Davids Könnte man nicht einige Psalmen für ihn sagen? 7) Tagedieb. 8) Gott braucht keinen Fürsprecher.

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