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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · p. Seite 58

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
Seite 58 (sequence 10)
Language
German
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58 Lebens: die Achtung vor dem Rasientum. Die Inden von Letöce hatten seine große Theorie widerlegt. Gaston nmr ein kluger Mensch, sein an gelehrte Forschungen gewohntes Auge vermochte in weite Entfernungen zu dringen, nilr eben dorthin drang sein Blick nicht, wohin er sehr leicht gelangen konnte. Er sah nicht in sein Herz. Und m dieses hätte er sich versenken sollen. Hätte er in seinem Herzen die starre Frostigkeit gesehen, dann wäre ihm beizeiten die Erkenntnis geworden, daß ihm das ganze Judentum bloß eine Theorie war, eine wissenschaftliche, fixe Idee, die in seinen Angen nur deshalb mehr Wert als -eine andere Theorie hatte, weil er mehr (Gedanken um sie herum gruppieren konnte, als um Lehrsätze. Er hatte sich an die Theorie geklammert und nicht an das Judentum, denn die Theorie hatte er erfunden, das Judentum hingegen hatte er nicht erfunden. Seine Ueberzeugung war keine Ueberzeugnng, denn es nährte sie nicht der Glaube und nicht die Liebe zur Nasse, sondern bloß die wissenschaftliche Eitelkeit. Gaston aber war sich dessen nicht bewußt. Diese erste Enttäuschung traf ihn noch nicht mit solcher Wucht, daß sie auch die versteckten Empfindungen seiner Seele aufgerüttelt hätte. Zu Hause und bei Sonngotts nahm er sogar die Juden in Schutz, was natürlich allgemeine Empörung hervorrief. Frau Sonngott machte ihm mit harten Worten den Vorwurf, daß er ein unverbesserlicher Jude sei, und fing vor Wut zu weinen an, als er ihr recht gab. Frau Littauer sagte, daß sie diese Schande nicht überleben werde, nicht überleben könnte, und nahm es ihrem Manne übel, daß er sie ja überleben konnte. Zweifellos wäre Frau Littauer wegen der Herzlosigkeit ihres Mannes erkrankt, wenn nicht etwas dazwischengekommen wäre, was ihre Gedanken von dem erlittenen Fiasko abgelenkt und ihr die Wonnen neuer Erfolge vorgespiegett hätte. Es war eine große, wichtige Sache. Die Präsidentin des katholischen Frauenvereins hatte mit Berufung auf ihre erschütterte Gesundheit diese Stelle niedergelegt. In Wahrheit aber tat sie es deshalb, weil man Frau Littauer gegen ihren Willen in den Allsschuß gewählt hatte. Unter solchen Umständen wollte sie nicht bleiben. Während ihrer Präsidentschaft sollte der Verein nicht verjudet werden. Natürlich wußte dies jedermann, nur Frau Littauer nicht. Sie ahnte den wahren Sachverhalt so wenig, daß sie selbst nach der Stelle der Präsidentin strebte. Sie tat es ernstlich und auf ganz kluge Art. Sie tat, als ob der liebe Gott dieses Jahr sie damit betraut hätte, auf den Feldern von Letöce die Lilien zu bekleiden. Sie streute den Segen mit vollen Händen. Kesselweise brachte man den armen Bauern Speisen aus ihrer Küche. Sie dachte an jeden, ließ jedermann etwas zukommen. Am meisten der Hauptlilie, einem verwelkten, alten Fräulein, welches die Vizepräsidentin des Vereins war und den Willen der Vereinsmitglieder mit entscheidendem Einflüsse lenkte. Auch des Sekretärs vergaß sie nicht. Ten badete sie geradezu in Milch ilnd Honig. Diese sinnlose Verschwendung erregte Littauers Unwillen. Wozu dieser neue Unsinn? War es nicht genug an der einen Schlappe? „Agnes Maria, bedenke doch, was du tust," ermahnte er sie ernst. Doch Agnes Maria wies die wohlwollenden Ermahnungen ärgerlich zurück: „Natürlich, du gönnst mir es nicht. Wenn du es wirklich, ernstlich gewollt hättest, dann wäre auch Gaston nicht durchgefallen. Aber du bist geizig, und es war dir ums Geld leid. Du herzloser Jude, du." Immer behauptete sie, daß er kein Herz habe. Wo doch der Aermste ein Herz hatte, und zwar ein solches, das jetzt sehr oft Schmerzen litt. Mancherlei Sorgen nagten an ihm und machten ihn wirklich krank. Außer ihm wußte noch keiner, daß das große Littauersche Vermögen gründlich zerrüttet war. Angefangen hatte es mit der vorjährigen Mißernte und dann folgte manches andere. Er hatte eine Bergbahn gebaut und daran verloren. An der Börse gespielt und wieder verloren. Sein Uebertritt und der Kapellenbau hatte sünfundzwanzigtausend Gulden verschlungen. Die Wahl kostete fünfzigtausend Gulden. Und seine Frau streut das Geld, als ob sie wahnsinnig geworden wäre. Alles das trug dazu bei, einen kränklichen Menschen ganz krank zu machen. Littauer fühlte angstvoll die Verschlimmerung seines Herzleidens, doch er äußerte sich darüber weder zu seiner Frau, noch zu seinem Sohne. Er war ein Manu, der nur dann ungestört seine Ziele verfolgen konnte, wenn er keine erschrockenen Gesichter vor sich sah. Die sorglose Ruhe seiner Umgebung erhöhte seine Energie, weil er wollte, daß diese Ruhe nicht gestört werde. Die sich auftürmenden Gefahren, von denen Frau und Sohn keine Ahnung hatten, verliehen seinem Willen unglaubliche Spannkraft. Und er arbeitete so intensiv, als ob sich seine Kräfte verdreifacht hätten. Den größten Teil seiner Zeit widmete er natürlich der Basilika. Man hatte für die Basilika einen schönen, großen Baugrund erworben, doch dessen Boden war elend schlechter Art, zum Bauen nicht geeignet. Littauer sagte dem Bischof zu wiederholten Malen: „Eminenz, auf diesem Grunde kann man nicht bauen." Aber der Bischof schenkte ihm kein Gehör. Der Bischof wollte eben diesen Baugrund haben. Große und rührende Erinnerungen knüpften ihn an dieses Grundstück. In dessen Mitte befand sich ein offener Brunnen, und an dem Tage seiner Bischofsweihe war bei diesem Brunnen einem kleinen Bauernmädchen die Jungfraumutter erschienen. Und die Gottesmutter offenbarte sich dem kleinen Bauernmädchen, und sagte ihm, daß das Volk beglückt sein werde, weil es einen guten Hirten bekommen habe. Das Volk strömte zu Tausenden zum Brunnen hin itnb harrte seines Beglücktwerdens. In diesem Frühjahr wurde wenig geackert und im darauffolgenden Sommer wenig geerntet. Demzufolge entsandte der Bischof eine Kommission, damit diese den Sachverhalt Prüfe. In der Kommission waren kluge Leute, die zwar die Erscheinung der Gottesmutter für möglich, in diesem Falle sogar für wahrscheinlich hielten, aber im Interesse des Volkes wurde der Brunnen dennoch gesperrt. Der Bischof war noch klüger als seine Domherren, indem er deren Verfügungen für richtig und weife erachtete. Er indessen verehrte den Brunnen auch fortan als Gnadenort. Und als er den Beschluß faßte, eine Kirche zu erbauen, hatte er schon sein Augenmerk auf dieses Grundstück gerichtet. Er dachte, daß er kaum einen geeigneteren Platz dazu finden könnte. Littauer mußte sich demnach in den unabänderlichen Willen des Bischofs fügen, aber diese gewaltsame Unterordnung schmerzte ihn tief. Das wird ein kostspieliges Vergnügen werden. Denn nicht nur der Boden war in Bewegung geraten; auch diejenigen wendeten sich aufrührerisch gegen ihn, die sich aus demselben bewegten. Die rilthenischen Tagelöhner wurden auf einmal so unruhig, als ob sie vom Teufel besessen wären. Sie fuchtelten mit Spaten und Spitzhacken, als wenn diese nicht die Werkzeuge friedlicher Arbeit, sondern Waffen gewesen wären. Sie fanden den Tagelohn zu gering. Natürlich waren sie nicht selbst darauf gekommen, daß man den Tageslohn auch gering finden kann.

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