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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · p. Seite 57

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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57 sind meistenteils so elend, undmanfindetanihnenso deutliche Merkmale der Erdichtung, daß man sich in der Tat hätte schämen sollen, sich ihrer zubedienen. Diejenige«, die fie gebraucht haben, müssen doch etwa die Mensche« insgesamt für solche Tiere angesehen haben, die der Vernunft völlig beraubt find. Und den Geschichtsschreibern, in deren Büchern wir solche Sachen als gegründete Wahrheiten erzählt finden, mutz es entweder an der erforderlichen Redlichkeit, oder ganz an gesunder Vernunft gefehlt Haben." Nun mögen einige von den Fällen, die den Marquis d'Argens zu seiner judenfreundlichen Ansicht berechtigten, samt den wichtigsten Bemerkungen, die er an sie knüpft, folgen. Da lesen wir zum Beispiel: „Wenn man einem italienischen Bischöfe Glauben beimessen darf, so sind die Inden unter Philipp dein Schönen großer Verbrechen wegen aus Frankreich verbannet worden. Diese Beschuldigung, wollen wir einmal genauer untersuchen, s o werden wir finden, daß sie unbegründet und bl oh, um den Geiz und die Habsucht Philipps des Schönen zu bemänteln, ersonnen worden! i st. Erst wollen wir hören, was dieser Bischof sagt: „Im! Jahre 1306 wurden die Juden aus Frankreich verbannt, und j all ihr Vermögen fiel der öffentlichen Kasse anheim. Es ging! dies so weit, daß man ihnen weiter nichts, als einen alten, ab-! genutzten Rock ließ, und um dieselbe Zeit starben gewiß noch! einmal so viele Juden, als ehemals aus Aegypten gezogen sind.? Die Ursache, warum Philipp der Schöne also mit ihnen verj fuhr, bestand darin: Er hatte erfahren, daß sie alleJahre,andem Leiden s-undSterbenstage unseres Heilands, den Christen ein Kind wegst ehI en , n n d es h ern ach in einer unterirdischen Höhle auf eine grausame Art hinrichtet e n." Wer sieht nicht sogleich, daß die Begierde, den Juden das ihrige zu nehmen, und sie insgesamt dahin zu bringen, daß sie nur mit einem einzigen schlechten Rock aus dem Reiche wandern sollten, mehr als zu hinreichend gewesen, um ihnen ein Verbrechen aufzubürden, woran sie nimmermehr gedacht hatten? Denn was haben doch die Juden davon, daß sie an dem Todestage des Gesetzgebers der Christen ein Kind opfern? Wo ist unter ihren Büchern eines, in welchem man auch nur die geringste Spur von einer solchen Gewohnheit findet? Wie kommt es, daß man ihnen in den Ländern, wo sie eine große Freiheit genießen, als in Holland, in England, und j in allen Staaten des türkischen Kaisers niemals etwas der-! gleichen nachgesagt hat? Was hat überdies ein solches lächerj liches Opfer für einen Endzweck, welches durch die vorl nehmsten Gebote des mosaischen Gesetzes j ausdrücklichverboten ist? Ist es wohl jemals erhört worden, daß die Juden zu der Zeit, da es ihnen frei stand, in dem Tempel zu Jerusalem zu opfern, irgendeinen Heiden geopfert haben? Und nun sollten sie heutzutage Menschenblut vergießen, da es ihnen sogar Tiere zu opfern vermöge ihrer Religion verboten ist, worin ihnen ausdrücklich verordnet j wird, daß sie außerhalb Jerusalems durchaus nicht das Blut! der Opfertiere vergießen sollen? M a n m u ß i n d e r T a t entweder blödsinnig oder von Vorurteilen eingenommen sein, wenn man sich vorstellt, daß dergleichen Erzählungen einigen Grund haben." „Aber man darf," fährt Marquis d'Argens fort, „eben j nicht die Rechtfertigung der Juden bei ihnen selbst suchen, sondern sie ergibt sich mit leichter Mühe daraus, daß die! europäischen Geschichtschreiber einander widersprechen." Er! führt hierauf einige dieser einander kraß widersprechenden i Mitteilungen an und zieht daraus die Schlußfolgerung: „Wer siehet nicht aus diesen einander widersprechenden Beschuldigungen augenscheinlich, daß die eine so als die andere unbegründet sei?" Die sich jedem aufdrängende Frage: „Wenn die Juden ganz unschuldig gewesen wären, woher kam es denn, daß man sie aus dem Lande verwies und ihnen den Verlust ihrer Güter zuerkannte?" beantwortet d'Argens kurz und bündig damit, daß „es eben die Ursachen waren, die zu dem Verderben der Tempelherren Anlaß gaben, nämlich das Verlangen, welches Philipp empfand: ihr Vermögen in seine Hände zu bekommen, und die Begierde, seine Reichtümer mit demjenigen, was er ihnen abnahm, zu vergrößern." Daß aber die Tempelherren unschuldig an den ihnen zugemnteten Verbrechen waren, das ist für d'Argens eine ausgemachte Sache, und er beruft sich hierbei auf „alle neueren Schriftsteller, die heutzutage übereinstimmen, daß die Verbrechen, die man diesen unglücklichen Rittern aufbürdete, ebenso lächerlich als abscheulich waren." (Fortsetzung folgt.) Der neue Lhrilt. Roman von Peter Ujvuri. Uebersetzt von Rosa Trenesöni. (Fortsetzung.) XII. aston unterlag. Der große und aufrichtige Ausbruch seines Rassengefühls konnte die individuellen und religiösen Gegensätze nur für die Dauer einer Stunde, eines Tages Niederhalten. Buchsbaum hatte sich mit seinen Leuten beschämt getrollt. Aber seine Rührung dauerte nicht lange. Alsbald hatte wieder der argwöhnische Instinkt gewöhnlicher Menschen bei ihm oberhand gewonnen. Ei, das Ganze war bloß Komödie. Dem Abtrünnigen kann und darf man nicht glauben. Also er glaubt ihm nicht, und wenn er auch seine Seele bloßlegt. Es kostete ihm keine große Mühe, den Haß der Juden gegen Gaston von neuem zu schüren. Bei dieser Arbeit half ihm auch Gutlohn. Jetzt, da man das Entfernen des Kreuzes endgültig verweigert hatte, trat er aus seiner bisherigen Reserve hervor und stellte sich an die Spitze der Wahlbewegung. Er ivurde plötzlich ein anderer Mensch: mutig und freigebig. Die jüdische Demonstration vor Littauers Herrenhause hatte ihm neue Seelenkräfte verliehen. Schlau, wie er war, hatte er bald herausgefunden, daß sich zurzeit auch der Jude mehr wie sonst erlauben dürfe. Gaston war durchgefallen und damit Punktum. Welche verschiedenen Empfindungen seine Niederlage an verschiedenen Orten hervorrief, ist wohl Nebensache. Soviel steht fest, daß in der Partei selbst keine übermäßige Betrübnis herrschte. Große Verdrießlichkeiten entstanden aus dieser Tatsache sowohl im Littauerschen Hervenhause als auch auf dem Landsitze der Sonngottschen, und alle wandten sich in ihrer galligen Laune gegen Gaston, als ob er den großen Jammer verschuldet hätte und nicht die Eitelkeit und Selbstsucht der anderen. Auch Gaston fühlte tiefen Schmerz ob seiner Niederlage, doch aus anderen Gründen, als seine Angehörigen. Nicht diese Schlappe tat ihm weh. Er fühlte eine andere Niederlage, eine größere, qualvollere. Er fühlte einen Fall nach innen, und dieser Fall erschütterte das Hauptprinzip seines

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