Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Marquis dMgrns über die Situslmord- Lelchuldisung und Anklagen wegen tzoltienrntweihung. Bon G. E n g e l s m a n n. an rühmt die Dankbarkeit der Juden; selbst ihre Feinde lassen ihnen diese Tugend. Um so seltsamer und befremdender muß es erscheinen, daß die Juden einen Mann wie den Marquis d'Argens, gegen den sie eine große Dankesschuld abzutragen hätten, mit der ärgsten Undankbarkeit, die man sich denken kann, behandeln: sie haben ihn schier ganz vergessen. Grätz nennt einmal seinen Namen und auch da nicht mit einem sonderlich ehrenden Beiwort, um zu bemerken, daß der Freund Friedrichs II. es nicht begreifen konnte, „wie ein so weiser und gelehrter Mann wie Mendelssohn jeden Tag von der brutalen Polizei aus Berlin ausgewiesen werden konnte" und daß er dem jüdischen Philosophen „drängte, sich um ein Schutzprivilegium zu bewerben, und den König, es ihm zu erteilen". Das ist alles. Karpeles in seiner jüdischen Literaturgeschichte verzeichnet auch nicht einmal den Namen d'Argens, obwohl dieser in seinen sechsbändigen „Lettres juives" in seinen fünfbändigen „Lettres chinoises'- und den sechsbändigen „Lettres cahlralistiquesdie sich alle nebst vielem anderen auch mit dem Judentum, seiner Literatur und seinen religiösen Institutionen beschäftigen, große, wenn auch nicht lückenlose Kenntnisse auf diesem Gebiete verrät. Auch Kaiserling in seiner so gründlichen Biographie Mendelssohns weiß von Marquis d'Argens nur das Persönliche Eintreten für den jüdischen Philosophen anerkennend hervorzuheben. Friedrich der Große hatte den oben genannten Schriften des geistreichen Franzosen eine größere Aufmerksamkeit geschenkt. Sie waren der Anlaß, daß er den Marquis zu sich nach Potsdam einlud und eine innige Zuneigung für den Manu faßte, dessen Charakter, Geist und Gelehrsamkeit er gleich hoch schätzte. d'Argens, den der König (1744) zum Direktor der Berliner Akademie ernannte, ward später der tägliche Gesellschafter des Königs. Die außerordentliche Freundschaft und Verehrung, die Friedrich II. für den französischen Schriftsteller empfand, äußerte sich in den Briefen, die der König auch während des Krieges aus dem Lager an ihn schrieb, oft in geradezu überschwenglicher Weise. So schreibt er ihm zum Beispiel einmal aus Breslau zum Schlüsse eines Briefes, der sehr interessante Details über den Krieg enthält, unter anderem: „Leben Sie wohl, lieber Marquis, Sie wissen, daß ich Sie liebe. Versagen Sie mir nicht den Trost, den ich in Ihrer Gesellschaft finde und besuchen Sie mich bald." In einem anderen Briese heißt es: „. . . Könnte mich irgend noch Eitelkeit anwandeln, so müßte es bei Ihren Briefen sein .. Alles, was Ihre Beredtsamkeit so gern an mir erheben will, besteht in weiter nichts, als in ein wenig Entschlossenheit und viel gutem Glück . . . Kurz, Lieber! Das Vergnügen, Ihre Gesellschaft zu haben, ist das einzige, worauf ich mich freue..." Im Oktober 1759 schreibt er ihm unter anderem: „...Wir müssen unsere Kräfte nicht zu sehr anspannen; zu starke Anstrengung erschlafft sie. Sie wissen, was man von Blaise Pascal erzählt, und Sie selbst haben mir gesagt, Sie wären in Holland durch das Bücherschreiben so erschöpft worden, daß Sie einer langen Ruhe bedurft hätten, um sich wieder zu erholen. Mit mir, der ich nicht wert bin. Ihnen die Schuhriemen aufzulösen, ist es zwar noch nicht so weit gekommen, aber doch fühle ich, daß meine Schwachheiten zunehmen und meine Kräfte verschwinden . . ." Diese Stellen dürften genügen um die Gefühle der Sympathie und Verehrung zu kennzeichnen, die Friedrich II. für den Marquis d'Argens hegte. Wenn wir von der Undankbarkeit der Juden gegen den Marquis d'Argens sprachen, so meinten wir aber nicht ihre > Ignorierung, ihr Vergessen seiner Schriften überhaupt, mögen; diese sich auch vielfach mit dem Judentum und den Juden bej schäftigen. Vor diesem Lose sind auch schon gelehrtere und ' gründlichere Bücher nicht gefeit gewesen; Bücher haben eben ihre Schicksale. Es war aber eine sträfliche Undankbarkeit, die zugleich ihre Strafe in sich trug, daß die Stellungnahme des Marquis d'Argens gegen die Blutanschuldigung und die Anklagen, daß die Juden Hostien schänden, nicht genügend gewürdigt, ja kaum recht bemerkt worden ist. Und doch gibt es wenige hervorragende christliche Schriftsteller, die mit einer solchen Entschiedenheit, ja mit einer solchen leidenschaftlichen Erbitterung gegen diese furchtbaren Verleumdungen ihre Feder erhoben, wie Marquis d'Argens, dessen Schriften zu seiner Zeit mit höchster Begeisterung ausgenommen wurden. Wahrlich, es sind mehr als zwei Jahrhunderte seit der Geburt d'Argens' verflossen, aber man wird nicht behaupten daß die Ritualmordbeschuldigung inzwischen so tot und endgültig begraben worden sei, daß es sich, von allen anderen Momenten abgesehen, nicht lohnen sollte, zu hören, wie Marquis d'Argens. der Freund Friedrichs II., und zweifellos einer der witzigsten und scharfsinnigsten Schriftsteller seiner Zeit, im Jahre 1739 i von ihr dachte. „Lettres chinoises" (d'Argens huldigte | der Mode des Tages, indem er in der äußeren Form die! „Lettres persannes“ sich zum Muster nahm) erschienen zum! erstenmal gedruckt in Haag 1739 in der deutschen Uebersetzung — der wir, nur mit Aenderung der Orthographie, folgen — Berlin 1769—1777. Der französische Schriftsteller, der mit den spitzigsten Sarkasmen selbst Dogmen und Institutionen der katholischen Kirche verspottet, hat auch für die Gebräuche und Sitten der Juden, die er nicht alle mit gleicher Gründlichkeit kennt, keinen besonderen Respekt, aber man wird seine Vorurteilslosigkeit bei all seinen Jrrtümern, anerkennen dürfen, wenn man als Resümee seiner Betrachtungen unter anderem in einem Briefe, den er Sioeu-Tcheou an Ve-Che-Chan schreiben läßt, liest: „. . . Ter Haß, welchen die Europäer gegen die Juden hegen, hat meine Neugier so sehr gereizt, daß ich mich bemüht habe, diese unglücklichen Leute, die man an keinem Orte recht dulden will, umständlicher kennen zu lernen. Ich bin ganz erstaunt, daß die Verbrechen, die man ihnen zurechnete, größtenteils in der Einbildung bestanden und ich habe Dir meine Gedanken in diesem Falle sehr weitläufig in meinen vorhergehenden Briefen eröffnet. Ich habe demnach sehen wollen, ob sich etwa in ihrer Lebensart und in ihren Gebräuchen dieses oder jenes findet, das die übrigen Menschen wider sie empören könnte. JchhabenichtdasMindesteangetrosfen d a ß s i e v e r h a ß t m a ch e n k ö n n t e, und die bürgerlichen sowohl als die kirchlichen Gebräuche der Juden sind weder seltsamer, noch unvernünftiger als man sie bei anderen Nationen findet, die für die gesittetsten angesehen werden . . ." Mit diesem Leumundszeugnis über ihre Sitten und Gebräuche können sich die Juden wohl zufrieden geben und ruhig auf sieb einiges beruhen lassen, was der Chinese des Marquis wirklich an diesen Sitten falsch gesehen und falsch beurteilt hat. Viel wichtiger und bedeutungsvoller erscheint uns, was der Marquis über den „Ritualmord" und die „Hostienschändungen" deren man die Inden beschuldigte, zu sagen weiß. Da gibt er auch den scherzhaften, durch Spöttereien gewürzten Ton aus und bemüht sich zu zeigen, daß seiner Kritik ernste, kritische und historische Studien vorangegangen sind. Er beginnt den Brief, der ausschließlich von diesem Thema handelt, folgendermaßen: „Die Verfolgungen, welche die unglücklichen Juden von den Europäern, unter welchen sie leben, auszustehen haben, sind so grausam, daß man natürlicherweise, um ihnen einen Schein des Rechtes zu geben, allerhand Vorwand hat erfinden müssen. Aber diese Gattungen des Vorwandes, liebster Ve-Che-Chan,