Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1915)
- Date
- 1915-01-29
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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55 Zwangsasse ntiernng! Ein Arzt riß mir die Kinnbacken auseinander, das; es knackte, klopfte mir auf der Brust herum und riß mir die Augenlider auf, alles in wenigen Minuten unter einem Wortschwall, von dem ich nicht das zehnte verstand. Zehn Minuten später stand ich eingekleidet als Jäger in der Front. Das Leben, das damit begann, war so ganz verschieden von allem, was einstens mein Knabenhirn erträumt und mein Herz ersehnt hatte, daß mich eine tiefe Traurigkeit überkam und eine eigene Sehnsucht meine Sinne erfaßte. Am steinharten Lager der Kasernen träumte ich zum erstenmal in meinem Leben von meinen Eltern, die ich gar nicht gekannt, deren Liebe ich ja nie genossen hatte, und mein Los schien mir mit einem Male so drückend, mein Lebensweg so schwer, daß ich fast verzweifelte. Am nächsten Morgen lag über der Stadt ein schwerer Nebel und ein eigenartiges Licht gab den Objekten seltene Reflexe. Ich weiß nicht, ob ich mich recht verständlich mache, wenn ich behaupte, daß der Geruch nach Blut die Augen alles rot sehen ließ und uns zu Narren unserer Sinne machte. Am Platze vor der Kaserne johlte ein Hausen und jenseits der Donau dröhnten die Kanonen. An den Ecken wurden die Preßartikel verlesen und in den Cafes Waffen verteilt. Man innnkelte von allerlei bestialischen Tätlichkeiten und erzählte sich, der Kriegsminister Lamberg sei, wie sein Wiener Kollege Latour, ermordet worden. Als wir zur Brücke kamen, die nach Ofen führte, sahen wir seinen Leichnam, der mit Tüchern verhüllt auf seinen Wagen geladen wurde; das war am 28. September. Die folgenden Nächte war die Stadt in hellem Aufruhr und der Bürger ließ sein Lager unberührt. Die Häuser, die Steine, die Geschöpfe, die halbtot im Rinnstein lagen und ivimmerten, all das sah abscheulich aus und roch nach Tod und Seuche, daß einem schwarz vor den Augen ward, man den Verstand verlor, instinktiv zu handeln sich gewöhnte und am nächsten Morgen die Ereignisse des gestrigen Tages vollkommen vergessen schienen. Die Befehle klangen dumpf und grollend, die Ruse der Mengen bald heiser, bald schrill und unsereiner handelte wie eine Puppe am Schnürchen. Das waren die Septcmbertage, die sich meinem Hirn eingeprägt haben als ein Ereignis, dem meine Seele heute noch nachzittert, als überkäme sie erst jetzt die Ahnung der Größe jener Zeit, die mich als halbfertigen Menschen sah. Es kam jener denkwürdige 2. Oktober heran, an dem Görgeh den Grafen Zichh standrechtlich hinrichten ließ, es kam der Tag von Ozora, der Tag von Schwechat, dem die Proklaination als unmittelbare Folge des Rückzuges gegen Waitzen folgte. Ein Sieg jagte den andern wie eine Hetzjagd, Eilmärsche wechselten mit jämmerlichen Lagern, und kaum, daß man die reine Luft vertrug, so war die Nase an den Pulverdampf gewöhnt. (Fortsetzung folgt.) Leiden der Inden in Knien während des Krieges. er Berichterstatter L n c i a n M agrini der (deutschfeindlichen) Mailänder Zeitung „II Secolo" gibt in einem Bericht vom 16. Dezember v. I.: „Episoden des Krieges in Polen" eine erschütternde Darstellung der Folgen des Krieges für die jüdische Bevölkerung des schwer heimgesuchten Landes. Er hat von Warschau aus die zur Hälfte von Juden bewohnte Stadt Skierniewic besucht, die zur Zeit der Abfassung des Berichts wiederum von den Russen besetzt war. Er fand dort großen Mangel an Lebensmitteln vor, da die militärischen Requisitionen die Stadt vollkommen davon! entblößt hatten. Fast alle Läden waren vollständig geleert. | Die Juden, die beinahe den ganzen Handel in Händen haben, j waren auf Befehl der militärischen Behörden in Mengen ausi gewiesen worden und mußten sich nach Warschau begeben, z Alle Läden der Juden wurden geplündert und zerstört, weil der z Antisemitismus in Polen ailßerordentlich heftig ist, und die; armen Juden dort verfolgt werden, da sie verdächtig sind, dein Feind (d. h. den Deutschen) Informationen zu liefern. Aber der durchaus nicht deutschfreundliche Berichterstatter weiß von! keinem bestimmten Fall, wo ein Jude Spionage zugunsten der! Deutschen allsgeübt hätte, irnd bemerkt, daß, selbst wenn ein; solcher Fall vorgekommen wäre, dies nicht die Verallgemeinerung der Anklage und noch weniger die Verfolgllngeli; rechtfertigen würde. Freilich schien es ihm, als ob die Juden in manchen Ortschaften die Telltscheu freundschaftlich aufj genommen hätten, und diese ihrerseits mehr Rücksichten auf die Juden als auf die Polen genommen Hütten. Diese Tatsache i werde von dem schon im Lande vorhandenen Antisemitisnuis 1 ausgebeutet und mit der ausgezeichneten Kenntnis in Ver- : bindung gebracht, die die Delltschen von den Verhältnissen Polens hätten. So bildeten sich eine Anzahl Legenden gegen i die Juden, die größtenteils so töricht sind, daß ihre Unwahrscheinlichkeit ohne weiteres in die Allgen springt. Dennoch , werden sie von den Einwohnern den russischen Soldaten er-! zählt, verbreiten sich rasend schnell im russischen Heere lind rufen Repressalien und Plünderung hervor. Tie Militür- | behörden wären wohl imstande gewesen, diese Vergiftung der ' öffentlichen Meinung zu unterdrücken. Statt dessen waren sie i es, die den Anklagen gegen die Juden noch einen Schein voll! Berechtigung gaben, wenn sie sie in Menge einkerkerten oder! auswiesen. So gewannen die russischen Soldaten die Ueberj zeugung, daß die Juden Spione wären lind sich zu ihrem! Verderben verschworen hätten, und der Jlldenhaß flammte in! ihnen aus. Der Berichterstatter des „Secolo" bringt mm eine Anzahl Beispiele, die beweisen sollen, daß die Delltschen über alle Ver-; hültnisse der Bewohner Polens ausgezeichnet llnterrichtet wären.! Tie hätten z. B. gewllßt, wieviel Pferde llnd Rinder ein Ellts-; bescher der Umgebung von Skierniewic habe. Ein anderer wurde nach dem Verbleib seines Automobils gefragt, das er; allerdings in ein anderes Dorf geschickt hatte, lim zll verhindern, daß die Rilssen es requirierten. Aber der Italiener ist gerecht genug, um zll betonen, daß es nicht die Jllden gewesen sein müssen, die den Deutschen Spiouendienste geleistet! haben, da es ja in Polen genug alte deutsche Kolonien gibt, die ebensogllt jede gewünschte Information liefern könnten wie die Juden. Am Schlüsse seines Berichtes läßt er den Deutschen in Polen volle Gerechtigkeit widerfahren und betont, daß die blühende Textilindustrie vollkommen von den Delltschen geschaffen worden sei, die auch nahezu die Hälfte aller Textilfabriken in Händen haben. In der Metallindustrie besäßen sie ebenfalls einen beträchtlichen Teil der Fabriken. Der Bericht des Italieners, den ich hier auszugslveise i wiedergegeben habe, wiegt lun so schwerer, da er von einer Seite kommt, die keinerlei Vorliebe für Deutschland besitzt.! Wenn der Berichterstatter also die Leiden der Jllden besonders! zll betonen für nötig findet, so müssen sie in der Tat außerordentlich betrübend sein llnd schnelle Hilfe wird not tun, sobald das deutsche Heer im gesicherten Besitz des heiß umstrittenen Landes ist und wieder normale Zustände einzlltreten beginnen. Vielleicht ist es schon jetzt mit Unterstützung der; Militärbehörde, die ja der jüdischen Bevölkerung wohlgesinnt ' ist und auf ihre Deutschfreundlichkeit rechnet, möglich, die unverschuldeten Leiden der jüdischen Bevölkerung Polens zu lindern. Diese Zeilen mögen eine Anregung dafür darstellen. Dr. S i g m und Fei st.