Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229183--71059-3283377
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i>4 abenteuerlich, lebeudurchglühteu Weltlichen erschienen wie eben jetzt. Ich starrte mit trunkenem Auge und unruhig pochendem Herzen dem Aufzuge nach, bis er hinter dem Graben, ht die heutige Leihaunsgasse bog und meinen Blicken entschwand. Da stieß mich jemand sanft in die Hüfte: Bub! Mitten in der Gaffen ist schlecht träumen! Ich: Herr, die Welt ist so schön! Darauf er: Ei, Bub, du bist ein Philosoph? Ich daraus: Nein, Herr, ein Klosterschüler! Er: Willst wohl geistlich werden? Und ich: Nein, Herr, ich bin ein Judenkind! Worauf er mich ganz ungläubig anguckt und nichts sagt als: „So, so" und sich sehr zu wundern scheint. In meinem Herzen brennt aber seit jener Stunde der Lebensfunke unb meine Zelle erdrückt mich. Der Gesang der Brüder wird mir ein Grabgesang imb ich fliehe mitten in der Nacht zu meinem Onkel, den ich aus dem Schlafe reiße. „Bub! Was ist passiert?" „Ich Halts nimmer aus," ruf ich verzweifelt, „ich will den Tag um mich sehen und die Menschen." „Dir bist verrückt." Er legte mich, besorgt um meinen Zustand, zu sich ins Bett: die Tante kocht mir schnell eine heiße Suppe; und mein Weltschmerz ist für einige Stunden vergessen. Am frühen Morgen suchte mein Onkel den alten Prior auf und bat ihn um meine Entlassung und um ein Abgangszeugnis. Als Grund des plötzlichen Abschieds, der dem Alten nahe zu gehen schien, gab mein Onkel seelische Erkrankung an, die ihm aber wohl nicht geglaubt wurde. Ter Prior hieß mich mittags auf sein Zimmer kommen, das mir bislang der Inbegriff alles Herrlichen geschienen, weil es mit ganz seltenem Krims-Krams, mit Getier und Gebein, mit Geräten und Karten, Kloben und Reagenzglüschen vollgepfropft war. Er redete mir lieb ins Genüssen, befahl meine Seele dem Schutze des Himmels, sprach ein kurzes Gebet und händigte mir das Schulzeugnis aus, das meine Kenntnisse aus gewichtigem Papier mit Siegel und Wappen aller Welt offenbarte. Als ich den großen Klosterhof überschritt, betraten die Brüder gerade das Refektorium irnd stellten sich zum Tischgebet an. Ich faltete unwillkürlich auch ineine Hände und sagte zu meinem Herrgott: Laß es gut werden und ich werde deinen Namen immer preisen; so schloß ich nüt Gott den Vertrag! Was nun? Beim Onkel bleiben wollte ich keinesfalls, das alte Prag schien meiner erwachten Jugend zu eng und zu alt, also auswandern! Ich besann mich, davon gehört zu haben, daß in Pest ein Jugendfreund meines Vaters in sehr guten Verhältnissen lebte! Alls nach Pest! Merkwürdigerweise teilte ich meinem Onkel meine Absicht mit und merkwürdigerweise gab er mir ohne weiteres seine Erlaubnis dazu. Mein Ranzel wurde mit einigem Vorrat versehen — mein armer Onkel seufzte bei jedem Stück Brot, das mir die gute Tante in den Sack pfropfte , ich bekam sogar ein paar Silberstücke in die Hand und wohlgemut, mit offenen Augen, frohem Herzen, mit Lebenslust und Jugendübermut trat ich den ersten Schritt aus meiner Heimat, in die ich nach vielen vielen Jahren, an Leib unb Seele krank, zurückkehren sollte. -Tie Papiere hören hier auf; einige hingestreute Sätze lassen vermuten, daß der Knabe nicht ohne Fährnisse, teils zu Fuß, teils als Fahrgast eines Pferdehändlers auf dessen Krampenwagen den weiten Weg bewältigt nnd nach einem Vierteljahre glücklich in Pest im Hause des reichen Lederhändlers Goldberg anlangte. Er verlebt hier als Hauslehrer des Sohnes einige sehr glückliche Jahre, wird wie das Kind des Hauses behandelt, treu behütet und bewacht und sieht einen klaren geraden Lebensweg vor sich, den er sich als armer Klosterschüler niemals erträumt hätte. Da bricht das tolle Jahr an und die Glückseligkeit nimmt ein jähes Ende . . . . . . „Geza, Jetti und ich waren die einzigen, die sich noch im Vorraum aufhielten. Ich beaufsichtigte die kleine Jetti, die unaufhörlich schluchzte und drängte sie sanft mit Geza zur Hintertür hinaus. Kaum hatten sie die Hoftüre geschlossen, als mich ein heftiger Lärm von neuem erbeben macht. Ich breche rasch dem Stuhl, an dem noch Kleidersetzen hängen, ein | Bein ab, lehne mich an die Wand und, als die Außentüre von ' nmem unter den Hieben zersplittert, springe ich heran und j schlage dem ersten, der ins Zimmer dringt, das Stuhlbein j gegen die Knochen, daß er fluchend seinen Hinterlader fallen! läßt, den ich gierig aushebe." ... Das Ende des furchtbaren Krawalls, der schon sehr nach Revolution schmeckte, war die Verhaftung des unschuldii gen jungen Pollak, den eine Patrouille in dem Augenblick faßte, als er, pulvergeschwärzt, mit blutunterlaufenen Augen seine Flinte laden will. Er wird zwangsweise in das Regiment! der Kossuthschen Jäger gesteckt. j ... „Ta war ich nun mit meinem Jähzorn, mit meinem j übertriebenen Mut, meiner Lust am Skandalieren, und meine! Lage schien mir trostlos. Die Stadt hatte über Nacht ihr Aussehen verändert, ganz wie mein Schicksal, das auch das ihrige zil werden drohte. Sie wurde geknebelt, ausgesaugt und verwüstet. Sie wurde mit unzähligen Erlassen und Aufrufen verwirrt gemacht, der Pulvergeruch benahm ihr den Atem und der Tod schlich ahnungsvoll durch die Gassen. Das war das Jahr 1848, das war die Revolution, die auch in weniger heißen Köpfen, als es just die ungrischen sind, ihren Spuk trieb und die alte Welt aus ihren Angeln hob. Da stand ich inmitten als der Wirren, mein heißes Blut gaukelte mir die altersgrauen Winkel meines Prager Klosters vor und zum erstenmal taucht in mir eine Ahnung der Weltenweisheit auf, und darüber werde ich zum Manne." Mit Stößen, Fluchen und Gejohle — Hetzlieder wechselten mit politischen Gassenhauern - trieb man mich in die Kaserne In welcher Gegend sie lag, ist mir nicht mehr deutlich in Erinnerung, genug, daß es ein breiter, bröckliger Kasten war, von dem gerade so viel hielt, als nötig war, dem Regen Einhalt zu tun und die Sonne abzuhalten. Das erste Appartement, das ich in diesem Eulengemäuer zu sehen bekam, war natürlich das Arrestlokal, in das mich die Patrouille auf 24 Stunden warf. Ich war selbstverständlich nicht der einzige Aufgegriffene: ein Siebenbürger Sachse, einGalizianer aus Brody, zwei Pester, ein Südungar, den sie beim Demolieren einer Wachstube aufgegabelt hatten, vervollständigten die Gesellschaft. Der Siebenbürger war groß und hager wie ich, sein Schnurrbart war in martialische Spitzen gezogen, die buschigen Brauen zuckten nervös bei jedem Fluche und ließen ihn mir als eine antike Waldensteinsche Figur redivivus erscheinen. Der jüngere der beiden Pester, der mir zeitlebens ein treuer Kumpan geblieben ist, stammte eigentlich aus Mähren, aus der Gewitscher Gegend, hieß Haftelmacher und war Schullehrer von Beruf. Die anderen waren betrunken und machten den Eindruck harmlos bescheidener Kleinbürger, die mit dem großen Gesindel aufgelesen und hergeschleppt! worden waren. Der Eindruck, den ich gewann, war eher j komisch als bedrückt und tatsächlich verzog sich auch unbewußt! mein Gesicht zur Fratze, so daß mich der Siebenbürger zornig [ mit dem Fuß gegen den Bauch stieß und fluchte: „Hund, was ' lachst?" Für den Tritt bekam er eins gegen die Nase, die mich schon lange herausfordernd angeblitzt hatte, daß sie ins Wanken kam und ihre Form einbüßte. Der Sachse spie mich an, zog sein Reifenmesser und stieß nach mir, daß die ganze Bande wild aufsprang und ein Heidenlärm entstand, der die Posten herbeilockte. Ich gab zu guter Letzt dem tückischen Gesellen noch eine Ohrfeige, daß er gegen die Ecke flog, dann riß mich der Wachposten hinaus und schubbs, eh ich mich recht besann, flog ich in eine Kammer, in der ich nichts von den Wänden sehen konnte, so sehr war sie mit Menschen vollgepfropft.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.