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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 Verwaltung: der Armenpflege, den Heimstätten, dem Rettungswesen, der Stiftungsdeputation, den Markthallen, den städtischen Krankenanstalten an. Fast ebenso lange wie der Stadt, widmete er seine Dienste den Juden im allgemeinen, der Jüdischen Gemeinde Berlin im besonderen. Auch hier konnte man überall aus ihn rechnen. Geistige und materielle Bestrebungen förderte er in gleicher Weise, aber gang besonders waren es auch hier die Wohlsahrts- und Wohltätigkeitsanstalten, denen er seine ganze i Kraft widmete. Seit 27 Jahren war er Mitglied des Vorstandes des Brüdevvereins, seit 1908 dessen Direktor. Er hat den Verein für jüdische Krankenpflegerinnen ins Leben gerufen und stand 20 Jahre lang an seiner Spitze. Er war der Stifter und der stets opferbereite Gönner des Vereins Jüdisches Genesungsheim in Lehnitz, er war der Vorstand des Krankenhauses, dem seine ganz besondere Tätigkeit und Liebe galt. In der Verwaltung der Jüdischen Gemeinde, der er 25 Jahre lang angehörte, hat er Unvergängliches geleistet. In dem Repräsentantenkollegium fehlte er, wenn ihn nicht etwa Krankheit und Reisen daran hinderten, nie bei einer Sitzung. Er war unermüdlich in Plenarsitzungen und Kommissionen. Er genoß allgemeine Beliebtheit und rückhaltloses Vertrauen. Trotz seines stark ausgesprochenen Liberalismus war er nach dem Rücktritte Hermann Landsbergers der Mann, auf den sich die Blicke aller Parteien lenkten. Fünfzehn Jahre lang, mit Ausnahme eine kurzen Spanne Zeit, in der die Konservativen die Majorität besaßen, leitete er die Geschäfte dieser Versammlungen. Seine Eignung zu dieser Würde beruhte weniger in der imposanten Persönlichkeit eines Makower, auch nicht in der frischen sprudelnden Beweglichkeit eines Hermann Landsberger, sondern in der mit unverwüstlicher Ruhe gepaarten Würde, der Macht seiner Persönlichkeit und seiner strengen Sachlichkeit. Er leitete die Geschäfte mit Ruhe und staunenswerter Sachkenntnis und mit einer wunderbaren Unbestechlichkeit. Ohne glänzende Rednergabe zu besitzen, fand er stets das passende Wort, ohne seinen liberalen Standpunkt zu verleugnen, bewies er strenge Unparteilichkeit und versöhnliche Milde. Er erfreute sich der Gunst aller Parteien. Die allgemeine Anerkennung kam in schönster Weise in der letzten Sitzung der Repräsentanten zum Ausdruck, da seine seit einem Vierteljahrhundert der Versammlung gewidmete Tätigkeit mit einmütigem Lobe und großer Herzlichkeit gepriesen wurde. Ein schneller Tod, ohne vorhergehende Krankheit, ohne Ahnung seines Endes hat den scheinbar kräftigen Mann hinweggerafft. Er hatte früh im Leben erkannt, was sein Glück ausmache, hatte es erfaßt und genossen, er war glücklich im schönsten Sinne des Wortes. Und wie er selbst glücklich war, so verstand er es, in engen und weiten Kreisen Glück zu bereiten. Es hat wenige Männer unter uns gegeben, die so aufrecht und unantastbar dastanden, wie er. Sein Tod reißt eine ungeheure Lücke. Die große Schar der Seinen, seiner Anhänger und Verehrer fühlt sich des liebenden Beraters, des Hauptes, des Vaters beraubt. Einer der Trefflichsten und Wackersten ist mit ihm geschieden. Wir wollen versuchen, ihm ähnlich zu werden und in seinem Geiste zu wirken. Kus den Kapieren des Siegmund Kollak, KIdwkbr! im k. und k. hufgiiterje-krgimeiit Großfürst Mjchse! von Kußlsnd (Kr. 102) in Orsg. Von Maximilian B l u m. ie nachstehenden Aufzeichnungen, Bruchstücke sauber gezeichneter Memoiren, deren Hauptteile leider verloren gegangen sind, sind wörtlich dem Nachlasse des fast Achtzigjährigen entnommen und dokumentieren die alte Wahrheit, die das Leben zum romantischsten der Romane stempelt. Ich bin am 2. Juli 1821 in Prag als Sohn eines Kaufmanns, als Enkel des Leibarztes Marie Antoinettes geboren und auf den Namen Siegmund Pollak in die Matrikel der jüdischen Kultusgemeinde eingetragen worden. Da meine Eltern frühzeitig starben, nahm mich ein Bruder meines Vaters, allerdings nur auf kurze Zeit, ins Haus, denn seine Familie war zu groß, sein Geldbeutel zu klein, um noch einen hungrigen Mund zustopfen zu können. Kurzerhand gab er mich zu den gelehrten Paters in das Kloster der Klostergasse, zu dem ich nur wenige Schritte zu laufen hatte. Dort verlebte ich eine sorgenfreie Jugend, lernte aber gleichzeitig den Ernst des Lebens verstehen und den ewigen Unfrieden des weltlichen Alltags hassen. Die Brüder machten nicht nur keinerlei Versuche, mich zu ihrem Bekenntnis zu bekehren, sie ließen mir sogar vom Rabbiner der alten Synagoge Religionsunterricht erteilen, so daß ich nicht nur sehr bald ein vorzügliches Latein, sondern auch ein gutes Hebräisch sprach und Talmud, Thora, Gomoorha mir wohlvertraute Bücher schienen. Natürlich sprach und schrieb ich ein fehlerloses Deutsch, verstand daneben auch Tschechisch, das damals allerdings noch lange nicht im Range einer Landessprache stand. Im Kloster blieb ich, von allen wohl gelitten, mit Gott und der Welt zufrieden, bis zu meinem zwölften Lebensjahre. Viel Abwechslung boten die Tage nicht, die, da der eine dem anderen glich, ohne Kampf, ohne Traum, ohne Sehnsucht verrannen, das Sehnen hätten wohl unsere altersgrauen Klostermauern sehr bald erstickt. Einmal aber, ich weiß mich dessen sehr wohl zu erinnern, es war an einem Sonntag im Spätherbst, an dem die Sonne in seltener Pracht herabsah und ich vom Rabbi in meine Zelle zurückkehrte, erblickte ich eine Schar von Gassenbuben, die einem Trupp Soldaten nachliefen, der gerade zur Wachablösung zum Hradschin aufmarschierte. Wohl war mir? der Anblick kein fremder, wohl kannte ich Soldaten, wie ich Prager Gassenbuben kannte, aber niemals vorher war mir die l Gesamtgruppe als solche, als die Verkörperung alles Stadtverordneter Louis Sachs Vorsitzender des Bepräsentantenkollegiums der jüdischen Gemeinde,^in Berlin, fgestorben ^den Januar »^9^5.

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