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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-29 · Heft 5 (29.1.1915) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 5 (29.1.1915)
Date
1915-01-29
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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—52 öeschasfene Gvoßh-erzigkeit Englands zu glauben, sind heute auf Erden lvenige. Die Juden aber mit ihrem guten Instinkt für Menschenwerte, ihrer alten Witterung fürs Verborgene, «am allerwenigsten. Durch eine bloße Geste sind sie nicht zu fangen — selbst wenn man den skeptischsten und gewiß ungevcchtWen Standpunkt, daß der Patriotismus der Juden nicht vollwertig, gelten lassen wollte. Aber mit der Spekulation auf den Zionismus ist es schon gar nicht zu machen. Dazu ist heute die denkbar ungeeignetste Stunde. Vielleicht dürfen die Juden das Wort des gefallenen Sozialistensührers Frank, daß dieser Krieg eine neue Aera auch i.m> Innern Deutschlands einteiten werde, auch für sich anwenden. Vielleicht gehört zu den Gegensätzen, die es nach des Kaisers Worten künftig nicht mehr geben soll, auch der der Rassen im Deutschen Reich. Dann dürste die zionistische Idee nur noch das Leben einer schönen, romantischen, aber überwundenen Utopie führen. Denn was auch immer die deutschen Zionisten über Ursprung und Natur ihres Programms gesagt Haben: seine Grundvoraussetzung war doch immer die besonders geartete soziale und gesellschaftliche j Stellung des Judentums in Deutschland. Gewiß — die Juden sind! eine von der germanischen sehr verschiedene Rasse. Wer der Zionismus setzt nicht nur das voraus, sondern: daß sie ein Volk sind. Das sind sie heute nicht mehr. Sonst siele auch jeder sächsische Bürger, der den Soröentyp repräsentiert, aus dem Begriffsrahmen des deutschen Volkes. Der Irrtum konnte dadurch entstehen, daß Zurückhaltung oder gar Boykott gegenüber den Juden sie ihre Zusammengehörigkeit naturgemäß stärker fühlen ließ. Aber die weitaus große Mehrheit der deutschen Juden hat dennoch den Bestrebungen, imalten Judenland — oder anderswo ein neues Judenreich zu errichten, nie wehr als das Interesse für eine Art „Wohltätigkeitsbestrebung" entgegengebracht: Wohltätigkeitsbestrebung für die Juden Rußlands. Für die wäre selbstverständlich in jedem Augenblick die Schaffung einer „öffentlich und rechtlich gesicherten Heimstätte" (Wortlaut des Baseler Zionistenprogramms) eine Notwendigkeit. Sie haben noch nicht, wie b:x deutsche und im allgemeinen auch der österreichische Jude, Wurzeln in den Boden ihres „Wirtslandes" schlagen können. Sie sind heimatlos. Für sie hat der Zionismus Realwert. Aber auch sie werden sich durch den Londoner Schwindel nicht fangen lassen. Diese polnischen und russischen Juden, in so bedrückten Verhältnissen sie sich befinden, leben mit sehr offenen Augen. Sie haben immer verfolgt, was in Europa vorgeht. Und sie wissen, was es heißt, ein von England „garantierter" „unabhängiger" Staat zu sein. Sie wissen, daß der Schritt von der englischen Garantie zum englischen Protektorat verblüffend schnell vor sich geht, und sehen jetzt an Aegypten, daß der weitere Schritt vom Protektorat zur Besitzergreifung nicht langsamer getan ist. Sie sehen ferner an allen von England abhängigen Kolonialländern, daß nicht der Bürger dieser Länder, sondern nur der Engländer selbst den Ertrag des Bodens und der Landesarbeit einheimst. Englands System, zu rauben und auszusaugen, unterscheidet sich von dem des Zaren nur durch den Firniß. Ob es irgendwo ein semitisches Gehirn gibt, das ans diesen Firniß hcreinfällt? | jEouia Sachs. | Von Ludwig Geiger. ie Jüdische Gemeinde Berlin hat einen schier unersetzlichen Verlust erlitten. Herr Louis Sachs ist am 21. Januar, an demselben Tage, an dem Herr Julius Jacoby zur letzten Ruhe bestattet wurde, gestorben. Louis Sachs stand bei seinem unerwarteten Tode inmitten seiner Kraft und lebte bis zum letzten Augenblick in einer gleichmäßigen, die Tätigkeit eines ganzen Mannes in Anspruch nehmenden Wirksamkeit. Louis Sachs stand einem großen Geschäft (Gebrüder Ginsberg) vor. Er war durch diese redlich geübte, mit echtem kaufmännischen Geist und großem Geschick geführte Arbeit ein reicher und weitbekannter Mann geworden. Er lebte mit seiner reichbegabten, seine Bestrebungen verstehenden und fördernden Gattin in glänzenden Verhältnissen. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, das Glück hatte, gelegentlich bei seinen großen Herrengesellschaften zu erscheinen, der bewunderte nicht nur den Glanz der Räume, die Pracht der gebotenen Genüsse, sondern erlabte sich an der schlichten Weise des Hausherrn und der Hausfrau, die beide in wunderbarer Weise verstanden, jeden: Gast sein Behagen zu verschaffen, durch freundliche, liebenswürdige Worte die einzelnen zu ermuntern und zu unterhalten. Bei diesen Gesellschaften waren die Väter der Stadt (Magistrat, Stadtverordnete und Ehrenbeamte), wie die Mitglieder der jüdischen Verwaltung (Vorstand und Repräsentanten), sowie die durch Titel oder Stellung hervorragenden Israeliten gleichmäßig vertreten. Es war die Elite der Berliner Gesellschaft, die durch Stellung, Reichtum, geistige Bedeutung und Ansehen sich einen Namen gemacht hatte. Jeder verlebte genußreiche Stunden, bei denen interessante Bekanntschaften gemacht, gelegentliche Berührungen gefestigt und neue Verbindungen angeknüpst wurden. Bei solchen Festen wurde die Gesellschaft nach dem Essen durch Kunstgenüsse edelster Art unterhalten: Gesänge und Instrumentalmusik wechselten in angenehmer Weise ab, nicht zu laut und nicht zu lang, so daß die Unterhaltung nicht unterbunden wurde, und künstlerisch so bedeutend, um die Plaudernden anzuregen oder das stockende Gespräch zu beleben. Die Künstler und Künstlerinnen, die hier auftraten, waren Freunde oder Günstlinge des Herrn Sachs. Denn nicht mit der Vorführung von Zelebritäten allerersten Ranges, die den großen Mitteln des Hausherrn wohl erreichbar gewesen wären, suchte er zu glänzen, sondern mit der solcher Künstler, die es zwar zu hoher Stellung gebracht hatten, aber deren schwere Anfänge von Sachs und feiner kunstsinnigen Gattin erleichtert und gefördert worden waren. Diesem großartigen, der Oeffentlichkeit verborgenen, nur im stillen geübten Mäzenatentum schloß sich eine gleichfalls nicht prunkende, nicht durch lauten Selbstruhm verbrämte, sondern absichtlich der großen Maße verborgene großzügige Wohltätigkeit an. Es ist mir einmal erzählt worden, Sachs habe ein eigenes Bureau für die Masse von Vormundschaften, die er sich hatte übertragen lassen, und deren Pflichten er aufs eifrigste erfüllte. Er war für alle wohltätigen Zwecke zu haben. Er liebte es nicht, daß sein Name in öffentlichen Sammellisten erschien, er gab nicht ausschließlich für Zwecke, die ihm persönlich am Herzen lagen, sondern er verschloß sich keiner begründeten Bitte, keinem Anliegen, dessen Berechtigung er erkannte. Er war wohltätig, nicht bloß mit dem Beutel, sondern mit dem Herzen, rechnete nicht auf Dankbarkeit, sondern spendete, weil das Geben ihm Freude machte und ihn innerlich beglückte. Wenn er sich auch nie an die Oeffentlichkeit drängte, so wurde er durch sein ausgebreitetes Wissen, seine rasche Auffassung, seine Geschäftskenntnis dazu berufen, in öffentlichen Angelegenheiten eine Rolle zu spielen.! Er war ein liberaler Mann, der in den Bezirksvereinen der Stadt eine treibende Kraft von ungewöhnlicher Bedeutung war. Er beteiligte sich stets bei den Wahlen zum Landtag und zum Reichstag im fortschrittlichen Sinn, unterstützte die Wahlfonds durch reichliche Gaben und wußte durch seine maßvolle Art Streitigkeiten beizulegen. Für die Stadt Berlin war er fast drei Jahrzehnte lang einer der führenden Männer. Kein einseitiger Parteimann, obgleich er auch hier seinen Liberalismus nie verleugnete, kein selbstgefälliger Streber, der sich etwa in alles hineinmischen, überall ein Wörtlein zugeben und seine Persönlichkeit zeigen wollte, sondern ein Tatenmensch, der überall da war, wo es nicht zu repräsentieren, sondern wo es zu arbeiten galt, knapp in seinen Reden, gewichtig in seinen Taten, sich weise beschränkend auf die Angelegenheiten, für die er besonderes Verständnis und Hervorvagende Begabung besaß. Sein Interesse gehörte den mannigfachsten Zweigen der städtischen

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