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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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47 EX«. Sfr neue Lhrilt. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencsöni. (Fortsetzving.) V^^as hast du ihnen sagen lassen?" fragte Gaston, indem V V'' er in gespannter Erwartung seinen Blick in die Augen des Vaters bohrte. „Ich habe ihnen sagen lassen, daß ich das Kreuz nicht entfernen kann." Gaston schwieg eine Weile. Die Antwort überraschte ihn nicht. Was anderes konnte ihnen denn sein Vater sagen lassen? Dennoch regte sich ein bitteres Gefühl in seinem Herzen, und er konnte sich auch nicht enthalten, diesem Ausdruck zu verleihen. „Daraus ersiehst du, mein Vater, wie weit es führt, wenn der Mensch einen Kampf gegen die Natur beginnt." „Ich habe gar leinen Kampf begonnen", entgegnete Littauer schlechtgelaunt. „Du hast dich taufen lassen." „Du auch." „Aber meine Taufe ist keine Rassenverleugnung. Ich bin auch jetzt noch der Alte." Samuel Spitz wußte nicht, was man unter dem Begriff der Rassenverleugnung verstehen sollte, aber beim Hören dieses Wortes zog eine süße Ahnung in seine Seele. Und, seine Gesandtenpose vergessend, stellte er sich auf die Zehenspitzen und fragte Gaston: „Also . . . also schämt sich -er gnädige Herr nicht, daß er Jude war?" Gaston wurde bei dieser Frage ganz nervös. „War! War! Ich fühle mich auch jetzt noch als solchen." „Und Sie fühlen mit uns?" „Zum Teufel, wie denn nicht!" „Mit den Juden, Herr Professor?" „Mit den Juden, gewiß." Samuel Spitz preßte beide Hände an seine Brust, und jetzt rollten auch die paar Tränen, welche er in seiner Gesandtenwürde zurückdrängen mußte, aus seinen Augen. „Herr Professor, ich glaube dem Herrn Professor. Ich weiß, daß der Herr Professor ein gutes Herz hat. Ich bin ein armer und dummer Mensch, Herr Professor, aber ich gebe auch mein Leben für den Herrn Professor hin, weil er so schön von uns spricht. Auch lügen werde ich sogar für den Herrn Professor. Ich gehe, ich laufe, um die Kile aufzulärmen. Alle werden auf den Herrn Professor schwören, denn allen werde ich erzählen, daß der Herr Professor ganz so ist, als wäre er ein Jude. Ich gehe, Herr Professor, ich laufe, Herr Professor." Littauer ließ ihn stillestehen. Diese große Begeisterung könnte noch schädlich sein. Nicht nur Juden, auch andere werden stimmen. Samuel war nicht vergebens in diplomatischer Betrauung. Er verstand alles. Auch die feinsten Andeutungen. >,Also gut", beruhigte er Littauer, „dann werde ich das nicht sagen. Ich werde nur winken und mit den Augen blinzeln und sagen: Briderlech, seid keine Esel. Was wollet ihr von dem armen Goj haben? Kann er denn dafür, daß ihm Gott den Verstand genommen hat? Aber, wenn er ihm ihn gar nicht genommen hat? Wenn er nicht einmal ein Goj ist? Wer weiß es? Nichts kann man wissen. War jemand daHei, wie er sich getauft hat? Ich war nicht dabei und keiner von euch ... Da werden die Leute mich schon verstehen, Herr Professor . . . Eine Feder, Herr Professor, eine große Feder. Wenn ich sie nicht umstimme, will ich nicht Samuel Spitz heißen." Dann steckte er eine große Korteschseder an den Hut lind rannte davon. Aber die Juden konnte er doch nicht umstimmen. Vergeblich bemühte er sich, ihnen begreiflich zu machen, Gaston wäre ein Katholik, der Jude geblieben ist; den Juden in Letöce konnte man mit solchen gelehrten Eseleien nicht den Kopf verdrehen. Wenn man das Kreuz nicht entfernen läßt, dann möge er die Folgen tragen. Das Unwetter, welches Samuel Spitz vorausgesagt hatte, erhob sich tatsächlich über seinem Haupte. Freilich war Buchsbaum der größte Lärmmacher. Er würde es schon jenem Meschümed zeigen. Nun, er zeigte es ihm auch. „Kimmt's Jidelech", wiegelte er die Leute auf. Und die Leute gingen mit ihm. Sie wußten, daß es der Mühe wert sei, mit diesem Buchsbaum zu gehen. Solche Hetzen, wie sie Buchsbaum zu machen versteht, weiß sonst keiner zu veranstalten. Buchsbaum führte sie über den Marktplatz direkt zum Littauerschen Herrenhaus. Sie waren zahlreich und lärmten. Als sie sich dem Herrenhause näherten, schrie Buchsbaum: „Abzug Littauer!" Und die Menge brüllte nach ihm. „Abzug Littauer!" Im Herrenhause vernahm man den Spektakel und Männer wie Frauen drängten sich zu den Fenstern. Frau Suhajda und Frau Szentpäly taten ganz entsetzt: „Sehen Sie nur. Teuerste", sagte Frau Suhajda im Tone des Bedauerns zur Hausfrau. „Nicht wahr, es ist ein Gesindel? Diese möchten ja auch Gaston ans Kreuz schlagen." Dann flüsterte sie der Frau Szentpäly ins Ohr: „Geschieht ihnen recht! Wären sie unter ihresgleichen geblieben." Frau Littauer bebte vor Wut. „Hörst du, Johann! Jetzt ergötze dich an deinen Juden!" „Aber das ist ja fürchterlich", stammelte Elsa. Gaston war totenbleich geworden und schwieg. „Sie werden noch hereinstürmen!" kreischte Frau Sonngott. „Das Tor! Littauer, lassen Sie das Tor sperren!" Littauer schwieg. Frau Sonngott wandte sich jetzt an ihren Mann. Sie hätte ihn am liebsten geohrfeigt. Gern hätte sie laut geschrien, aber sie zischte bloß. „Da hat man die Bescherung! Hast du das gebraucht? Du warst in die Leute verliebt." Inzwischen wurde der Lärm draußen immer ohrenbetäubender. Die Leute befanden sich schon beinahe unter den Fenstern. Jetzt regte sich auch in Littauer der verhaltene Zorn. „Jetzt rede mit ihnen", höhnte er seinen Sohn. „Jetzt sage ihnen, daß du ihrer Rasse angehörst." „Ich will es ihnen auch sagen, ich werde es ihnen auch sagen", sprach Gaston. Else umklammerte seinen Arm. „Gaston, was wollen Sie tun? Bleiben Sie hier." Wütend riß Frau Sonngott das junge Mädchen von ihm los. „Du sollst von ihm lassen!" herrschte sie es an und ihre Augen glühten vor Haß. „Was willst du noch von ihm?" Auf ein Zeichen von Buchsbaum begann die Menge an dem Gittertor zu rütteln. Jemand warf einen Stein ins Fenster, und klirrend fiel die zerbrochene Scheibe mitten in die feine Gesellschaft. Der Lärm reizte die Demonstranten noch mehr. Aus der Hetze war eine ernste, drohende Demonstration geworden. Buchsbaum ließ die Fahne der Tüzes-Partei hoch flattern und stieß mit ihr, wie mit einer Lanze, gegen das Fenster.

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