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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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.45 Klaubensbrüder religiöse Bräuche io diesem schweren Kricgsjahre hintansetzen." Ich besprach die Sache mit einem journalistischen Bernfsgenoffen, der mir riet, die Angelegenheit nicht zu erörtern, mit dem Hinweis darauf, daß die Mazzotbäckereien ihre Tätigkeit bereits beendet, und daß die Staatsregierung beschlossen hätte, den Religionsgesellschaften das für ihre Bräuche notwendige Quantum Weizen sreizugeben. Ich persönlich trug Bedenken, mich über die Angelegenheit auszulassen, um nicht den Vorwurf der Unduldsamkeit wider mich heraufzubeschwören. Da aber auch ein nationalökonomischer Kollege von der Universität mich wegen der Sache interpellierte, so beschloß ich, mich an zwei strenggläubige Rabbiner zu wenden, und lasse ihre Antworten folgen. Ich würde mich freuen, wenn auch andere Berufene das Wort ergriffen. Vielleicht wäre es denkbar, daß, wenn wirklich die Herstellung der Mazzot bereits beendet wäre, ihr Verkauf seitens der Vorstände der Gemeinden geregelt und nur denjenigen Familien ein bestimmtes Quantum gewährt'würde, die es wirklich zur Betätigung ihrer religiösen Anschauungen benötigen. L. G. Herr Rabbiner Dr. E s ch e l b a ch e r - Berlin schreibt mir: Berlin, den 13. Januar 1915. Sehr geehrter Herr Geheimrat! „Die Ihnen gegenüber geäußerten Besorgnisse wegen eines unverhältnismäßig großen Konsums von Weizenmehl bei Beobachtung des religiösen Gebotes der Mazzot sind grundlos. Das Gebot, Mazzot zu -essen, besteht nur für die beiden ersten Abende und wird schon durch ein geringes Quantum erfüllt. Zur übrigen Zeit darf nur nichts Gesäuertes (Chomez, also Brot) gegessen werden, wohl aber andere Speisen, neben Fleisch und Eiern namentlich Gemüse und Kartosfeln. Die Kunst der jüdischen Küche hat eine Reihe der mannigfaltigsten, schmackhaften Gerichte' hervorgebracht und schon seit langer Zeit das jetzt zur weiten Geltung kommende Kartoffelmehl in Verbindung mit Zucker und Eiern zur Herstellung von Kuchen und anderen Backwaren verwendet. Ter Verbrauch an Mazzot ist daher im allgemeinen nicht größer wie sonst an weißem Gebäck und Brot. Bei der Herstellung der Mazzot wird die behördliche Anordnung der Mischung von Weizen-, Roggen- und Kartoffelmehl in rituell zulässiger Weise befolgt werden können, wenn auch mit Rücksicht auf den Wohlgeschmack derselben einige Aenderungen wünschenswert sind und ohne irgendwelche Beeinträchtigung des beabsichtigten Zweckes auch gewährt werden können. Ein großer Teil der Mazzot ist übrigens, wie Ihnen ja bekannt, bereits gebacken. Von irgendeinem Konflikt zwischen religiösen und patriotischen Pflichten kann also in dieser Sache keine Rede sein. Unter diesen Umständen ist auch die Abgabe eines für die Oesfentlichkeit bestimmten Gutachtens darüber nicht erforderlich. Wohl aber stelle ich Ihnen gern anheim, denjenigen, die sich deshalb an Sie gewandt haben oder noch wenden werden, von meinen Mitteilungen den Ihnen geeignet scheinenden Gebrauch zu machen." Von Herrn Rabbiner Dr. Jampel erhielt ich folgende Antwort: „Die deutsche Iudenheit, deren Patriotische Gesinnung nicht allein die Tapferen aus der Walstatt, sondern auch die Zuhausegebliebenen durch allseitige Opferfreudigkeit in glänzender Weise bekunden, wird in diesem Jahre auch bei der Lösung der Mazzotfrage Patriotische Rücksichten walten lassen müssen. Die Brotversorgung Deutschlands ist gegenwärtig das bedeutsamste Problem, zu dessen Lösung jeder einzelne von uns nach Kräften beitragen muß. Das preußische Kultusministerium hat daher bereits vor Monaten auch die israelitischen Kultusbeamten aufgefordert, im Gotteshause wie in der Schule Eltern wie Kinder zum sparsamen Umgehen mit dem Brote und insbesondere zur weitgehendsten Einschränkung des Verbrauchs von Weizenmehl energisch zu mahnen.- Die Mazzvtfabrikauten iverdcn wohl zu dieser Frage Stellung nehmen müssen. Inwiefern auch den Mazzot — natürlich mit Ausnahme der niJCö niXö der Sederabende — Kartoffelmehl beigemengt werden könnte, werden die Backkundigen zu entscheiden haben. Die Frage des Genusses der sonst am Passa verbotenen Hülsenfrüchte und dergl. (nVOEp)/ welche in Osteuropa in den Teuerungsjahren stets bejahend entschieden wird, kommt für uns weniger in Betracht. Als Hauptmoment kommt die allgemeine Einschränkung des Mazzvtgenusses in den Vordergrund dieses Probleme», weil diese individuelle Entsagung zur Verringerung des Weizenkonfunis viel beitragen könnte. Wenn man von den dem Religiousgesetze indifferent gegenüberstehenden Familien absieht, so kann man von den meisten jüdischen Häusern bestimmt behaupten, daß sie an Mazzot das Doppelte von dem, was der eigentliche Brotersatz erfordert, stets verkonsumieren. Die Liebhaber delektieren sich daran inehrere Wochen vor dem Feste und ebensolange nach demselben. Ein großer Teil der Mazzot wird für die historisch bekannten Pfannkuchen und ähnliche Leckerbissen verwendet und ein noch größerer Teil für die überlieferten Knödel. Das alles soll in diesem Jahre in erster Linie unterbleiben. Bedenkt man ferner, mit welcher Leichtigkeit all diejenigen, denen die Mazzot nicht munden, oder denen sie innere Beschwerden verursachen, auf den ganzen Mazzvtgenuß mit Ausnahme an den Sederabenden verzichten und sich dafür an anderen Speisen schadlos hatten, so begreift man erst recht, wieviel Weizenmehl hier gespart iverden kann, ohne daß dabei daS Religivnsgesctz, das eine Pflicht des Mazzvtgenießens nur für die beiden Sederabende kennt, eine Einbuße zu leiden braucht." Lriegsfürsorge in Groh-Lerttn. on jeher haben, biblischem Geiste folgend, die Berliner Juden au allen Bestrebungen der Wohlfahrtspflege tätigsten Anteil geuominen. Sv wirken auch jetzt in der Kriegszeit überaus zahlreiche Berliner Juden auf allen Gebieten der Kriegssürsvrge, der besonders den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde gewidmeten, wie der allgemeinen. Sie alle werden die Notwendigkeit empfinden, nicht nur mit den Zwecken, Einrichtungen und Leistungen der Organisation, für die sie arbeiten, vertraut zu sein, sondern mit allem, >vas Gesetzesvorsorge und freiwillige Liebestütigkeit für die vielen geschaffen hat, die unter dem Kriege nicht nur seelisch, sondern auch noch materiell leiden. Denn an sie alle tritt das Bedürfnis heran, denen, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen, auch auf Gebieten, die ihre Austragsorganisation nicht bearbeitet, ivenigstens durch ihren Rat, beizustehen: Belehrung zu bieten über die staatlichen und städtischen Hilfsaktionen und die Bestimmungen über deren Durchführung; Empfehlungen zu geben an die zuständigen Organe privater Fürsorge, wo Eingreifen geboten erscheint. Diese Vertrautheit mit allen Zweigen der Kriegssürsvrge können sie sich erwerben aus einem Büchlein, auf das hier wegen seiner praktischen Bedeutung für weitere jüdische Kreise hingewiesen sei, obwohl es nicht der spezifisch-jüdischen Literatur angehört. Es ist die von der „Zentrale für private Fürsorge" heransgegebcne Broschüre „Kriegssürsvrge in Groß-Berlin" (erschienen im Dezember 1914; bei der „Zentrale für private Fürsorge", Flottwellstraße 4, für 50 Pfennig erhältlich; als Verfasser zeichnen Fr. S. Wrvnsky und H. Amtögerichtsrat Dr. Friedeberg). Die Broschüre enthält in einem allgemeinen Teil (neben einer Ueberstcht über die wichtigsten Organe der privaten

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