Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Feldpostbriefe. 311 letzter ^eit sind un» einige Feldpostbriefe zugelvmwen, die nur in chronologischer Reihe folgen lassen: Der erste stammt oon dem Gefreiten Wilhelm Glasfeld und lautet folgendermaßen: Zwevezeele, den 13. Dezember 1914. „Liebe Eltern! Dii'in erster Gottesdienst in Feindesland. Am 11. Dezember, nachmittags 2 Uhr 50 Minuten, versammelten sich die Soldaten jüdischen Glaubens am Markt, um nach dem fünf Kilometer entfernten Städtchen Lichtervelde zum Gottesdienst zu gehen. Unser Bataillon hat mit mir nur noch elf Kämpfer jüdische«' Glaubens, und wieviel waren es damals in der Synagoge Schulstraße; wir sind sehr zusammengeschnwlzen. Punkt 3 Uhr verließen mir den Marktplatz und marschierten 50 Minuten aus der Chaussee entlang nach Lichtervelde, einem hübschen Städtchen; ich kannte es schon vom Durchmarschieren nach hier. Dort auf dem Marktplatz angekommen, meldete unser Führer, ein 33jühriger Kriegsfreiwilliger, welcher gleichfalls Gefreiter ist, dem ans seinem Wagen steigenden Rabbiner ans Magdeburg, den Namen konnte ich nicht erfahren, unsere Ankunft. Der Rabbiner trug einen grauen Ofsiziersmantel mit dem Abzeichen des Roten Kreuzes, neben welchem ein violetter ausgezeichnet war. Ein sehr netter Herr, welcher sich mit uns eine Weile unterhielt, bis die ganze Division herangekommen war. Einige Kameraden hatten bis zu 15 Kilometer zurückzulegen, um nach L. zu kommen. Alan sah da alle Waffengattungen und Chargen, und viele alte Bekannte traf ich dort. Nachdem uns der Ortskommandant ein Lokal angewiesen hatte, gingen wir hinein, es ivaren etwa loo Mann. Der Rabbiner nahm statt der Leuchter zwei Weinflaschen, indem er sagte: ,.C/est la guerrc“, und steckte die Schabbislichte an. Hinter demselben stand ein kleiner Leuchter mit den Ehaunkalichten. Bor Anfang des Gottesdienstes wurde von jedein ein Schein ausgefüllt zu statistischen Zwecken für die jüdische Gemeinde, auf der Rückseite sollten nur noch den Vermerk machen, ob wir ein Kriegsgebetbuch und ein Ehanukaheft zugeschickt haben wollten; ich bat um beides. Tann wurde ferner gefragt, wer von zn Haufe nichts zu erivarten habe: dieselben wurden notiert. Tann war noch eine Anfrage da von einer jüdischen Dame, welche um Adressen bat, um Liebesgaben zn schicken. Daun nuirde gefragt, loer es verstünde vorzubeten. Es meldete sich ein junger Mann, loelcher mit prachtvoller Stimme sang. Zuerst kam ein Borgebet, dann Lecho-Daudi, dann das Schema Zisroel, wie in der Synagoge bei Euch daheim gesungen. Hetzt kam die Ansprache, er wies uns auf die -Freitagabendfeier hin, wenn nur bei unseren Lieben sitzen und die Lichte angezündet werden. Daun ivurden die Ehanutalichte angezündet, und Nur sangen in -vebräisch das „Schirm und Schutz", wie bei Baker zu Hause. Nachher erläuterte er den Jnhatr ivnnderbar, daß dies Lied gerade so gut für die jetzige Zeit paßte. Dann lvnrde Lechv-Nerannennh gesungen, der Wein gesegnet, dann kam der Kaddisch für Leidtragende. Zuletzt segnete er uns, und wir marschierten auf der stockdunklen Chaussee nach unserem Quartier zurück, welches wir um 7 Uhr wieder erreichten. Das war ivundersehön, ich wünschte, es wäre jeden Freitag Gottesdienst. Die Ehanutalichte ivurdeu zwar einen Tag zu früh angezündet, aber wir sollten sie wenigstens sehen. Den folgenden Dag mußte der Rabbiner schon bei der 44. Division sein, sonst wäre der Gottesdienst einen Dag später gewesen. Natürlich gedachte er auch der Gefallenen, Gefangenen und Verwundeten in hübschen Worten. Euer Euch liebender Sohn Wilhelm." Der zweite Brief „Brüssel, im Dezember 1914" ist uns von dem Kriegsfreiwilligen Diplomingenieur A. Plaut zugeschickt und hat nachstehenden Wortlaut: „Mit einigem Neide sahen die in Brüssel liegenden deutschen Soldaten jüdischen Glaubens, daß für ihre christlichen Kameraden in religiöser Hinsicht weitgehend durch Einrichtung von Gottesdiensten gesorgt lvnrde. Es erfüllte sie daher mit ganz besonderer Befriedigung, daß der Generalgouvernenr, Erzellenz v. Bissing, Herrn Rabbiner Dr. Jaulus in Aachen mit der Wahrnehmung der Seelsorge betraute, und schon am Sonnabend, dem 2. Weihnachtstage, konnte auch für die jüdischen Soldaten in der «großen Synagoge in Brüssel, die in der Prachtstraße Rne de la Rogence liegt, ein deutscher Gottesdienst abgehalten lverden. Obwohl die Paroleausgabe vom vorhergehenden Dage den Hinweis, daß ein deutscher Gottesdienst stattfindet, nur in notdürftiger Form enthielt, waren etwa fünfzig Soldaten aller Truppen und Waffengattungen zur Synagoge geeilt. Es ist dies um so hoher nnzuschtagen, als im Gegensatz zu den christlichen Kameraden, die zum Gottesdienst besohlen werden, die Teilnahme an diesem Gottesdienste eine durchaus freiwillige war. Er fand im Anschluß all den belgischen Gottesdienst statt. Nachdem dieser beendet war, traten die Soldaten in festlich geputztem Anzug und Helm nach vorn, und das Niederländische Daukgebek erschallte als Eingangslied zum Himmel. Der Organist der Gemeinde hatte die Begleitung auf der Orgel übernommen. Daun hielt der Herr Rabbiner Dr. Jaulus die Predigt. Er sprach über die geschichtlichen Grundlagen des Mutes bei den Juden mit besonderer Bezugnahme auf die gegenwärtigen Kriegsereignisse. Als neuesten Nachweis führte er an, daß bereits über 700 jüdische Soldaten mit dem Eisernen Kreuz für bewiesenen Mut ausgezeichnet sind, eine kleine Anzahl selbst mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse. Ter Priestersegen schloß diese Ansprache, und dann folgte das gemeinsam gesungene Lied „Ich hast mich ergeben". Nach dein Gottesdienst stellten sich alle Soldaten dem Geistlichen vor; zu unserer Freude auch einige geschmückt mit dem Eisernen Kreuz. Es sollte dies ein Dank für den Rabbiner, Herrn Dr. Jaulus,-sein, der sich um die Feldseelsorge sehr verdient gemacht hat und sich bereit erklärte, auch dem einzelnen mit Rat unb Tat beizustehen. Dieser Militärgottesdienst soll von nun an regelmäßig stattfiuden: das ist sehr 31t begrüßen, da hierdurch auch äußerlich die Gleichberechtigung der jüdischen Soldaten in feelsorgerischer Beziehung gewährleistet ist." Das dritte Schreiben ist von einem verwundeten Soldaten geschrieben, dessen Name nicht genannt werden soll, und lautet: „Verwundet im Lazarett liegend, lese ich einige Feldpostbriefe in Ihrer Zeitschrift „Allgemeine Zeitung des Judentums". Auch ich erlaube mir, Ihnen Selbsterlebtes kurz zu schildern. Es war in der denkwürdigen Schlacht bei Tannenberg. Unsere Infanterie hatte das von den Russen zäh verteidigte Arys im Sturm genommen. Auf dem Wege dorthin hörte ich plötzlich das Röcheln eines schwer verwundeten Russen. Ich stieg vom Pferde. Ganz leise sprach er mich an: „Kam'rad, was hast getan, du hast mich erschossen." Ich erwiderte ihm, ich bin „Artilleria", und außerdem Krieg ist Krieg. Aus seine Bitte gab ich ihm die letzten Tropfen kalten Kaffees aus meiner Feldflasche. Zum Tank gab er mir sein Gebetbuch, den Siddur, mit den Worten: „Möge es dir, Kam'rad, Glück bringen, mir kann es nicht mehr." Ich führte den Befehl aus, ritt zn meiner Batterie zurück und kam dabei wieder an dem sterbenden Russen vorbei. Er erkannte mich und wollte mir etwas Zurufen. Seine Stimme versagte. Ich stieg herunter vom Pferde und beugte mich über ihn. Da nahm er mit der letzten Kraft aus seinem Beutel einen Streifen Pergamentpapier, dann verschied er. Ich drückte ihm« die Augen zu und las aus dem Bogen die Worte: Schmäh Jisroel, Adaunoj dauhenu, Adaunoj echvd. Siddur und diesen Streifen bewahre ich mir als . Andenken an diese unvergeßliche Stunde als treues Kleinod auf." Wir würden uns freuen, wenn diese Briefe anderen im Felde stehenden Glaubensgenossen Beraulnssung geben wollten, uns weitere Mitteilungen zu machen. L. G. Wrisemnthl und ie Zeitungsnachrichten, daß man bemüht sein müsse, mit den Weizenvorräten sparsam zu sein und die am 15. Januar in Kraft getretene Verordnung des Bundesrats, die für die Verwendung des Weizens bestimmte Vorschriften gab, haben auch bei unseren Glaubensgenossen die größte Aufmerksamkeit erregt. Aus meinem Leserkreise erhielt ich folgende Zuschrift. „Wäre es nicht eine patriotische Pflicht und Notwendigkeit, bei unseren Glaubensbrüdern dahin mit allen Mitteln zu wirken, daß in diesem Jahre der Konsum von Mazzot aus das äußerste eingeschränkt oder sogar möglichst aufgegeben wird? Die Regierung macht das deutsche Volk auf jede Weise und jeden Tag auf die Gefahren aufmerksam, denen wir entgegengehen, wenn nicht jedermann mit Weizen sparsam umgeht, und deshalb sollten nach meiner Meinung selbst fromme