Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Infolge des ausdrücklichen Wunsches des Kaisers sehen auch wir von jedem Geburtstagsartikel und Festgedichte ab. Gern aber geben wir einem uns zur Verfügung gestellten Feldpostbriefe des V i z e w a ch t m e i st e r s S i g m u n d H i r s ch, des Sohnes unseres trefflichen Repräsentanten, Herrn Ara Hirsch, Raum, der in schlichten Worten den Eindruck wiedergibt, den die Persönlichkeit des Kaisers auf die Soldaten ausübt. Der Brief lautet: Lava rde, den 8. Januar 1915. Lieber guter Vater! Liebe gute Mutter! Ich gratuliere! Allen alles Gute zum neuen Jahr. Banal zu sagen, was man wünscht, es ist so viel und so wenig. Es liegt auf der Zunge und noch mehr auf dem Herzen. Heute war einer der eindruckvollsten Tage des Jeldzug-es: Parade vor dem Kaiser in Douai auf dem Markt. Alles zu Fuß, da er zu Fuß war. Ich marschierte auf dem rechten Flügel, drei Schritte von ihm vorbei, und sah sein Gesicht. Ich werde es nie vergessen. Er sah seine Garde zum erstenmal wieder, die stolzen, hartgeprüften Regimenter. Er zählte die Häupter seiner Lieben. Der Moment ging ans Herz. Weiß Gott, er wollte es nicht, daß dieser Krieg kommt, und welchen Dreck hat das feindliche und teilweise neutrale Ausland auf ihn geworfen. Das haben sie fertiggebracht, daß heute in jedem belgischen und französischen Schädel beinahe der Glaube vorherrscht: „C’est Guillaume, qui a declare la guerre!“, so hört man es, wenn man sich darauf einläßt. Längst habe ich es ausgegeben, dagegen zu arbeiten. Aber die Geschichte wird .ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Wer heute ins Gesicht des Deutschen Kaisers mit Verständnis sah, der hat einem edlen Menschen, ohne Pose, ins Auge geblickt! Es leuchtete faszinierend wie immer, aber ernst war es, und ein Stück. Geschichte lag auf seinen Zügen. Mächtig hat er mich gerührt, und trotz des historischen Moments, der ihn mit solchem Elan umgibt, hatte ich so unendliches Mitleid mit ihm, denn ich konnte fühlen, was es fressen mutz an einem Menschen, trotz aller Erfolge, so viel Geiser, Undank, gemeiner absichtlicher Verleumdung gegenüber — was den größten Teil des Auslandes anbetrifft — sich zu fühlen wie er. Die Einigkeit Deutschlands wird ihn trösten. Sie möge auf immer anhalten, und ein endgültiger, strahlender Sieg, aber verwinden wird er diese Enttäuschungerl nie ganz können, und das la>g neben so vielem Eindrucksvollen auf des Kaisers Antlitz, und das machte ihn so menschlich, brachte ihn so besonders nahe in diesem Augenblick. Euer Sohn Siegmund. Gewiß teilen wir alle diese Empfindungen. Wir verehren in dem Kaiser das geliebte Oberhaupt, den edlen Menschen. Wir hören nicht auf, in ihm den Friedensfürsten zu verehren, der auch in dem gewaltigen, ihm aufgezwungenen Kriege menschlich und edel bleibt. Der einzige Wunsch, den wir alle Tage hegen und an seinem Geburtstage besonders aussprechen, ist, daß es ihm vergönnt sein möge, nach glorreichen Siegen einen ruhmvollen Frieden zu schließen und sich und uns noch länge an den glänzenden Früchten dieses Friedens zu erfreuen. Der Kaiser repräsentiert uns das geliebte teure Vaterland; all unser Sehnen für das Land, dem wir angehören mit unserem ganzen Sein, mit unserem Fühlen und Denken, dem wir alles opfern, was unser ist, erschallt in dem Rufe: Dem K a i s e r H e i l! Freiwilliger Leutnant Ludwig Ltern gestorben am 4. Dezember 1914. ^Ludwig Stern wurde geboren am 1. November 1851 in Willmars (Unterfranken). Mit 19 Jahren machte er den Feldzug 1870/71 mit. zuerst beim 11. bayerischen Infanterieregiment, nachher beim 3. Infanterieregiment. Nahm teil an den Schlachten bei Wörth, Beaumont, Sedan, Paris, Orleans, Beuganci-Cravant u. a. m. Wurde zum Sekondeleutnant befördert. Hatte 1880 seinen Abschied genommen und sich alljährlich auf Anfrage wieder für den Fall der Mobilmachung zur Verfügung gestellt. Kurz nach seinem jetzt am achten Mobilmachungstag in Landau beim 18. Regiment erfolgten Eintritt wurde er zum Kompagnieführer ernannt, zog dann aus mit dem Landsturnrbataillon Landau bis nach Frankreich hinein. In Bayonville zog er sich neben einer Fußverletzung eine Erkältung zu, die ihn zwang, nach Landau Ende Oktober zurückzukehren, um dort Garnisondienst zu tun. Seine Ehefrau Lina geborene Kaufmann aus Bamberg war ihm nach 34jähriger Ehe 1912 im Tod vorangegangen. Herr Stern war seit 40 Jahren in Aachen ansässig und war eine überaus beliebte und geachtete Persönlichkeit. Zu seiner Charakteristik dienen folgende Stellen aus der Leichenrede des Herrn Rabbiners Dr. Jaulus: Der Entschlafene war ein solcher Freund Gottes. Er wandelte nicht immer aus der Sonnenseite des Lebens. Mancherlei Ungemach, mancherlei Leid verdunkelte seinen Lebenspfad. Die wiederholte Krankheit seines Sohnes, der frühzeitige Tod seines Weibes und manch anderes Mißgeschick warfen ihre finsteren Schatten auf sein wandelreiches Dasein. Da trübte sich wohl sein Blick, da zog sich eine Schmerzensfalte durch sein umwölktes Antlitz, da häufte der Kummer den Schnee der bleichenden Haare ans sein Haupt. Aber er überwand es doch bald und stark und heldenhaft. Seine Frohnatur ging siegreich aus dem Kampfe mit dem Schicksal hervor. Sein Optimismus, allen Dingen und allen Ereignissen die beste Seite abzugewinnen, schuf nicht nur Licht in seinem eigenen Gemüte, sondern strahlte auch Licht aus auf seine Umgebung, auf alle, die mit ihm in Berührung kamen. Wo eine gedrückte Stimmung herrschte, wo Sorge und Mutlosigkeit ihre lähmende Last auf die Menschen luden, da brauchte er nur zu erscheinen mit seinem herzerfrischenden, herzerfreuenden Wort und Wesen — und aller Trübsinn und Unmut waren wie mit einem Zauberschlag verscheucht und verschwunden. So hat er beglückt und beglückend gewirkt im engen Familienkreise als Gatte und Vater, als Sohn und Bruder; beglückt und beglückend in weiteren Kreisen als Freund und Vertrauter, als Berater und Beschützer. Einen Helden haben wir zu Grabe getragen, einen Helden im doppelten Sinne, hier, wo die Heldengräber sich geschichtet, ihnen, den Heimgegangenen, zu Ehren, uns, den Ueberlebenden, zur dankbaren Erinnerung. Freiwilliger Leutnant Ludwig Stern cjeftorbctt am 4. Dezember ^4.