Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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42 israelitischen Studierenden zu ihren Hochschulen aufs äußerste eingeschränkt. So kam ein Strom dieser Studenten, die sich meist der Medizin zuwandten, ins deutschsprachige Ausland, zunächst nach der Schweiz und nach Oesterreich, und als diese Universitäten notgedrungen den Zuzug eindämmten, in immer wachsender Zahl nach Deutschland. Vom Jahre 1900 bis 1912 war die Zahl der russischen Medizinstudierenden in Deutschland von 121 auf 1244 gestiegen; in München betrug sie 1912 bereits 278, das sind 14 Prozent der Gesamtzahl der Medizinstudierenden; in Berlin waren es 17 Prozent, in Leipzig 24 Prozent, in Halle 25 Prozent und in Königsberg sogar 36 Prozent. Die fertig herangebildeten jungen Aerzte übernahm das russische Reich gern; es entzog sich aber der Verpflichtung, für die Ausbildung seiner Aerzte selbst zu sorgen und bürdete die Lasten dem Ausland auf. Als die Zahl der russischen Studierenden in München bedenklich groß wurde und bei der Studentenschaft Anstoß erregte, wurde diesem Ilebelstande abgeholfen, indem das bayerische Ministerium im Einverständnis mit der medizinischen Fakultät den Zugang der Russen einschränkte. Zurzeit sind natürlich alle Russen von der Universität ausgeschlossen. * Noch immer ist von dem Fortleben des Antisemitismus in Deutschland zu berichten. Unser bayerischer ^.-Berichterstatter meldet uns: In einer unauffälligen Ecke größerer (liberaler und sozialdemokratischer) Tagesblätter — z. B. in den „Münch. Neuest. Nachr." Nr. 27 vom 16. Januar 1915, Seite 5 — ist soeben unter „Kleiner Gerichtschronik" zu lesen: Die vom Stadtmagistrat Nürnberg ausgestellten Vorsitzenden der sechs Ausschüsse des Kriegsfürsorgeamtes Nürnberg I, die Rechtsanwälte Dr. Aal, Dr. Erlanger, Dr. Geiershöfer, Dr. Gunz, Dr. Süßheim und Iustizrat Josephtal, haben gegen den Verleger und Redakteur der Leipziger Zeitschrift „Hammer", Theodor Fritsch, Klage wegen eines Artikels gestellt, der ihnen persönliche Eitelkeit und unlautere Absicht bei der Uebernahme ihrer Aemter zum Vorwurf machte. Das Schöffengericht beim Amtsgericht Nürnberg verurteilte Redakteur Fritsch zu 180 Mark Geldstrafe. Dazu muß denn doch daraus aufmerksam gemacht werden, daß der Verurteilte der altbekannte AntisemitenhäuptlmH Theodor Fritsch ist, einst „Thomas Frey" und als Herausgeber der eingegangenen „Deutschsozialen Blätter" der publizistische Wortführer der radikalsten Richtung dieser antisemitischen Hetzpartei. In seinem berüchtigten neueren Organ „Hammer" leistet er ja womöglich noch schärfere Angriffe auj das Judentum und alles, was angeblich damit zusammenhängt — man wundert sich wirklich über die heutige Möglichkeit solcher Ausschreitungen. Ob Fritsch übrigens einige jeder ehrenamtlich mit den vom Magistrat übertragenen Obliegenheiten der Kriegsfürsorge betrauten Nürnberger Rechtsanwälte als Juden ankreidet, weiß ich augenblicklich nicht. * Die Russen fahren fort, gegen die Juden in ungesetzlicher Weise vorzugehen. Das Neueste ist folgendes: Kopenhagen, 11. Januar. Nach der „Rjetsch" vom 4. Januar hat im Moskauer Stadtbezirk in Petersburg in diesen Tagen die Polizei eine Razzia nach denjenigen Juden vorgenommen, die sich in Petersburg aufhalten, ohne das gesetzliche Recht dazu zu haben. Es wurde eine Menge von Juden verhaftet und mit Arreststrafen belegt. * D i e I u d e n v e r s o l g u n g e n in Rußland. Genf, 18. Januar. Das Pariser Soziälistenblatt „Humanitö" bringt heute einen Aufsehen erregenden Artikel über die Lage der Juden in Rußland, worin ausgeführt wird, daß die Politik der russischen Regierung gegenüber den Juden sich seit Kriegsbeginn nicht nur nicht gemildert hat, sondern daß im Gegenteil unter dem Vorwände militärischer Notwendigkeiten der sogenannte „innere Feind" auf das w i l l - kürlichste und ärgste drangsaliert wird. Wie zu allen Zeiten gebe sich das Unterdrückungssystem unter der doppelten Form von politischen und nationalen Verfolgungen kund. Neben den Finnländern haben die Juden die meisten- Prüfungen durchzumachen. Zu Beginn des Krieges seien französische und englische Blätter mit mehr oder weniger autorisierten Nachrichten gespeist worden, welche Versprechungen in die Welt hinausposaunten von politischer Gleichstellung, die den Juden gewährt werden sollte. Diese vagen Hoffnungen, die dann durch verschiedene krasse Tatsachen widerlegt wurden, erhalten jetzt eine besondere Beleuchtung durch einen Ausruf, den die sozialistische Organisation des jüdischen Proletariats Rußlands, der „B u n d", durch sein ausländisches Komitee in Genf an alle Kulturvölker erläßt. Der Aufruf berichtet von Judenverfolgungen in der Armeezone, von Pogrom e n in Polen, sogar in Lodz, von M a s s e n a u s w e i s u n g e n , und betont, daß die Juden unter dem geringsten Vorwände vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode oder zu Zwangsarbeit verurteilt würden. Mangels anderer Beweise diene stets die Behauptung als Beweis, daß die Juden die Deutschen unterstützten. * Wenige Tage, nachdem diese Nummer in die Hände unserer Leser gelangt, ist Kaisers Geburtstag. Wie freudig wurde sonst dieser Tag von allen Deutschen im Jn- und Auslande gefeiert. Diesmal wird jede Feier unterbleiben. Dies hat der Kaiser selbst in wahrhaft edlem menschlichen Sinne angeordnet. Seine an den Reichskanzler gerichtete Geburtstagsbitte lautet: Im Hinblick auf den Ernst der Zeit ist auf meinen Wunsch bereits angeordnet, daß aus Anlaß meines bevorstehenden Geburtstages neben den kirchlichen und Schulfeiern von den sonst üblichen Veranstaltungen abgesehen wird. In den langen Jahren meiner Regierung bin ich daran gewöhnt, daß an diesem Tage meiner in Tausenden von Telegrammen und Schriftstücken von- Behörden, Vereinen und einzelnen Patrioten freundlich gedacht wird. Eine ähnliche Fülle teilnahmsvoller Kundgebungen könnte aber diesmal bei meinem Aufenthalt in Feindesland leicht zu Störungen des telegraphischen und postalischen Dienstverkehrs im Felde führen und die mir und dem Großen Hauptquartier obliegenden Arbeiten beeinträchtigen. Ich bin daher zu der Bitte gezwungen, in diesem Jahre von einem besonderen Ausdruck von Glück- und Segenswünschen mir gegenüber abzusehen. Es bedarf auch eines solchen in der über unser Vaterland so unvermutet hereingebrochenen Zeit der Heimsuchung nicht. Habe ich doch mit innniger Befriedigung vielfach erfahren, welches starke Band der Liebe und des Vertrauens mich und das deutsche Volk in kraftvoller Einmütigkeit umschlingt. Ich danke im voraus jedem einzelnen, der an meinem Geburtstage treue Fürbitte für mich vor den Thron des Höchsten bringt und meiner freundlich gedenkt. Ich weiß mich eins mit dem gesamten deutschen Volk und seinen Fürsten in dem unser aller Herzen bewegenden Gebetswunsche, dessen Erhörung Gott der Herr uns in Gnaden gewähren wolle:- „Weiterer Sieg über unsere Feinde und nach ehrenvollem Frieden eine glückliche Zukunft unseres teuren Vaterlandes!" Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur öffentlichen Kenntnis zu bringen. Großes Hauptquartier, den 13. Januar 1915. Wilhelm I. R. * Gerade für diesen Tage kommt zurecht die Publikation: „Unser Kaiser. Ein Charakterbild in 15 Kanzelvorträgen zu seinen Geburtstagen 1900—1914. Von Dr. Joseph Norden, Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Elberfeld. Elberfeld, Verlag F. A. Heß." Es sind kurze, aber inhaltreiche Reden, von reinstem Patriotismus erfüllt, mannhafte Worte, ohne Kriecherei, die aber die Liebe zu dem erhabenen Herrscher zu reinem Ausdruck bringen. Des Kaisers Selbständigkeit, Bildungsdrang, seine Friedensliebe und Gerechtigkeit, wahrhaft prophetische Worte für unsere Zeit finden sich in der 14. Predigt Seite 56. Das Büchlein ist als schöne Huldigung zum Festtag wärmstens zu empfehlen.