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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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41 Der „Köln. Volkszeitung" entnehmen wir folgenden Bericht: Krlegspo e f i e in de r Bibe l. In einem Aufruf unseres Kaisers All das deutsche Volk! vom 6. August heißt es im Schlußsatz: „Vprlvärts mit Gott, der mit llns sein wird, wie er mit den Gätern war!" Dieser Satz ist ein dreitausend Jahre altes Zitat aus der Bibel, der im Bliche der Könige vorkommt, wo Salomon ihn bei seinem Gebet bei der Tempelweihe ausspricht. An diese Tatsache erilinerte Herr Dr. Simchowitz in der Eillteitung gu einem Vortrage, den er am 8. Januar in der Literarischen Gesellschaft in Köln hielt. Die Bibel, so führte er weiter aus, erzählt im Alten Testament int wesentlichen die anderthalbtausendjährige Geschichte -eines Volkes, das rings umgeben war voll lnächtigell Reichen, deren kriegerische Grschütterllngell, allch wenn sie das israelitische Volk nicht unmittelbar betrafen, es iit Mitleidenschaft zogen, so daß die Geschichte dieses Volkes voll ist voll Berichten über Kämpfe und Schlachten. Das Volk aber übte den Krieg nicht alls der Freude daran —- es loar vielmehr friedfertig gesinnt —, sondern ans der Ueberzeugmlg, daß nicht nur die Natur, sollderil auch die Geschichte eine Offenbarung des Göttlichen fei. Es ist derselbe Gedanke^ dem Schiller in dein Spruch Allsdruck gegeben hat: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Die Vollstreckung dieses Gerichtes ist -eben llur möglich durch den Krieg. Die Inden waren -ein Volt der Dichter und Denker, und die Kriegsschildernngell der Bibel silld dlirchweg in eine schöne poetische Form gebracht. Gleichwohl silld sie nicht ausschweifend Phantastisch, sondern realistisch, mit scharfem Blick für die wirklichen Erscheinungen, die Darstellnngsart ist das, was wir heute impressionistisch nennen. Ter Gott der Bibel ist der Gott der Gerechtigkeit, itnb nach alter Anschauung folgerichtig der Gott der Schlachteil. Ter Herr Zebaoth ist nichts anderes als der Herr der Kriegsscharen, und seine Kriegsscharen sind in der Poesie der Bibel die Gestirne, die Naturkräste. Der Vortragende gab lnehrere Beispiele dieser typischen Kriegspoesie, die sich zum Beispiel im 68. Psalm ausspricht. Aber diese Schilderungen sind llur himmliche Spiegelungen irdischer Vorgänge. Die konkreten Kriegsbilder im Gegensatz zu den typischen finden sich vor allem bei den Propheten. So schildert Jesaias in prächtiger Weise, wie das assyrische Heer zum Kampfe ailsrückt. Die Assyrer sind das Werkzeug Gottes zur Gerechtigkeit, und ihre Erscheinung steigert sich iils Komische. Sie werden aber übermütig, und als sie vor Jerusalem stehen, finden sie durch Gott ihren jähen Untergallg. Jeremias schildert den anderthalb Jahrhunderte späteren Kampf zwischen Aegyptern und Babylonern und die Niederlage der ersteren am Euphrat. Danll bringt Eyrus die babylonische Weltmacht zlnn Sturze. So spiegelt die Bibel ill poetischer Form die Weltereignisse wider, aber die nationalen Kämpfe der Juden sindeil eine besonders eingehende Darstellung. Tie Juden waren, wie schon gesagt, ein friedliebendes Volk; sie griffen nlir zum Schwert, wenn das Vaterland bedroht war, um ihre nationale Existenz zu verteidigen. Dell 137. Psalm und das Buch der Richter führte der Vortragende als Hauptqnellen für diese Art von biblischer Kriegspoesie an, von der er mehrere Beispiele rezitierte. Die Bibel ist auch das erste Buch, welches das Ideal des ewigen Friedens pries, und wenn es uns auch hellte nach zweieinhalbtausend Jahren noch nicht gelungen ist, dieses Ideal zu verwirklichen, so loollen wir es doch nie aus den Augen verlieren. Die Zuhörer dankten durch lebhaften Beifall für die interessanten Ausführungen des Redners. * Die „Königsberger Allg. Ztg." berichtet: Judentum und Krieg. Glaubensunterschiede und Parteirichtungen hörten auf, als es galt, unser Deutschtum vor Feindell zu schützen. Nicht zuletzt ist auch das delltsche Judentum zu beit Fahnen geeilt, um mit Begeisterung für das Vaterland, für Halls nnd Herd zu kämpfen. Das beweisen die vieleil Anerkennungen, Beförderungen nnd Auszeichnungeil, die jüdischell Glaubensgenossen im Kriege zuteil geworden. Auch als die Vereinignng für das liberale Judentum in Dentschland (Ortsgruppe Königsberg) zu einem Vortragsabend gerufen, sah man unter den schier zahllos Erschienenen viele Feldgraue in mannigfachen Militärstellnngen, allch mit bem schwarzweißen Bande Ausgezeichnete. Int feldgrauen Gewände, mit der Kette der Amtswürde geschmückt, Sporen an den Feldstiefeln, trat der Vortragende des Abends, Feldrabbiner Dr. Sonderling, im Artllshof vor das Rednerpult. Wir folgen kurz den Gedankengängen. Eine Stadt ill Galiziell, zu nenn Zehnteln woll Inden bewohnt, war von den Einwohnern verlassen. Allein betete am Versöhnungstage der Rabbi ill der Synagoge. Da traten delltsch-jüdische Soldaten hinein zu erhebender Gottesfeier. Bald rief sie die Pflicht wieder hinaus zum Kampfe. Dieses ist das Bild des großen jüdischell Gedankens, der Brnderw.eg durch Völker lind Zeiten, der Pflichtweg, das allgemeine Zusammenfinden im Glauben. Die Erlösung der Menschheit von der Menschheit ist jüdisches Ideal. Daher bcbeiitet der Krieg dem Silben die schwerste Tragik. Das getrübte Antlitz der Zeit hat dein denkenden Juden das Messiasideal zertrümmert. Wir sind nicht Pazifisten, wo es gilt, heilige Güter zu schützen; doch Trauer beschleicht uns angesichts der Notwendigkeit des Bvlkerringens. Wir finden uns mit der Tatsache ab, besser, als man glauben sollte, nnd tonnen zerstörte Hoffilungen nur beklagen. Aeußerlich wie innerlich all vernichteter Habe ist auch der Jude betroffen worden. In der Schaffung des lnessiani schell Gedankens stehen lvir nicht allein, entsprechend der Lehre Kallts. Eillmal jedoch kvlllnlt die Zeit, wo die Schwerter ruhen für immer; und dieser Gedanke muß uns versöhnen ill der jetzigen Wirrnis. Wir wären nichts ohne die Hoffnung auf die Morgensonne einer ausblühenden Zeit, denll die Menschen sind nicht dazu da, einander zu hasten. Solche Zeit zu erreicheil, da lohnt sich die Arbeit. Unsere Schrift klingt in dem Gedanken wider: lvo cs Not tut, da darf kein Eingreifen zu schwer sein. Deutschland steht in Gefahr, ulld niemand, lvir mit in erster Reihe nicht, dürfen hintansteheu, es zu schützen. Da gibt es keine Unterschiede der Person, des religiösen Bekenntnisses. Die Bereitung der Weihnachtsfrellde ill beit Schützengräben war ein genleinsames Werk aller. Das „Friede auf Erden" vereinte Juden und Christen. Welche Surilme der Empfindungen steckt da im Volk als unterschiedsloses Gut. Solche Aken schell miiffen siegen. Der Jude hat sich ilicht die Frage gestellt, lvas er erhält nach dem Eintritt des Friedens. Und dieses wird anerkannt. Die schlichte Auszeichnung auf der Brust nlehrt sich ja von Tag zu Tag. Welche Frellde ist der Kampf in dem Gedanken: im Felde gibt es nur Kameraden. Die Andersgläubigen erfahren es, daß dem deutschell Judentum das Interesse des Vaterlalldes über alles gilt; und die jetzige große Zeit lvird ihm gute Früchte tragen im Rate der Gesellschaft. Alle llicht ansgefochtenen Fragen werden sich glätten lasseil, gemäß dem kaiserlichell Worte: es gibt keine Parteien mehr! Wir haben's ausgegriffen und alles Unstimmige znrückgestellt. Jnr Felde findet sich alles zusammen; auch im Gebet. Dort lernt die Jugend gemeinsam beten, znm gemeinsamen Gott. Das soll nie vergessen werden. Dieses Verständnis ist ein Wunder, das. uns der Krieg gebracht. Was -erwartet nun die jüdischen Brüder im russischen Polen? In dumpfer Bedräilgllis lebten sie dahin. Wir haben sie getröstet mit der Hoffnung auf eine bessere Zeit. Dem beutfcfjeu Juden ist das Problem der Lösung dieser Frage hochbedentsum. Hoffentlich öffnen sich ben Geknechteten die Pforten der Freiheit; das delltsche Judentum wird ihnen in Bruderliebe gegenüberstehen. Sie sollen deutsch werden ans innerster Ueberzeugnng nild den Tag preisen, da sie unser geworden ill deutsch-jüdischer Art. Das künftige Geschlecht auch hier vor Täuschnngell zu bewahren, dafür ziehen wir in den Kämpf. Der deutsche Gedanke ist llicht faßbar ohne delltsches Jndentum. Der Krieg ist der Stolz des Mannes, mld die Hoffnung auf Sieg ein Sprößling des deutsch-jüdischen Idealismus. Auf zu neuer Arbeit! * Die „Bayerische Landeszeitung" meldet: Wissenschaft lt it b A ll s l a ll d. In seiner Festrede allläßlich der Geburtstagsfeier des Königs Ludwig III. an der Universität München berührte Rektor Magnisikns Professor Dr. Friedrich v. Müller, Professor der inneren Medizill und Direktor der ersten medizinifchell Klinik, auch die „Anständerfrage" an deutschen Hochschulen. Ohne Zweifel lvareil imfere deutschen Hochschulen stets Stätten der vaterläildischell Begeisterung. Der von hyperpatriotischer Seite erhobene Borwurf der Auslällderei entbehrt jeder Grundlage. Bei uns in München hat es sich nur um eine Ueberfüllllng der medizinischen Hörsäle durch russische Studierende gehandelt. Zu diesem Punkte bemerkte der Festredner etlva folgendes: Die russische Negierung hatte aus politischen Gründen den Zutritt der

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