Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 40 (sequence 4)
- Language
- German
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Während des Stellungskrieges der letzten Monate hatten die Franzosen in der Gegend von Soissons aus einem Gewirre von Schützengräben bestehende Stellungen inne, die sich auf dem rechten Aisneufer brückenkopfartig nordwärts ausdehnten. Auf dem Westflügel des in Frage kommenden Kampsseldes steigt westlich der Bahn Soissons—Laon aus dem breiten Flußtale eine vielfach zerklüftete und reich bewaldete Höhe empor, auf deren oberstem Teile die Gräben von Freund und Feind einander dicht gegenüber lagen, beide Teile bestrebt, sich durch SaPPennngrifs in den Besitz des höchsten Punktes zu setzen. O e st l i ch der Höhe liegt zu ihren Füßen im Tale das Torf C r o u y , an diesem vorbei zieht in einem tief eingeschnittenen Grunde die Bahn Soissons Laon nordwärts. Dicht östlich der Bahn ist eine Reihe von Steinbrüchen, in denen sich unsere Soldaten meisterhaft eingebaut hatten. Die sogenannte Steinbruchstellung bildet den westlichen Ausläufer der Hochfläche von B r e g n h , die sich lang und breit östlich der Bahn ausdehut mtb die in ihrem ganzen südlichen Teile in französischem Besitz war. Bon der Flußseite her schneiden mehrere lange und tiefe Schluchten in die Hochfläche ein. In ihnen fand die schlvere Artillerie der Franzosen eine sehr günstige Aufstellung. Tie am Rande der Hochfläche aus Bäuinen hinter Stahlblenden und Brustpanzern sitzenden Beobachter lenkten das Feuer der schweren Geschütze flankierend gegen die deutschen Stellungen auf der genannten bewaldeten Höhe. Tiefes Flaukenseuer richtete sich vor allem gegen die Schützengräben des Leibregiments und loar am ersten Weihnachtsstuertag ganz besonders heftig. Unter ungeheurem Munition s a u f lv a n d setzte es am 7. Januar erneut ein; die b r a v e T r u p P e h a t t e vielzuleid e n : eine Stellung, der sogenannte Nlaschinengewehrgraben, wurde buchstäblich vom feindlichen Feuer eingeebnet, die darin befindlichen Maschinengewehre wurden verschüttet. Rach dieser Feuervorbereitung schritt der Gegner am 8. Januar zum Angriff. Er drang auf einer Frontbreite von etwa 200 Metern in den d e u t s ch e n S ch ü tz e n g r a b e n e i n und konnte trotz zahlreicher Bersuche daraus nicht loieder Vertrieben werden. Es kam hier in den Tagen und Nächten bis zum 11. Januar 31t außerordentlich heftigen N a h k ä m P f e n , w i e s i e e r b i t t e r t e r mtb blutiger k a u m g e d a ch t \v e r d e n k ö n n e n; hier käuipfende T u r k 0 s fochten nicht nur mit Gewehr und Bajonett, sondern b i s s e n a u ch u n d st a ch e n mit dem Messer. Tie Lage drängte zu einer Entscheidung. Am 12. Januar setzten die deutschen Truppen zu einem G e g e n a n g r i s s ein, der sich zunächst weniger gegen die bewaldete Höhe selbst, als gegen die beiderseits anschließenden französischen Stellungen richtete. Schlag 11 Uhr erhoben sich zunächst aus der Steillbruchstellung unsere wackeren Soldaten, die in den Monaten des Harrens und Schanzens von ihrem Angrisfsgeiste nichts eingebüßt hatten und entrissen in k ü h n e m A n st u r m d e m Feinde s eine z u n ä ch st g e l e - g e n e n S ch ü tz e u g r ä b e n und A r t i l l e r i e b e 0 b a ch - t 11 n g s st e l l e n. Sogleich ließ das französische Flankeuseuer gegen die bewaldete Höhe nach. Tas Hauptziel dieses ersten Angriffs war kaum erreicht, als eine Stunde später - zwölf Uhr mittags — auf dein ä u ß e r st e n r e ch t e n F l ü g e l unsere tapferen Schützen sich erhoben und im siegreichen Borschreiteil e i n e n S\ i l 0 m e t e r G e - l ä ll d e g e w a n n e n. Nunmehr wurde auch zum Angriff gegell die b e lv a l d e t e Höhe angesetzt, der Franzose zuerst aus den deutschen, dann aus seineil eigelleil Gräben hinaus lind die Hohe hinilntergeloorseil, ivo er sich alis halbem Hange loieder setzte. Wie aus G e fang e il e n a u s s a g e n hervorgeht, glaubten die Franzosen, daß die erwartete Fortsetzung des delltsehen Angriffs von der betvaldeteil Klippe, also vom r e ch t e il deutschen Flügel ausgehen würde. In Erwartung eilles Stoßes ails dieser Richtllng warfen sie namhafte Berstärkungen nach dieser Stelle. Boil den eroberten sranzösischen Beobachtungsstellen aus, wo das ganze Aisnetal samt Soissons mit Kathedrale zu Füßen liegt, konnte das Herantonlinen dieser Reserven ails Kraftwagen uild mit Eisenbahllen gut beobachtet werden. Ter deutsche A il g r i f f erfolgte anl 13. Januar, aber a n ganz anderer S t e l t e. Völlig überraschend für den Gegner loar es, Mitte und linker Flügel der Deutschen, die sich als Angriffsziel die Besttznahnre der Hochfläche von Vregny gesetzt hatten, ails der sich der Feind in einen: ganzen System von Schützellgräben eingerichtet hatte lind ganz sicher zu fühlen schien. Wiederum loar es der Schlag der Mittagsstunde, der hier unsere Truppen zu neuen Taten aufrief. Punkt zwölf Uhr kam Leben in die deiltschen Gräben, es folgte ein mächtiger Sprung. Zwölf Uhr drei Minuten war die e r st e Verteidig u ngslinie der Franzosen, zwölf Uhr 13 Minuten die zweite genommen, ein Flankenangriff von dem Wald von Vregny kam bei der Schnelligkeit des Vorgehens gar nicht mehr zur Wirkung, und am späten Nachlllittag des dreizehnten loar der ganze Hochflächenrand in deutscher Haild. Der Feind vermochte sich nur noch in den Mulden und auf den zum Aisnetal hinabfallenden Hängen zu halten. Das Gelingen dieses deutschen Angriffs brachte die in Gegend der bewaldeten Höhe gegen den deutschen rechteil Flügel vordringenden Franzosen in eine v e r z w e i s e l t e L a g e. Denn als am 14. Jalluar der äußerste rechte Flügel der Deutschen seinen umfassenden Angriff wieder ausnahm, lind aus der Mitte — über Crouy — deutsche Truppen nun westwärts einschwenkten, da blieb den gegen die bewaldete Höhe vorgedrungenen F r a n z 0 s e n nichts a n - d e r e s ü b r i g , a l s s i ch z u e r g e b e n. Ein Zurück gab es jetzt nicht mehr, da die deutsche schlvere Artillerie das Aisnetal beherrschte. Am gleichen Tage wllrde der Feind auch von den Hängender H ö h e n von B r e g n y h i n il n t e r g e lv 0 r f e n , soweit er llicht schon während der Nacht gegen lnld über die Aisne zurückgeflutet war. Eine Kompagnie des Leibregiments drang bei Dunkelheit sogar bis in die B 0 r st ä d t e v 0 n S 0 i s s 0 n s ein. U n - se r e P a t r 0 ui 11 ensä u b e r t e n das ga nz e V 0 r g e l ä n de b i s z u r A i s n e vom Feinde. Nur in dein Flußbogen östlich der Stadt vermochten sich französische Abteilungen noch zll behaupten. In den rnehrtägigen Kämpfen bei Soissons wurde der Feind allf einer Frontbreite von etlva zlvölf bis fünfzehn Kilometern um zwei bis vier Kilometer z u r ü ck g e lv 0 r f e n trotz seiner starken Stellungen und trotz seiner nilillerischen lleberlegenheit. Alls seiner Seite hatten die vierzehnte Infanteriellnd fünsundsünszigste Reservedlvis.ion, eine gemischte Jägerbrigade, ein Territorialinfanterieregiment, außerdem Turkos, Zuaven und marokkanische Schützen gesochten. Von dieser Truppenmacht gerieten mehr als f ü n s - t a u send M a ll n in deutsche G e f a n g e n s ch a f t; die K r i e g s b e u t e war sehr ansehnlich. Es wurden erobert 1 Ü s ch w e r e, 17 lei ch t e Ges ch ü tz e, ferner R e v 0 l v e r k a n 0 - u e ll, z a h l r e i ch e Al a s ch i n e n g e lv ehr e, L e ll ch t P i st 0 l e u, G e lv ehru ll d H a n d g r a n a t e n , endlich außerordentlich g r 0 ß e Bl e n g e ll v 0 n I nfanterie - ll n d Artillerieiu ll n i t i 0 n. Diesen glorreichen Kampf führte die deutsche Truppe nach laugen Wochen des Stilliegens in einem Wintersekdzuge, dessen Witterllug Regenschauer und Sturmwind waren. Allch an den Kampftagen selbst hielten Regen und Wind an. Tie Märsche erfolgten auf g r u ll d l 0 s e n W e g e ll , die Angriffe über l e h m i g e Felder, durch v e r s ch l a m m t e S ch ü tz e n g r ä b e n itnb über zerklüftete Stein b r ü ch e. Vielfach blieben dabei die Stiesel i in K 0 t st e ck e n , der d e ll t s ch e Soldat focht d a n n b a r f ll ß lveiter. Was unsere wllndervolle Truppe — zwar schmutzig anzllsehen, aber prachtvoll an Körperkraft lind kriegerischem Geiste — da geleistet hat, ist über alles Lob erhaben. Ihre Tapferkeit, ihr Todesulllt, ihre Ausdauer und ihr Heldensinn fanden gebührende Anerkennung dadilrch, daß ihr oberster Kriegsherr, der in jenen Stunden unter ihnen weilte, die verantwortlichen Führer noch aus dem S ch l a ch t s e l d e m i t h 0 hen O r d e n s a u s z e i ch n ll n g e ll schiuückte. Bekanntlich wurde General der Infanterie v. Lochow lnit dem Lrden pour le merite lind Generalleutnant W i ch u r a mit de ul Komtur des Hallsordens der Hohenzollern ausgezeichnet. Neben einer energischen, zielbeloußten und kühnen Führung und der großartigen Trllppenleistung ist der Erfolg der Schlacht bei Soissons der glänzenden Zusammenarbeit aller W a f f e n , vor allein der Infanterie, Feldartillerie, Fußartillerie llnd der Pioniere zu verdanken, die sich gegenseitig aufs vollendetste llnterstützten. Auch die Fernsprechtruppe hat nicht wenig zum Gelingen des Gallzen bei getragen. Alls Trllppen lmd Führer solchen Schlages kann das delltsche Volk stolz sein. (W. T. B.)