Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
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3S ganzen ist es rührend zu sehen, wie Alte und Junge der nationalen Sache sich widmen, wie von allen Seiten Angebote zur freiwilligen Tätigkeit einlausen, wie beschäftigte Männer' ihre Mußezeit dem Vaterland widmen, und wie namentlich die Frauen in den Notstandskommisfionen unentwegt eine gesegnete Tätigkeit ausüben. Und hier möchte ich geradezu ein Loblied auf das Stricken anstimmen, denn es ist nicht bloß als Bewegung müßiger Hände zu bezeichnen. In Familienzirkeln und im kleinen häuslichen Kreise, selbst auf der Bahn kann man nicht weilen, ohne strickenden Frauen zu begegnen. Es hat mich gerührt, als ich neulich in der Universität einen Blick in die Aula warf, an deren Tür ein Zettel hing mit der Aufschrift: „Wolleverteilung", und dort Studentinnen sah. die, Wolle austeilend, den Strickstrumpf in den Händen hielten. Es ist gewiß löblich, wenn man dabei der doppelten Not gedenkt, d. h. Strümpfe, Leibbinden u. a. armen Frauen zu stricken gibt, die ihres sonstigen Verdienstes beraubt sind. Aber es wird so unendlich viel gebraucht, daß keine wohlhabende Frau sich zu schämen braucht, selbst die fleißigen Hände zu regen; auch der Strickstrumpf in den Händen des Weibes ist die Waffe, mit der man den Feind besiegt. Man kann zum Schluß die Frage aufwerfen: Wirkt der Krieg auch auf die Religion? — Zunächst müßte man diese Frage verneinen. Denn das Wesen der Religion ist Friede, also der größte Gegensatz zum Krieg. Und doch wird auch die Religion durch den Kriege gefördert. Denn wenn Religion nicht bloß eine Sammlung, von Formen und Gebräuchen, sondern die tiefinnerliche Empfindung ist, das Ahnen einer höheren Macht, das Erkennen der eigenen Endlichkeit und Sterblichkeit, die Unterwürfigkeit unter einen höheren Willen, so ist ein so furchtbares Ereignis wie der Weltkrieg, in dem Eigentum und Leben der einzelnen, Sicherheit und Bestand der Staaten gefährdet erscheinen, gewiß geeignet, den religiösen Sinn und das religiöse Denken zu fördern. Gewiß fühlt mancher, der sonst religiösen Uebungen sich fernhält, das Verlangen, zu seinem Gotte zu sprechen, das Bedürfnis, mit Bitte und Dank, mit Bekenntnis der Reue und der Buße sich an das höchste Wesen zu wenden. Auch das Judentum spürt das Wehen eines gewaltigen Geistes. Freilich ein internationales Judentum gibt es jetzt nicht mehr. In den Reihen der deutschen, österreichischen und türkischen Heere kämpfen viele Tausende von Juden, nicht minder im französischen, einzelne auch im englischen, ungeheure Massen auch im russischen Heere. Wir können und müssen es nnuntersucht lassen, ob die vielen — man spricht von 350 000 Juden —, die im russischen Heere dienen, gern oder nur gezwungen ihrer Pflicht genügen; es bleibt Tatsache, daß sie gegen die Juden in anderen Heeren streiten. Und es ist leider auch Tatsache, daß die Juden in Rußland und in den von den Russen besetzten österreichischen Landen unendlich zu leiden haben. Denn der berühmte oder berüchtigte Aufruf des Zaren: „An meine lieben Juden", in dem er ihnen Freiheit versprach, ist nicht nur nicht zur Wirklichkeit geworden, sondern im heiligen Rußland, besonders in Polen, vor allem auch in Galizien sind, zuverlässigen Nachrichten zufolge fürchterliche Pogrome ausgebrochen. Gewiß trauern wir darüber, aber werden wir je wieder in der Lage sein oder auch nur den Willen haben, den Glaubensbrüdern im Osten zu helfen? Wird uns, wie wir hoffen, der endgültige Sieg beschieden, sollen dann wirklich wieder Millionen nach Rußland fließen, nach dem Feindeslande, um die Wunden zu heilen, die Neid und Haß unseren Glaubensbrüdern geschlagen? Und eine andere Frage erhebt sich: Wird auch in Zukunft eine gemeinsame Aktion deutscher und fremdländischer Juden, ein Zusammenarbeiten Deutschlands mit Frankreich und England in internationalen Angelegenheiten, in der JCA und in der Alliance Jsraölite Universelle möglich sein? Können wir z. B. jemals wieder mit Herrn Zangwill Zusammenarbeiten, den wir einst bewunderten? Mit ihm, der, durch ein Scheinversprechen des englischen Ministers gelockt, für die Rüsten eintrat, deren leere Verheißungen und deren Willkürherrschaft er am besten kennen müßte? So scheint das internationale Judentum im guten Sinne, d. h. das Judentum aller Länder, das mit großen Mitteln namentlich für Rußland Segensreiches schuf, für alle oder wenigstens für lange Zeiten vernichtet. Und wie steht es im eigenen Lager? Wir können freudig konstatieren: es herrscht Friede und Ruhe. Der Parteihader schweigt. Die Zionisten haben mit außerordentlichem Eifer wie alle anderen Parteien sich zu den Fahnen gestellt. Sie spenden wie alle anderen große Summen und beweisen sich hilfsbereit und mildtätig gegen deutsche Krieger und Verwundete, sie kennen nur noch ein Vaterland: Deutschland. Ist das die Ruhe vor dein Sturm? Werden nach dem Frieden die Gegensätze wieder in alter Schärfe erscheinen? Das sind keine müßigen Fragen, denn sie stehen mit der Kultur in engem Zusammenhang. Man sagt gewöhnlich: Ruhe ist Stagnation, Bewegung ist Zeichen des Lebens, aber doch würden Tausende es segnen, wenn auch in Zukunft Partei- und Glaubensunterschied verwischt wären, Duldung und Friede, Anerkennung des Standpunktes jedes einzelnen allgemein würden. Faßt man die Ausführungen zusammen, so darf man sagen: In vielem droht der Krieg die Kultur zu schädigen; auf dem Gebiete der Bodenkultur, des Handels, der Wissenschaft, der Presse, der Literatur und der Kunst; aber er wirkt kulturell erziehend und fördernd auf alle die, die begeistert und heroisch sich allen Mühen und Strapazen unterziehen, auf die Millionen, die zu Hause bleiben mußten, indem er sie innerlich läutert und erhebt, Tugenden erweckt, die in ihnen schlummerten, Gaben verleiht, von denen sie bisher nichts oder wenig wußten. Tut der Krieg dies für die Kultur, so sei er, was wir ja müssen, ertragen, ja, er sei gesegnet. Und wenn wir die Schrecknisse betrachten, die das männermordende Völkerringeir mit sich bringt, so können wir erhobenen Hauptes, nicht schwächlich klagend — wie der selige Klopstock es tat —, sondern mit lautem Triumphrufe es aussprechen: „Sie und nicht wir." Sie haben die Schwerter geschliffen, die wir ausnehmen mußten, sie haben die Kultur gemordet, die wir schonten, sie haben zu Mitteln gegriffen, die wir verdammen. Auf ihrer Seite der Neid und der Haß, auf der unseren die Selbstwehr und die Verteidigung der höchsten Güter. Und wenn wir auch überall, wo der Feind uns entgegentritt, dröhnenden Schrittes marschieren, Schlimmes vergeltend mit Schlimmem, so dürfen wir die Kultur anrufen als hehre Göttin, die neben uns einherschreitet mit goldenem Fittich, und dürfen heute sagen, wie wir es gestern sangen und alle Zeit aussprechen wollen: „Wir wollen ihre Hüter sein!" Die Mache. Berlin, den 19. Januar 1915. ie diesmalige Uebersicht kann mit der Meldung eines schönen großen Erfolges beginnen. Der amtliche Bericht darüber lautet: Die in den letzten Tagesberichten nur kurz mitgeteilten Kämpfe nördlich Soissons haben zu einem recht beachtenswerten Waffenerfolg für unsere Truppen geführt, die dort unter Leitung des Generals der Infanterie v. Lochow und des Generalleutnants W i ch u r a gekämpft und gesiegt haben.