Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1915)
- Date
- 1915-01-22
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 von dem Wagemut deutscher Kreuzer, von der Todesfahrt junger und alter Krieger, von der Freudigkeit, ja von der Sehnsucht, für das Vaterland zu'sterben, von ihrer Ausdauer und Zähigkeit, von den Wochen- und monatelangen Entbehrungen,' dem Verzicht auf Schlaf, Reinlichkeit, Nahrung und Bequemlichkeit: — das alles sind so wunderbare herrliche Taten, wie sie fast beispiellos in der Geschichte dastehen. Die größten Taten der Weltgeschichte verbleichen und verblassen gegenüber diesen unvergleichlichen Beispielen eines unerhörten Heroismus. Jeder kennt nur die Pflicht, ja übt mehr als die Pflicht. Es gibt keinen Unterschied des Ranges, keinen Gegensatz des Alters. Das Wort ist viel zu schwach, um solche Leistungen gebührend zu preisen, und nur von tiefster Wehmut ergriffen und doch von höchster Freude und unendlicher Dankbarkeit erfüllt, kann man dieser Helden gedenken, die ohne Streben nach Lohn und Vergeltung dem Vaterlande alles opfern, was sie besitzen. Gewiß hat gar mancher von uns, der, wenn er sich auch nicht mehr rühmen darf, im Vollbesitz seiner Kräfte zu sein, doch nicht zu den müden und abgelebten Greisen gerechnet werden möchte, mit Beschämung, ja mit Neid gelesen, daß an der Spitze unserer ausgezeichneten Armeen Männer stehen, die vielfach die sechzig überschritten haben, ja, daß unter unseren gefeierten Heerführern solche sind, die zum Teil wegen körperlicher Leiden schon längst ihren Dienst quittieren mußten, und die nun Unvergleiche Beispiele eines unerhörten Heroismus darbieten. Aber auch die zu Hause Gebliebenen haben neben den schweren Unbilden, den Leiden und den tief schmerzenden Verlusten den Segen des Krieges gespürt. Sie sind sparsam geworden. Zwar ließen sich Stimmen hören — und die meinige klang als eine der ersten — „Setzt euer bisheriges Leben möglichst ungestört fort!" Aber diese Forderung sollte doch nur für diejenigen gelten, die nicht in Saus und Braus gelebt, sondern die in behaglichem Wohlstand ihr Dasein geführt hatten. Und wenn auch die Cafes und j Restaurants voll sind, vielleicht sogar voller als in ruhigen Tagen, wenn Konzertsäle und Kinotheater wenig Lücken aufweisen, wenn die Schauspielhäuser, die sich zu billigen Kriegspreisen entschlossen haben, nicht über Mangel an Besuchern klagen, so hat sich doch die Begehrlichkeit nach Genüssen sichtlich vermindert. Jeder sucht sich einzuschränken, ohne geradezu zu darben. Nicht bloß wegen der Ungewißheit des Morgen, sondern in dem Bewußtsein, daß es sich nicht für die zu Hause Gebliebenen ziemt, sich besondere Genüsse zu verschaffen, wenn diejenigen entbehren, die für sie kämpfen. Sie sind einfach geworden in Kleidung und Schmuck. Das Behängen mit Flitter und das Prahlen mit Geschmeide hat aufgehört. Das mag betrüblich sein für die, die solches anfertigen und davon leben. Denn man hat es ja als Zeugnis! der Kultur betrachtet, daß man den Wilden glänzende Dinge j verkaufte. Aber höhere Kultur bewährt sich doch mehr in vornehmer Einfachheit als in äußerlichem Prunk. Es wäre schön und erhebend, wenn diese Prunklosigkeit nicht nur im Kriege aushörte, sondern wenn an Stelle des leeren Schaugepränges wirkliche Entsagung und Einfachheit treten würde. Sie haben Geduld gelernt. Von der „Kunst des Wartens" habe ich gleich nach Beginn des Krieges öffentlich gesprochen und freue mich, daß meine Worte großen Eindruck gemacht haben. Wir haben die Kunst des Wartens üben gelernt. Es gibt gewiß noch Griesgrämige unter uns, wie jener Bayer, der zornig werden konnte, als eines Abends erst bei der sechsten Maß, statt, wie er es gewohnt war, bei der vierten, die Siegesnachricht eintraf; wir anderen haben warten gelernt, nicht bloß Stunden und Tage, sondern Wochen und Monate. Wir sind uns der Schwere der Zeit bewußt geworden und dulden mit Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht. Wir dulden nicht nur im Hinblick auf die weise Lenkung unserer Geschicke, sondern im Vertrauen auf die Genialität unserer Schlachtenlenker, die uns nicht betrügen, nicht falsche Siegesnachrichten ausstreuen, und die, wenn sie uns auch manches verhehlen, dessen frühzeitiges Bekanntwerden Entmutigung oder ein vorzeitiges Wiegen in Siegestaumet befördern könnten, uns die ungeschminkte Wahrheit berichten. Während vor langer Zeit ein Weiser uns zurufen konnte „Und Fluch vor allem der Geduld", wir wollen uns an Ludwig Börne halten, den wackeren Streiter, dessen wir in diesen Tagen gern gedenken mögen, der, wenn auch mit leiser Ironie, doch in einem Sinne, dem wir uns anschließen mögen, das Gebet anstimmte: „Geduld, sanfteste Tochter des grausamen Vaters; schmerzerzeugte, weich lispelnde Göttin, Pflegerin meines armen kranken Vaterlandes, die du es wartest und lehrest warten. . . Schmerzbelastete segenspendende Geduld, holdes, mondlächelndes Angesicht, heiligste Mutter aller Heiligen, erhöre mich." Mit der Geduld hängt die Duldsamkeit zusammen. Auch sie ist uns in unseren Tagen beschert worden. Stolz und freudig haben wir das Wort unseres Kaisers gehört und wiederholt: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Wir haben Duldsamkeit gelernt und wollen sie üben. Wir gedenken gern, wie bei dem Tode eines sozialdemokratischen Führers, der auf dem Felde der Ehre starb, die höchsten Würdenträger des Reiches der Parteileitung ihr Beileid aussprachen, wir erinnern uns mit Freude, daß die höchste Frau unseres Reiches, die mehrfach jüdische Hospitäler besuchte, auch ein sozialdemokratisches Lazarett mit ihrem Besuche beehrte. Wir harren freudig darauf, daß unseren jüdischen Soldaten, nicht bloß den wenigen, denen bisher eine Beförderung zuteil geworden, sondern recht vielen der Rang eines Vorgesetzten erteilt werde, wie sie durch ihre Tapferkeit sich diese Stellung verdient haben, und daß ihnen schließlich auch der Eintritt ins aktive Heer nicht mehr verwehrt werde. Gewiß sind wir nervös und heftig geblieben, ja gerade durch die Aufregung, in der sich naturgemäß ein jeder befindet, es immer mehr geworden. Es mag manches harte Wort auf der Bierbank oder am Familientisch fallen, aber doch schreitet die Duldsamkeit als hehre Göttin durch unsere Scharen. Auch die Mildtätigkeit, gewiß eine der edelsten Früchte der Kultur, ist durch den Krieg gefördert worden. Sie war zwar immer unser Erbteil und unser Stolz. Wir haben immer gespendet und gegeben; aber zu solcher Höhe ist Spenden und Geben noch nie gediehen wie heutzutage. Wenn man die Gabenlisten der Zeitungen, die Zeichnungen der Vereine durchmustert, kann man nicht genug staunen, wie stets von neuem Riesensummen zusammenströmen. Und man weiß, daß diese durch die Zeitungen veröffentlichten Ziffern immer nur einen kleinen Teil dessen enthalten, was wirklich verteilt wird, daß viele Hunderttausende auf privatem Wege zur Speisung von Kindern und Erwachsenen, zur Verteilung von Erquickungen und warmer Kleidung ausgebracht werden. Wenn man diese Tätigkeit, bei der eine unendliche Liebesarbeit von Männern, Frauen, Jünglingen, Jungfrauen, ja selbst Kindern verwendet wird, übersieht und anschaut, wie die Sonne des Glückes sie täglich verklärt und verschönt, so kann man bei allem Unglück, das die Zeit bringt, doch freudig ausrusen: „Es ist eine Lust zu leben." Auch der Fleiß ist größer geworden. Die Zeit ist vorbei — sie herrschte eigentlich nur in den allerersten Tagen —, da die gewaltigen Ereignisse lähmend auf der Tätigkeit lasteten. Eine Hitzwelle des Fleißes ist über Deutschland gekommen, möge sie nicht so schnell vorüberziehen, wie sonst derartige Naturerscheinungen und nicht von den üblen Folgen wie jene begleitet sein. Wohl gibt es immer noch einzelne, die untätig herumlaufen, Gerüchte kolportieren, sich und andere durch unbegründete Nachrichten beunruhigen und nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen; aber im i