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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-22 · Heft 4 (22.1.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 4 (22.1.1915)
Date
1915-01-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 4 Berlin, 22. Januar 1915 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements«pre)s: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin unv Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTl. — Postscheckkonto 324:. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „UHgern. Zeitung des Judentums"', Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rttoffe, Berlin. tfttftfl'ft* un^ ^lt^uv’ Don Ludwig Geiger. — Die I ifilljUll» Woche. — Freiwilliger Leutnant Ludwig Stern. — Feldj poftbriefe. Von L. G. — Weizenmehl und Mazzot. Von I. G. — Kriegsfürsorge in Groß-Berlin. Von W. B. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencseni.— Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Breslau, Bad Ems, Göttingen, > Gailingen. — Von Nah und Fern. Krieg und Kultur. Von Ludwig Geiger. III. Ueberall, wohin man blickt, vielleicht mit Ausnahme der Musik, scheint der Krieg die Kultur wenn nicht geradezu vernichtet, so doch arg geschädigt zu haben. Und doch wäre das Bild unvollständig und daher unrichtig, wenn man nur diese eine Seite zeigte. Wohltätig, ja geradezu glückspendend war und ist der Krieg für die sittliche K u (t u r. Gewiß hat er die Gemeinheit und die Roheit entfesselt. Furchtbare Grausamkeiten werden begangen, und unsere eigene Moral leidet Schaden, in-! dem wir uns über den Tod von Tausenden von Gegnern! freuen, die Zerstörung der größten Wertobjekte bejubeln, ltnb j besonders dadurch, daß wir uns gezwungen sehen, vieles gut - zu heißen, was wir im strengsten Sinne unmoralisch nennen! müßten. j Eine besonders unselige Wirkung des Krieges ist die L ü g e. 1 Ich meine nicht bloß die unendliche Zahl von erfundenen Nachrichten, die auswärts und auch bei uns mitgeteilt werden. Aber weit unseliger als diese in Privatgesprächen, Feldpostbriefen, selbst in den Berichten der Kriegskorrespondenten verbreiteten Nachrichten ist die Lügensaat der Feinde. Nach ihnen hungere man in Berlin und Wien, Königsberg sei belagert, Breslau drohen die schrecklichsten Angriffe, in Berlin zittere man vor russischer Besetzung, Tschechen und Polen revoltieren, die Sozialdemokraten erheben sich zur wüsten Revolution. Es ist sehr zu billigen, daß von deutscher Seite eine förmliche Bekämpfung dieser Lügenfabriken organisiert worden ist, und man darf sich in der Fortsetzung solchen Strebens nicht entmutigen lassen durch die von Neutralen - gelegentlich geäußerte Bemerkung, daß man durch solche Beteuerungen im Auslande nur das Gegenteil von dem erwirke, was man durchsetzen wolle. Weit schlimmer als solche einzelne unwahre Nachrichten, die begierig verbreitet und von unseren Gegnern gern geglaubt werden, sind die offiziellen L ü g e n : die Behauptung Englands, Schützer der Neutralität zu sein, während sich nun unwiderleglich her-ausgestellt hat, daß längst Verträge zwischen England und Belgien bestanden haben, die einen Ueberfall Deutschlands bezweckten. Aber schon die ganze Art des Bündnisses unserer Gegner ist eine Lüge. Die Verbindung Englands und Frankreichs ist eine völlig unnatürliche, die dem Charakter dieser Länder und der jahrhundertelangen Feindschaft widerstrebt, die sie getrennt hat und trennen muß; die Vereinigung Frankreichs und Rußlands widerspricht dem inneren Wesen beider Staaten, da eine die Freiheit fördernde Republik von einem freiheitmordenden Barbarenstaat getrennt ltnb geschieden bleiben muß. Das Bündnis zwischen England und Rußland ist auf unwahren Voraussetzungen begründet, da beide Staaten nicht nur keine gemeinsamen Interessen, sondern überall, besonders in Asien, die widerstrebendsten Absichten haben, und da es selbst in dem Fall, der hoffentlich niemals eintritt, daß sie über Deutschland triumphieren, zum blutigsten Ringen über ihre gegnerischen Absichten kommen muß. Und eine säst noch schlimmere Lüge ist das Bündnis zwischen Rußland und Japan, zweier Staaten, die erst vor wenigen Jahren in schrecklichem Wüten einander gegenüberstanden, und die, gerade weil sie sich so nahe berühren, niemals als Brüder miteinander leben können. Nur der Neid ist die Triebfeder des Auftretens gegen Deutschland; denn von einem wirklichen Hasse gegen deutsches Wesen sind die meisten Länder weit entfernt. Japan hat ehrlich zugestanden, daß es keinen Haß gegen das deutsche Volk kennt; es wäre auch völlig naturwidrig, wenn der mit Wohltaten Ueberhäufte seinen Wohltäter haßte, wenn ein Volk, das wissenschaftlich sich völlig als Schüler Deutschlands betrachtete, seinem Meister grollte, der ihm die Wissenschaft geschenkt. Von einem Hasse Frankreichs gegen Deutschland kann absolut keine Rede sein, denn sonst wäre es unerklärlich, daß Frankreich sich gerade in den letzten Jahrzehnten mit einer erstaunlichen Begeisterung, mit inniger Liebe und großem Verständnis der Erforschung deutscher Literatur und Kultur zugewendet hätte. Wenn gewisse Kreise Englands Deutschland zu hassen vorgeben, so ist dieser Haß gewiß nur die Ausgeburt des Neides. Was aber Rußland betrifft, so hat Tolstoi, gewiß ein tiefer Kenner der russischen Volksseele, gesagt (1894): „Lüge ist diese plötzlich erwachte ausschließliche Liebe der Russen zu den Franzosen und der Franzosen zu den Russen. Und Lüge ist unser dadurch nebenbei ausgedrückter Widerwille gegen die Deutschen und das Mißtrauen gegen sie. Und die größte Lüge ist, daß das Ziel aller dieser sinnlosen Orgien die Erhaltung des europäischen Friedens sei. Ebenso wissen wir auch, daß wir durchaus keine Feindseligkeiten gegen die Deutschen empfanden noch jetzt empfinden." Diesen traurigen Folgen des Krieges stehen in sittlicher Beziehung die guten W i r k u n g e n entgegen. Er hat ein H e l d e n g e s ch l e ch t erstehen lassen unter uns. Auf den Stätten des Krieges werden Mut und Kühnheit, Selbstentsagung mit einer Freudigkeit geübt, die kaum vorauszusehen war. Was die Zeitungen, was Privatberichte melden

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