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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
– (sequence 13)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 3 Berlin, 15. Januar 1915 Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung dr§ Judentums" korrelponVrnHm und Nachrichten. Lkutschland. Berlin, 12. Januar. Am 8. d. M., nachmittags, erschien die Kaiserin im Nachmittagsheim für verwundete Krieger, Kurfürstenstraße 88, und ließ sich durch Herrn Professor Dr. Ludwig Stein die Mitglieder des Komitees vorstellen. Sie drückte insbesondere den Vorstandsdamen, Frau Wirkt. Geh. Oberregierungsrat Dr. H o f f m a n n und Frau Dr. Sofie Wald e ck ihre Anerkennung über die Einrichtung des Nachmittagsheims aus. Mit lebhafter Befriedigung nahur die Kaiserin davon Kenntnis, daß den verwundeten Kriegern im Heim kostenlos warme und kalte Erfrischungen sowie Tabak gereicht wird, und daß ferner für reichliche Unterhaltung (Spiele, Musik und Vorträge) der Soldaten gesorgt ist. Tie Kaiserin zog weitere Mitglieder der Vorstandes, wie Frau Konsul Staudt, Frau Staatsminister v. Boetticher, Frau Dr. Freund, Frau Cassirer und Frau Direktor Waller sowie die Herren Wirkt. Geh. Oberregierungsrat Dr. Hosfmann, Herrn Rechtsanwalt Dr. Waldeck und den Schatzmeister, Herrn Alex Hill-er, ins Gespräch. Mehrmals 200 verwundete Krieger waren gerade anwesend, von denen mehr als 30 persönlich von der Kaiserin mit einer Ansprache beehrt wurden. Die Kaiserin verweilte nahezu eine Stunde inr Heim, ließ sich auch die Einrichtung der Küche von den Vorstandsdamen zeigen und drückte ihre hohe Anerkennung über das Gesehene aus. Besonders gefiel der Kaiserin, daß die Krieger nicht mehr auf den Straßen und in den Cafes Unterkunft zu suchen brauchen, sondern ein gemütliches Heim vorfinden. Beim Abschied wünschte die Kaiserin mit lauter Stimme allen verwundeten Kriegern baldige Genesung und Heilung ihrer Wunden. Beim Eintritt und beim Verlassen des Heims brachte das Borstandsmitglied, Herr Professor Dr. Ludwig Stein, ein dreifaches Hoch auf die Kaiserin aus, in das alle Anwesenden begeistert einstimmten. M. D. Berlin, 12. Januar. Unsere große ernste Zeit, die vaterländische Hilfsbereitschaft im weitesten Sinne erheischt, hat die Gotteshäuser der deutschen Judenheit nicht nur als die viel besuchten Stätten -des Gebetes und der religiösen Erbauung weit in den Vordergrund rücken lassen, sondern vielfach in ihnen auch besondere Veranstaltungen gefördert, die man als eine glückliche Verbindung von Religion und Kunst bezeichnen möchte. So kündigte die Jüdische Reformgemeinde zu Berlin für Sonntag, den 10. Januar, ein Wohltätigkeitskonzert an, das in ihrem Gotteshanse stattfand. Ein seltenes Ereignis in diesen Räumen, die ausschließlich dem Gottesdienste geweiht sind. Doch auch in dieser Veranstaltung hatten sich die zahlreichen Besucher zu einem Gottesdienst zu sanmreu gesunden, dessen einzelne Momente in seiner künstlerischen Wertung zugleich erschütternd und erhebend wirkten. Beethovens Traueriuarsch leitete in wehmutsvollem Gedenken ein. Aber nicht nur ein Gedenken an unsere gefallenen Krieger war es, sondern auch an einen der geistvollsten Kanzelredner Berlins, der an dieser Stelle, vor wenigen' Wochen, den herrlichsten Priestertod gesunden. Ein würdiges Zeichen des Gedenkens für den Mann, der die Kunst neben die Wissenschaft in gleicher Höhe stellte und insbesondere ein begeisterungsvoller Verehrer der Musik gewesen ist. Herr Stabernack beherrscht die schöne neue Orgel des Gotteshauses sehr gut und gab Proben trefflicher Registrierkuttst. Auch sonst bewährte er sich während des ganzen Konzerts als feinfühliger, ausgezeichneter Begleiter, der den mitunter nicht leichten Orgelpart mit technischer Gewandtheit durchführte. Mendelssohn-Bartholdhs Hhmue für Alt, Solo und Chor zeigte uns die Vorzüge des Chors der Reformshnagoge. Hier herrscht noch künstlerische Tradition aus den Tagen Breslauers, und Kapellmeister Levy ist eifrig bemüht, den Chor auf seiner alten Höhe zu erhalten, bei voller Wahrung eigener künstlerischer Individualität. Besondere Anerkennung sei ihm für die meisterliche Ausgestaltung der Schlußfuge in der Hymne wie auch für den schön gesungenen Chor „Gott in der Natur" gezollt. Frau Gina Götz-Levy sang mit tiefer Religiosität und vornehmer Auffassung das Altsolo. Felix Robert Mendelssohn, der junge talentierte Cellist, spielte eine Komposition seines Vaters. Was diesem prächtigen volkstümlichen Musiker eigen ist, fehlt auch dem Sohne nicht: die Wärme des Tones, die seinem Instrument entklingt, ist das Spiegelbild seines musikalischen Erlebens. Dann sprach Irene Trio sch. Wir vernahmen die Offenbarungerl Jesaias, hörten die Vision Ezechiels aus dem 37. Kapitel — und um* standen gern im Banne dieser großen Weissagungen, die mit einer dramatischen Stärke ohnegleichen wiedergegeben wurden. Die gottbegnadete Künstlerin zeigte uns, wie so oft schon, daß die Bibel, dieses uralte und doch ewig neue Buch, unerschöpflichen Stoff in sich birgt, der besonders die prachtvollen Bilder der Prophetie immer wieder aufs neue in ungeahnter Schönheit vor uns erstehen läßt. Daun trug sie die Elegie „lieber den Tod des Jünglings auf dem Schlachtselde" von Jean Paul vor, die Trostgedanken an die Mütter und Väter gefallener Söhne enthält: der leise Untertou der Klage wirkte erschütternd, und wir weinten mit ihr, der die hellen Tränen ans den Augen stürzten. Sie betete zum Schluß den Psalm 20 für den König mit tiefer Inbrunst, wie mau ihn im Gotteshause eben beten muß, und der erhebende Akt ivar vollendet. Die da sprach, ein Vien sch mit tausend Fäden des Fühlens und Empfindens, hat einen Eindruck hinterlassen, der diese Stunde in dem Gotteshause unvergeßlich macht. Herr Cornelius Bronsgeest von der Hofoper sang die Arie aus Elias „Es ist genug". Die Beherrschung des Oratörienstils ist ihm nicht fremd, seine lreiche schöne Baritonstimme und die Charakterisierungskunst trugen viel zum Gelingen seiner ausgezeichneten Leistung bei. Ter pastose große Ton, der Frau D enera zur Verfügung steht, kam wirksam insbesondere im Händelschen Arioso zum Ausdruck. Der Wohllaut der Stimme, die durchgeistigte Auffassung und endlich auch hier die religiöse Wärme übten eine tiefgehende Wirkung aus. Schade, daß Herr Stabernack sich von der Größe des Tones hinreißen ließ, am Schluß des Arioso mit vollem Werk zu begleiten, so daß die Künstlerin nur schwer sich noch Gehör schassen konnte. Der 150. Psalm Lewandowskis beschloß diese eigenartige religiös-künstlerische Veranstaltung. Dieser Meister bleibt uns im jüdischen Gotteshause immer vertraut, und seine charakteristischen Weifen werden unser religiöses Empfinden immer zu beleben wissen. Wir schieden mit dem Bewußtsein, eine wertvolle Stunde verlebt zu haben und sind den Veranstaltern dankbar hierfür. E. S. Berlin, 12. Januar. Am 7. d. M. sprach Herr Schriftsteller Julius B a b im V e r e i n f ü r j ü d i s ch e G e s ch i ch t e und L i t e r a t u r über die Juden in der Schauspielkunst. R-edner hatte sich das Problem gestellt, die Zusammenhänge zwischen Judentum und Schauspielkunst in Vergangenheit und Gegenwart zu erklären. Als Vergangenheit kommen nur die letzten vier bis fünf Generationen in Betracht, in denen sich die Juden der Bühne zugewandt haben. Man sagt, dies geschehe in einem weit ihre Bevölkerungszahl übersteigenden Prozentsatz. aber eine sichere Statistik mangelt noch, zudem trügt der Schein. Tatsache ist, daß in der großen Masse des schau spiele rischen Proletariats Juden nur selten Vorkommen. Unter den allerersten Bühnengrößen trifft man Juden nur selten, wohl aber unter den Talenten zweiten Ranges. Da diese nun viel genannt werden, entsteht leicht die Annahme von dem Ueberlviegen des jüdischen Elements. Immerhin sind die Juden in keiner anderen Kunst so zahlreich. Darum suchte schon Eduard Tevrient in seiner Geschichte der Schauspielkunst von einer besonderen theatralischen Begabung der Juden zu reden — ohne stichhaltige Beweise. Immerhin muß im jüdischen Wesen etwas liegen, was sie zur Schauspielkunst in enge Berührung bringt. Das Wesen der Schauspielkunst liegt in der Kraft zu innerer Wahrhaftigkeit in der Gestaltung einer Persönlichkeit, das einzelne Menschenschicksal so scharf heransznarbeiten und darzustellen, daß wir darin einen Ausschnitt der Menschheit erblicken. Die Schauspielkunst ist eine Urkunst, die noch heute mit den Mitteln der ältesten Zeit arbeitet, nämlich mit dem ganzen Körper, die ferner ihren Gegenstand nicht wählen kann, sondern an die vom-Dichter gebotene Stelle gebunden ist. Der Jude gehört ans künstlerischem Drang zur Bühne, er hat sich in der Gewalt der Beobachtung, und verläßt die Bretter, wenn er nicht vorwärtskonnnt. Die spezifische Bühnentechnik ist sozusagen auf den

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