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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 Und er schlich ganz leise zur Tür hin. Eben wollte er sich hinausdrücken, -als Gaston eintrat und ihn beinahe angerannt hätte. Gaston gab ihm scherzhaft einen Schlag auf die Schulter. „Guten Tag, Onkel Samuel." „Guten Tag, Herr Professor." „Wie befinden Sie sich, Onkel Samuel?" „Bin gesund, Herr Professor, -danke, Herr Professor." „Und die Frau?" „Sie altert, Herr Professor, danke, Herr Professor." „Und das Geschäft?" „Danke, Herr Professor. Meinen Feinden gesagt." „Na, jetzt können Sie es sich ein wenig verbessern. Ich werde mit meinem Hauptkortesch reden." Samuel kratzte sich den Kopf, strich sich den Spitzbart und sah mit großen, unschüldig-bittenden Augen auf den älteren Littauer, wie ein Kind, das erst von der Mutter die Erlaubnis erwartet, vom Onkel ein Bonbon anzunehmen. Littauer schöpfte tief Atem, schritt langsam zur Tür hin, griff nach Samuels rechter Hand, erfaßte dann auch dessen Linke, neigte sich tiefer zu ihm und sprach mit schwerer, schleppender Zunge: „Es geht nicht Samuel. Sage ihnen, daß es nicht möglich ist." Samuel wurde es ganz weinerlich zumute, als er Littauers tiefe Traurigkeit sah, aber er weinte nicht, denn es dämmerte ihm wieder, wenn auch nur schwache die große Wichtigkeit seiner Mission. Mit energischer Gebärde zog er sein riesengroßes Taschentuch hervor und schneuzte sich nach Gutlohns Manier laut, majestätisch. Dieser Ton gab ihm seinen Mut zurück, es war ihm wieder, als ob die Seele der ganzen Gemeinde in ihn gefahren wäre, und grimmigen, hochmütigen Tones warf er Littauer die Worte zu: „Dann ho' mer nischt mehr zu fehandlen. Adje." Damit wollte er Weggehen. Doch Gaston faßte ihn an der Schulter. „Ei, nun, so eilen Sie doch nicht, Onkel Samuel." „Lasse ihn", sprach Littauer, „er muß der Gemeinde eine Botschaft bringen. Man fordert von mir, ich soll das Kreuz, das vor Gutlohns Hause ist, entfernen lassen. Wenn ich es nicht tue, dann arbeiten sie gegen dich." (Fortsetzung folgt.) Gedichte. Von Jenny Berg m a n n.h M c i n e r b l i n d e » L e h r e r i n i n D a n k b a r k c i t g c w i d m c t. ir war, als hielt ein Traum mich eng umfangen. Doch war es der nicht, den die Nacht uns bringt, Wenn uns ein reicher Arbeitstag vergangen Und nun den Müden sanfter Schlummer winkt. Nein, er war dumpf, lag schwer mir auf der Lider, Und durch das Dunkel drang kein Laut zum Ohr, Es war, als sänk' ich langsam erdwärts nieder. Als käm' ich nimmermehr zum Licht empor. h Die Verfasserin der nachstehenden Lieder ist von Geburt blind und seit vielen Jahren taub. Sie ist die Tochter eines angesehenen Fabrikanten in Nordhausen und steht jetzt etwa im 40. Lebensjahre. Nach dem Tode des Vaters, dessen blühendes Geschäft infolge des Aufkommens der großen mechanischen Webereien zurückgegangen war, blieb das mutterlose Mädchen mit ihren sechs Geschwistern in bedrängter Lage zurück. Sie lebte bei ihrem Bruder zuerst in Gera, seit einigen Jahren weilt sie mit diesem und seiner Gattin, die jüdische Lehrerin ist, in derer Obhut in Hamburg. Trotz ihres Leidens hat sie sich Lebensmut bewahrt und übt gern ihr hübsches poetisches Talent aus. Möchte diese Veröffentlichung dazu dienen, der mutigen und begabten Lebenskämpserin Freunde und Gönner zu werben. Die Red. Es war, ich sei verbannt an fremder Küste, Umgeben von des Meeres Wogenschwall; Wo mich kein Ton, kein Blick der Liebe grüßte, Rings nur das endlos, weite, graue All. Es >var, als schwebten um mich bleiche Scharen, Den Schatten gleich, verwischten Angesichts, Ich fühlte wohl, daß es die Meinen waren; Ich wollt' sie sehn, doch ach, ich sah sie nicht. Verzweiflungsvoll des Druckes mich zu wehren. Rief ich zu Gott in meiner Qual und Not, Ich bat, er möcht' Erlösung mir gewähren Aus diesem Schlaf, der schlimmer als der Tod. Allein ich bat und fleht' vergebens immer, Un8 nun erblindend, schon seit Jahren taub, Erlosch in mir der letzte Hoffnungsschimmer, Schwand aus dem Herzen fast mein frommer Glaub'. Da tratest du, ein Engel, mir zur Seiten, Befreitest mich von öder Dumpfheit Bann Und zeigtest mir, daß man im Dunklen schreiten Und aufwärts doch zum Licht gelangen kann. Tu wecktest mich zu frischem, neuem Schaffen Und wiesest mir ein fernes Wunderland; Da fühlt' ich wieder Mut, michaufzuraffen, Es zu betreten froh an deiner Hand. Dir lehrtest mich, wie ich den Schlüssel fände, Ter auch den Blinden jenes Reich -erschließt. Aus dem beim leichten Gleiten seiner Hände Des Wissens und der Bildung Quelle fließt. Noch trennen mich von diesem Glücke Schranken, Doch hoff' ich nun, es blüht auch mir zur Stund. Und dafür möchte ich dir ewig danken. Nur einzig dir, recht aus des Herzens Grund. 1914. Wie lag so friedlich still die -weite An', Wie glänzt der Himmel nieder hell und blau Alls Werke nur des Friedens, der Kultur, Auf die geliebte reiche deutsche Fllir. Der Ernt' entgegen harrte Feld an Feld, Mit saurem Schweiß in treuer Müh' bestellt. Und manches Auge blickte dankbar still Und hoffnungsvoll auf all die Segensfüll'. Da flog durchs Land, man glaubte es noch nicht, Ein schreckensbang befremdendes Gerücht: Krieg gibt es, Krieg; nun Deutschland wehr' dich gut! Nun geht es -um dein Leben, um dein Blut. Und Wahrheit war's, der Krieg kam in das Land, Mit hohler W-ang', im Blicke Glut und Brand. Gar Grauses kündete sein grimmer Mund, Bor seinem Tritte -bebt das Erdenrund. Und wo er fürbaß geht, sproßt blut'ge Saat, Und Tränen tränken seinen Unheils Pfad; Und wo den Fuß er aufsetzt klirrerid schrill, Erhebt sich Waffenlärm und Kampfgebrüll. Der Feind war da, wie krause Wetternacht Stand an den Grenzen auf die dunkle Macht Und drohte gierig in das Land hinein. Sah neiderfüllt auf blühendes Gedeihn Und wollte rauben, was das Volk errang In ernster Arbeit Jahr und Jahre -lang. Die Segensfrucht, der Mühen goldnen Preis, Und alles, was geschaffen deutscher Fleiß. Sie wollten Deutschland machen, ach, so klein, Daß nichts von seiner Grüß' sollt' übrig sein, Und wollten es als Beute teilen aus Und triumphierend ziehen -dann nach Haus.

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