Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
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34 Indes knüpfte inan eine Bedingung an diesen Ausgleich. Möge Littauer das Kreuz, welches er vor dem Hause des Gemeindevorstandes aufstellen ließ, von dort entfernen lassen. Im Prinzip billigte zwar Gutlohn die Annäherung an den Abtrünnigen nicht, aber des Kreuzes wegen drückte er ein Auge zu. Auch der Rebbe wurde befragt, und des Kreuzes wegen machte auch dieser keinerlei Einwendungen. So geschah es, daß Samuel Spitz in aller Form als Abgesandter zu Littauer geschickt wurde, da man wußte, daß er im Hause des Meschümed gut angeschrieben war. Samuel nahm die Mission an, obwohl es ihm sehr sonderbar vorkam, daß er in solch ernster Sache vor seinem Grundherrn erscheinen sollte. Er sann auch lange darüber nach, besprach sich mit seiner Frau, suchte Rat bei seinen Freunden und, als er dann in der Bibel las, daß Moses, ohne soviel Umstände zu machen, zu Pharao gegangen war. nahm er seinen Mut zusammen. Bei Littauers war eben hoher Besuch. Die Koryphäen des Bezirks waren mit Familie anwesend. Sie tranken auf das Wohl Gastons und des Vaterlandes und schworen, daß sie bis zum letzten Atemzuge bei Gastons Fahne ausharren würden. Ter Alte ries Gaston beiseite und besprach mit ihm die Eventualitäten des Wahlergebnisses. „Weißt du, Kaston, vieles gefällt mir nicht. Dieser Baron Szentpaly spielt eine Doppelrolle. Auch Suhajda und Korlüth sind sehr lau." Gaston lächelte: „Du erwartest doch von diesen Leuten keine Begeisterung. Mit dem Herzen sind sie wirklich bei Karücson Tüzes, denn der ist ihresgleichen." „Ach was, jetzt bist auch du schon ihresgleichen." „Nicht doch. Ich habe es dir ja gesagt: wir sind zwischen zwei Welten eingezwängt, die eine hat uns hinausgestoßen, die andere will uns nicht aufnehmen." „Die Wahl werden die Juden entscheiden", sprach Littauer sinnend. „Vielleicht kann ich sie noch für mich gewinnen." „Sie arbeiten gegen dich." „Ich weiß es." Der Diener meldete, daß Samuel Spitz den gnädigen Herrn zu sprechen wünsche. Littauer begab sich ins andere Zimmer. Er begrüßte j Samuel freundschaftlich, doch dieser blieb kalt wie ein Eis- , zapfen. „Samuel, was fehlt dir?" „Ich komme als Deputation zum gnädigen Herrn, das fehlt mir." „Als Deputation?" fragte Littauer und wurde ernst. „Also womit kann ich dienen?" „Warum spricht der gnädige Herr so fein mit mir? Ich bin kein Herr. Ich bin ein Jude." Da wurde Littauer schon ärgerlich. „Ei, wie gereizt du bist." Samuel nahm die Pose eines Gesandten an. „Soll ich vielleicht lachen, gnädiger Herr? Soll ich vielleicht gar dem gnädigen Herrn sagen, daß ich nichts haben will? Weiß der gnädige Herr, was sich in der Gemeinde tut? Betrübnis und Kummer sind in der Gemeinde. Und das ist Ihretwegen, Herr von Littauer." „Meinetwegen?" Noch niemals hatte Samuel in einem Atem soviel gesprochen. Er empfand ein wundersam süßes Prickeln, als er seine eigene Stimme hörte, in dem Bewußtsein, daß er jetzt sprechen könne, sprechen dürfe, daß man ihn nicht, wie sonst, anschreien, zum Schweigen bringen würde. Er war von der Wichtigkeit seiner Mission durchdrungen, und nie empfundener Mut erwachte in seiner demütigen Seele. Er schloß die Augen und streckte seinen mageren Hals vor, vielleicht um seine eigenen Worte besser zu hören. Und er sprach schön, freimütig und stolz. Bei Gott, Samuel war in diesem Augenblick hochmütig und hätte nicht einmal mit dem Rabbiner von Preßburg getauscht. . j; ■! , i * j „Ihretwegen ist die große Betrübnis, Herr von Littauer. Sie haben kein Jude bleiben wollen? Nun gut. Sie haben sich getauft? Auch gut. Auch die christliche Religion ist eine schöne Religion. Sie besteht um Gottes willen, wie die jüdische. Aber warum verfolgen Sie uns, gnädiger Herr?" Littauer wußte nicht, was er darauf erwidern sollte. Als er Samuel in der Pose eines Gesandten sah, hatte er, dem Stil zuliebe, eine kaiserliche Pose angenommen. Aber Samuels unglaubliche Tollkühnheit brachte ihn aus der majestätischen Haltung und er fuhr ihn ganz bäuerisch-grob an: „Samuel, ich lasse dich hinauswerfen." Samuel wurde durch diese Drohung gar nicht erschüttert. „Mir sagen Sie das? Habe ich es vielleicht dem Rebbe nicht gesagt, daß mich der gnädige Herr hinauswerfen wird. Warum sollte er denn mich nicht hinauswerfen, wenn er sogar Gott hinausgeworfen hat. Nun aber gut. Der liebe Gott kann auch anderwärts wohnen. Aber warum verfolgen Sie uns, gnädiger Herr?" „Ich?" rief Littauer empört. „Sie, Herr von Littauer. Immer sticheln und verhöhnen Sie uns. Der geborene Christ tut uns nichts zuleide. Mit dem geborenen Christen leben wir in Frieden. Nachbar Dudös nennt mich Gevatter, Nachbar Gergö nennt mich Bruder. Habe ich Feiertage, so helfen sie mir. Sie zünden mir die Kerzen an, heizen mir das Zimmer, bringen mir das Schälet nach Hause, weil sie wissen, daß ich es nicht tun darf. Beim Begräbnis meines Sohnes haben sie mit mir geweint und am Hochzeitstage meiner Tochter haben sie sich mit mir gefreut. Wenn der Christ guter Laune ist, dann spottet er über meinen Bart und zupft an ihm, aber meinen Gott verhöhnt er nicht. Aber Sie, Herr von Littauer, Sie spotten nicht über unseren Bart, sondern über unseren Gott." In Littauer kochte schon der Zorn. Aber er beherrschte sich. Er zwang sich zu sanften, ruhigen Worten Er wolle wissen, wessen man ihn anklagte. „Aber, lieber Freund, ich habe mich mit keinem einzigen Worte gegen euch vergangen." „Und was soll das Kreuz heißen?" „Das Kreuz?" „Das Kreuz, Herr von Littauer. Warum haben Sie das Kreuz vor dem Hause des Gemeindevorstandes aussteüen lassen? Wenn Sie uns mit Steinen bewerfen wollten, haben Sie keinen anderen Stein gefunden? Das tut uns weh. Was haben Sie wollen, gnädiger Herr? Sie haben die Gemeinde reizen wollen. Nun, Sie haben sie gereizt. Warum haben Sie das Kreuz just vor dem Hause des Vorstandes aufstellen lassen? Herr von Littauer, ich bin nicht im eigenen Namen hergekommen, sondern im Namen der Gemeinde. Wir sind viele. Und was vielen Leuten weh tut, das kann, wenn es hervorbricht, ein Sturm werden." Littauer wurde tief betroffen und traurig. Also tut diese Kreuzgeschichte der jüdischen Gemeinde gar so weh? Zwar hatte er damit einen Schabernack spielen wollen, doch diese Absicht war nur gegen Gutlohn und nicht gegen die ganze Judenschaft gerichtet. Warum hat er nur damals dem aufrührerischen Dämon Gehör geschenkt. Indiesem Augenblick schämte er sich, und dieses Schamgefühl peinigte ihn. Was für einen kleinlichen, feigen, niedrigen Menschen hat nicht der Groll aus ihm gemacht. Wenn er Ursache hatte, Rache zu üben, warum ersann er nicht ein Mittel, welches durch seine Furchtbarkeit gewirkt oder durch Gedankengröße imponiert hätte? Aber diese Rache! Pfui!