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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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38 geheimnisvolle Getriebe der Geschichte; auf Menschenalter hinaus, so hoffen wir, wird das deutsche Schwert die Zukunft Europas bestimmen. Mag man uns „Barbaren" schelten, wir bleiben uns bewußt, daß wir das Mal der Kultur all den Feinden ins Herz brennen, die uns in frevler Vereinigung zu vernichten gedachten. Mit atemloser Spannung folgen wir den Ereignissen, folgen wir tiefen Ernstes im Geiste unseren Brüdern, die in Feuer und Eisen, die durch die wuchtige Sprache der Waffen aufs neue des Vaterlandes Ruhm und Ehre zu schmieden bereifen sind. Wir zweifeln nicht: im Toben der Völker schreitet der Gott der Gerechtigkeit über die Erde und züchtigt die Nationen, die diesen Brand und diese Verheerung leichtfertig heraufbeschworen. Es ist ein seltsames Los, daß sich in den furchtbaren Niederlagen Rußlands das Verhängnis des Weltreiches erfüllt, das längst zur Reife gediehen war. Die maßlose Zerstörungswut, die seine Heere in Wüstenei und Raub, in Plünderung und Mord an den gesegneten Fluren Ostpreußens ausgelassen haben, ist bezeichnend für den Untergrund, auf dem sich die Gewalt aufbaut. Das also ist die gefürchtete Stoßkraft, die in offener Feldschlacht überall versagt und nur in ohnmächtiger Wut auf der Flucht ihre Spuren in den Werken der Vernichtung hinterläßt. Dieses lebendig gewordene Mittelalter haben wir nun auf heimischem Boden entsetzt geschaut. Aber die Verwilderung der Sitten, die sich in solchen Taten bekundet, hat die Welt schwerlich überrascht oder in Staunen gesetzt. Daß Kultur und Intelligenz in Rußland unbeugsam verfolgt werden, wußten wir längst. Wieviel Blutzeugen, wieviel Kerkerqualen schreien deswegen zum Himmel. Vollends die Juden Rußlands seufzen unter dem furchtbaren, grausamen und unmenschlichen Joche, das ihnen auferlegt ist. Vor Jahresfrist erst zitterten sie vor dem drohenden Ungewitter, das in dem Beilis-Prozeß sich vorbereitete. Ein Justizirrtum hätte unberechenbares Unglück besiegelt. gesammelt sind, zittert die Ohnmacht einer ganzen geknechteten Klasse nach. Trauer ergriff die gesamte Kulturwelt. In ergreifenden, erschütternden Gottesdiensten strömten die Empfindungen der deutschen Juden aus. Noch nach einem Jahrzehnt fühlt man die sittliche Entrüstung, die in zahlreichen Reden mächtig emporbrandete. Bei einem Wvhltätigkeitsbasar, der damals von einer studentischen Vereinigung zum Besten der Verfolgten in Breslau veranstaltet wurde, wurden von mir unter anderen', die folgenden Ausführungen gemacht, die am ehesten die unmittelbaren Eindrücke jener Tage widerspiegeln: „Nun sind wir lebendige Zeugen geworden von Geschehnissen, die gestern noch wie eine Mär aus längst entschwundener Zeit uns schienen, die selbst in dem traurigen Kapitel der Verirrungen des Menschengeschlechts an Tragik, an Entsetzen, an Grausamkeit ohnegleichen, ja vereinzelt dastehen. Man hat gemordet, um an Blut und Qualen, nur an dem Jammer der Sterbenden, und nicht zuletzt, um an armseliger Beute die freche, die ekle Begier zu ersättigen; doch mehr als dies, man hat all die Tugenden meuchlings und feige hingemvrdet, die des Menschen Haupt >vie mit goldener Krone schmücken, gemordet hat man die Liebe in des Menschen Brust, gemordet hat inan den Glauben an die irdische Gerechtigkeit, gemordet hat man die Wahrheit, die wie eine Himmelstochter zu den Menschen von den Höhen herabsteigt, die die Gottesflamme in den Herzen entzündet und den Völkern das Gewissen schärft. Vor der Einmütigkeit, mit der wir für unsere Brüder eintreten, wird verstummen der Feind, wird in Ehrerbietung sich beugen der ingrimmige Haß, und aus des Grabes Nacht, ans des Todes Dunkel wird erblühen die Blume des Lebens, die Blume hilfsbereiter Liebe. . . Wir werden nicht bloß dazu beitragen, viel Leid und Not lind Tränen zu lindern, wir »vollen darüber hinaus ein freudig Bekenntnis zluu alten, angestamm- Zum zweitenmal führt dieses Weltreich innerhalb eines Jahrzehnts einen unglücklichen Krieg. Nichts nutzen die ungeheuren Menschenmassen, die es heranführt. Im Feuer deutscher Tüchtigkeit und Kraft lind Ueberlegenhcit, im Siegeszuge deutscher Kultur und Sittlichkeit und innerster Begeisterung bricht seine gewaltige Kriegsrüstung zusammen. Sein unermeßlicher Reichtum ist so unendlich arm an inneren Werten, daß dies Ergebnis niemanden wundernimmt. Dieser zweite Zusammenbruch dürfte an Furchtbarkeit den ersten übertreffen, der in der Ferne sich abspielte. Vor den Allgen des gebildeten Europas wird die Schmach Rußlands tiefer greifen und in ihren Folgen weiterreichen. Unsere Erinnerungen aber haften an den Schreckensszenen, die vor bald einem Jahrzehnt sich in den großen jüdischen Gemeinden Rußlands abspielten. „P v g r o m", grauses Wort, kaum gekannt, flog es über den Erdball, von Bült und Quälen kündend, die wie Diebe in der Nacht über Tausende hereinbrachen. Wehrlos »var die Unschuld gegen diesen Verfolgungswahn, der weder Greis noch Jüngling verschonte. Welch armseliger Mut der herrschenden Gewalten, der diese »vohlvorbereiteten und ausgeklügelten Grausamkeiten geruhig geschehen ließ, welch namenlose Opfer, die der betörten, vertierten Wllt aufgepeitschter Vo'lksleidenschaften, verkommener Spießgesellen erlagen. Welch endloser Jammer lagerte damals über der schwergeprüften Judenheit Rußlands. Zu Hunderten flüchtete sie, von wilder Angst um das bloße Leben gejagt und gehetzt, ins Ausland, und zahlreich »varen die Waisenkinder, deren die werktätige Liebe in all der Not bereitwillig sich annahm. Es liegt uns fern, die Schreckensbilder wieder zu beleben, die an die äußersten Grenzen der Menschlichkeit rühren. In den Illustrationen der Zeitschrift „Ost und West", in den „Dokumenten", die aus diesen Tagen von berufener Stelle ten Judentum ablegen, »vir »vollen der Welt zeigen, daß »vir; trotz alledern entschlossen sind, unserem Gott in unserer Weise; zu dienen, wir wollen auf unsere Weise verwirklichen das! stolze Wort: „K u l t u r d a s i st F r e i h e i t i n R e l i g i v n." Die Katastrophe, die über Rußland hereinbricht, ist eine von den geschichtlichen Notwendigkeiten, die sittlich und ■ religiös gewürdigt zu werden verdienen. Es ist die Zuchtrute, , die jedes sträfliche Beginnen in sich selbst begründet. Als über die Juden Spaniens das große Schicksal kam, das sie von Haus unö Hof Vertrieb, schrieb, »vie bekannt, ein Chronist: : Siehe, Tage werden kominen . . . Wie einst für die ungastlich gewordene Heimat der spanischen Juden sind sie nun über j Rußland gekommen. Die Zertrüinmernng, die cS »ms zuge- ' dacht hatte, hat es sich selbst bereitet. Brr nrue Lhrilt. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Trencs^ni. (Fortsetzung.) XI. trügen nüchternen Juden mißfiel die große Unversöhnlichkeit, welche man gegen die Littauerschen bekundete. In diesem engen Kreise wurde also das Losungswort ausgegeben, daß man mit Littauer eine Aussöhnung anbahnen müsse. Nicht die volle brüderliche Aussöhnung. Tie suchten eine solche, die ermöglichen sollte, es nicht als Ehrenpflicht zn betrachten, einander immerfort zu befehden.

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