Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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32 ohne Bericht und ohne Urteil anfgehängt, darunter einen Mann - den Sohn des in ganz Polen berühmten Alexander Robbe - , der von der ganzen Gemeinde wie ein Heiliger verehrt wurde, der feine Tage, hinter dem Talmud sitzend und seinen frommen Gedanken nachgrübelnd, in bescheidener Zurückhaltung und Selbstvertiefung verbrachte und sich gar nicht kümmerte um die Händel dieser Welt. Ich selbst habe Gelegenheit -gehabt, eine der unglücklichen Witwen in Radom zu sprechen. Versteinert und starr in ihrem Schmerz saß sie vor mir. Mit einer Ruhe, die mir -das Herz ergriff, nahm sie ihr grausiges Erleben als eine Fügung Gottes hin, und wenn das zerrissene Herz ausschreien wollte vor tvahnsinnigem Weh, lehrte sie ihr frommer Sinn, in Gottes Namen zu dulden und sich seinem Willen zu fügen. Und mit einem nervösen Zucken um den Mund erzählte sie mir mit gedämpfter Stimme von dem namenlosen Unglück, das sie getroffen, und den Männern, die durch Henkershand gefallen. „Mein Schwager — der Sohn des Alexander Rebbe war ein edler Mensch, eine stille Natur, ein göttlicher Mann." Warum man sie hängtel Fragen Sie den polnischen Denunzianten, der diesen dreifachen Mord auf dem Gewissen hat. Ueberhaupt krampst sich mir das Herz zusammen, wenn ich hier in Polen sehe und höre, welch entsetzliche Gewalttaten an den Juden im Laufe dieses Krieges von den Russen verübt worden sind und tagtäglich verübt werden. Die Pogrome früherer Zeiten sind ein Nichts gegen die rasende Vernichtung jüdischer Häuser und jüdischen Lebens, die mit dem russischen Heere sich durch ganz Polen wälzt, mit ihm vorwärts oder rückivärts geht und es begleitet wie ein drohender Schatten. In mehr als 215 Ortschaften wurde bisher pogromiert, und es ist kein Ende dieses Schreckens abzusehen. Ich will aber ins einzelne gehen und Ihnen Tatsachen berichten, nackte Tatsachen, deren Wucht sich niemand wird verschließen können und die sich durch keinerlei Schönfärberei aus der Welt schassen lassen. In Staschew wurden am Jom-KiPPur elf Juden in Tallis und Kittel in der Synagoge aufgehängt. In Klodawa wurden zwei der angesehensten. jüdischen Bürger an einem Freitagabend, als die Juden aus der Synagoge kamen, am Balkon des eigenen Hauses aufgehängt, nachdem die Frari des einen selber die Stricke hatte herbeiholen müssen. Vierundzwanzig Stunden mußten die Leichen hängen bleiben, und die Juden der Nachbarschaft durften die Fensterladen nicht schließen, damit sie sich dem entsetzlichen Anblick nicht entzögen. Aus die Brust hatte man den Getöteten einen Zettel mit der Aufschrift geheftet: Gehängt, weil sie ein Dreirnbelstück nicht wechseln wollten. In Lenczyca war eine Bürgerwehr eingerichtet, in der 70 Prozent Juden organisiert waren. Als das russische Militär nach L. kain, wurden sämtliche Juden sofort aus der Miliz entfernt, und in derselben Nacht haben die Kosaken geplündert und mißhandelt — nur in jüdischen Häusern. In Schidlowec haben sich jüdische Mädchen in den Pilicer Teich geworfen, weil sie geschändet worden waren und diese Schmach nicht durchs Leben tragen wollten. In Ostrowice forderten die Kosaken die Auslieferung des Rabbiners Zadick Kalischer, der gehängt werden sollte, weil er angeblich die Oesterreicher begünstigt hatte. In Wirklichkeit war er zusammen mit dem polnischen Geistlichen den österreichischen und den deutschen Truppen, so wie früher den russischen, entgegengegangen und hatte um schonende Behandlung der Einwohner gebeten. Da der Rabbiner sich versteckt hielt, warteten die Kosaken den herannahenden Jom-Kippur ab und umzingelten am Kolnidrej-Abend die Synagoge, um den Rabbiner gefangen zu nehmen. Als sie im Begriff waren, in das Bethans einzudringen, zogen die Deutschen in O. ein, und die Kosaken wurden vertrieben, nachdem sie vorher Hans und Hof des Rabbiners zerstört hatten. Am 4. Dezeinber, während des Freitagabendgottesdienstes, kam in Petrikan der Gouverneur mit Polizisten in die Synagoge, ließ sämtliche Thorarollcn aus der Heiligen Lade entfernen und diese nach einem geheimen Telephon durchsuchen, das die Juden dort untergebracht hätten. In Kleczew wurden 150 Inden als Spione verhaftet und nach Warschau geschleppt. Aus Zyrardow, Pruschkow, Bialobrzec, Jwangvrod, Grodzisk, Skierniewice und vielen anderen Orten wurden sämtliche Inden fortgejagt. In Skierniewice traf sie der Ausweisungsbefehl am Freitagabend, als sie gerade die Sabbatlichte angezündet hatten, und so gingen die 10 000 Skierniewicer Juden aus ihren Häusern, ließen Licht und Challoh zurück und zogen, der Rabbiner an ihrer Spitze, hinaus ins Dunkel der Nacht. Die Grodisker Juden wollten sich nach Warschau wenden und baten durch eine Deputation um die Erlaubnis. Der General hieß sie nach dem linken Weichselnfer gehen und, da sie ihm antworteten, das wäre dasselbe wie in die Weichsel gehen, meinte er zynisch: Das wäre das Allerbeste. In Lowicz wurden zwei junge Juden aus Zgierz, Sandberg und Frenkel wegen angeblicher Spionage verhaftet und nach vorheriger Verstümmelung des einen aufgehängt. Dasselbe Los wurde dem Getreidehändler Moses Lipschitz, einem geachteten Talmudgelehrten, zuteil, weil er — vor dein Krieg — Ge- | schäfte nach Deutschland gemacht hatte, i In Bechawa (Lubliner Gouvernement) wurden im Oktober j 78 Juden an einem Tage wegen „Spionage" aufgehängt. In Kramostaw (Lubliner Gouvernement) wurden viele! Häuser eingeäschert, die Juden (200 Familien) zum großen Teil mit Frauen und Kindern vernichtet. In Lodz sind 15 000 Kleinhändler ihrer Habe beraubt und j zu Bettlern gemacht worden. Lodzer Frauen wollten ihre - verwundeten Männer in den Lazaretten in Petersburg und Moskau besuchen. Es wurde ihnen verboten, weil diese Stätten nicht im Ansiedlungsrayon liegen. In Zdunska-Wola wurden sämtliche Frauen und Mädchen - geschändet, selbst eine Wöchnerin am dritten Tage nach ihrer i Niederkunft, und Kinder von 6 und 5 Jahren blieben nicht verschont. Eine Frau, deren Mann im Kriege wgx, starb an den j Folgen einer Vergewaltigung. Bald darauf kehrte der Mann! verwundet heim. Er fand sein Kind ohne Mutter und seine! Frau von einem „Kameraden" zu Tode geschändet. | Dies ein kurzer Ausschnitt aus dem Bilde der unerhörten j Judenverfolgungen hierzulande, das ich in seinen markantesten! Zügen Ihnen wiederzugeben für meine Pflicht halte, für meine! Pflicht gegenüber der Wahrheit, der Kultur und dem Juden-! tum. Denn: „Du sollst nicht stehen bleiben beim Blute deines - Nächsten." 4. Dr. Sonderling: | „Ich studierte in Wien, Breslau, Berlin. Mein erstes Amt j war Göttingen, wo ich als Dreißigjähriger und Rabbiner im : Amte meiner Militärpflicht nachkam. Seit sieben Jahren bin; ich in Hamburg am israelitischen Tempel."! A »m erku n g : Die Bilder und Biographien der übrigen Herren Feldprediger werden, svivie sie uns zukommen, nachgeliefert. ‘ Tie Redaktion. Orogrom.! Z u m G e d'ä ch t n i s. Bon Ltadtrabbiner Dr. Behrens, Göttmgen.! 5?Ve Knkgsfurie schwingt ihre Fackel über die Lande.! \ J Millionen stehen im Kampf widereinander. Der Tod j geht um, blutige Ernte heischt er. Schicksale entscheiden sich von i ungeheurer Tragweite. Unsere Zeit schaut tief hinein in das