Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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31 heit durch Deutschlands Feinde, auch uns Juden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Herzerfreuend ist es, wie unsere alte heilige Schrift in ihrer imgebrochenen Kraft und Größe gerade in diesen Tagen wieder zu Ehren kommt. Aus jeder Seite unserer Thora bieten sich dem Leser die mannigfachsten Beziehungen zur lebendigen Gegenwart von selber dar. Soviel schlichter und friedlicher auch das Hirtenleben unserer Patriarchen uns anmutet, es waren ganze Männer, die in heißem Ringen mit sich und ihrem Gotte zu wahrem Heldentum emporwuchsen. Und gar Moses und die Propheten alle, die das Schifflein ihres Volkes mit fester Hand durch die lrausenden Wogen der Weltgeschichte sicher hindurchsteuerten, des Sturmes frohlockend, weil sie in ihm die Stimme des gerechten Weltenrichters vernahmen! Es ist für einen Feldprediger in der Tat eine überaus dankbare Aufgabe, den religiösen Gehalt der Schrift -in seiner ewigen Wahrheit feinen Zuhörern nahezubringen. Schriftverlesung und Schrifterklnrung stehen im Mittelpunkt unserer Feldgottesdieuste. Zu beiden führen hin die -wesentlichsten Stücke der Morgenandacht, wie unser Feldgebetbuch sie .geschickt zusammenstellt. Sie künden von dem Herrn des Weltalls, der die Menschenseele rein geschaffen; sie mahnen uns, diese Seele durch Wahrhaftigkeit rein zu erhalten und sie zu durchdringen mit der aufopferndsten Liebe zu Gott; sie flehen tun des Lebens wahre Güter, deren letztes und höchstes der Friede ist. Nun folgt der Thorarolle und die Lesung eines Teiles des laufenden Wochenabschnittes, zu der drei bis fünf Kameraden ausgerufen werden. An das Verlesen anknüpfend, halte -ich sodann eine kurze Ansprache, die in eine Mahnung zur Z^x-eue gegen den König und gegen den König aller Könige mündet und mit einem Gebet um den Sieg unserer guten deutschen Sache ausklingt. Nach der Wiodereinhebung der Dhorarolle verlese ich den 145. Psalm, spreche das Kaddisch für die Trauernden und schließe mit dem olenii, dem herrlichen Bekenntnis zum Glauben an ein künftiges Gottesreich auf Erden. Gelegentlich füge ich noch einen Psalm in deutschem Text hinzu, wie ich auch einige der hebräischen Gebete für die vielen, die der heiligen Sprache unkundig sind, in die Muttersprache übertrage. Die ganze Andacht dauert nicht über eine Stunde. 2. Georg Wilde. Herr Dr. Wilde, Feldrabbiner bei der IV. Armee, schreibt uns am 3. Dezember 1914: . „Besten Dank für die beiden Exemplare Ihrer Zeitung. Es wird Sie vielleicht interessieren, wie ich sie weitergegeben habe. Sonntag hatte ich in T. in einem Raume des Feldlazarettes Gottesdienst angesetzt. Kurz vor meiner Rückfahrt ging ich noch in einen Saal, diesmal aus Neugierde, weil mir ein Krankenwärter sagte, daß dort Senegalesen liegen. In einem großen allgemeinen Saal, aber abgesondert von den übrigen, lagen vier schwarze Senegalesen. Einer freundlich grinsend, ein anderer wie ein schwarzer Teufel aussehend. Ich schämte mich für die Franzosen und Engländer, daß sie mit solchen Halbwilden kämpfen, und konnte mich nicht enthalten, zu einem verwundeten Franzosen, der in der Nähe lag,, zu sagen: „ces sont, yos amis"; aber mich packte auch die Wut bei dem Gedanken, daß sich die Blüte unserer Jugend — hier kämpften unsere Freiwilligenregimenter — mit diesem Gesindel schlagen muß. Aber welch namenloses Glück, daß wir diese Horden von unseren Grenzen fern-gehalten haben! Wie würde heute wohl das westliche Deutschland aussehen, wenn den Feinden ihre Pläne gelungen wären! Bei dem Herausgehen aus diesem Saal traf ich einen kranken jüdischen Soldaten; er hatte sich beim Begraben von Gefallenen eine Infektion an der rechten zugezogen. Dem gab ich die eine Nummer. — Am anderen Tage war ich telegraphisch nach D. gerufen worden, einen jüdischen Landsturmmann zu begraben, der auf Wache bei einem Eisenbahnübergang verunglückt war. Zur gleichen Zeit wurden noch zwei Soldaten — ein Katholik und ein Protestant —, die im Lazarett gestorben waren, begraben. Da ein anderer Geistlicher nicht da war, sprach ich über alle drei, als einleitendes Gebet das Schlachtgebet von Körner nehmend: Vater, ich rufe dich! und die Ansprache schließend mit dem Kaddisch-Gebet für den jüdischen Soldaten und dem Priestersegen hebräisch und deutsch über den Protestanten, Katholiken und Juden und deren Angehörige in der Ferne.— Nachher ging ich noch in ein Lazarett und traf dort drei jüdische Schwestern. Acht Tage vorher hatte ich bei einer Andacht an demselben Ort noch drei jüdische Schwestern getroffen, die in einem Lazarett tätig sind. Dort verschenkte ich das zweite Exemplar. Ich bitte Sie, mir mein Exemplar statt nach Magdeburg ins Feld zu senden mit noch einem Exemplar. Da ich jetzt die verschiedensten jüdischen Zeitschriften bekomme, wird es vorläufig genügen." 3. Herr Dr. A. L e v y schickt uns folgenden offenen Brief an die „American Hebrew", New Dork: Ich bekomme ins Feld, wo ich als Rabbiner für die jüdischen Soldaten einer deutschen Armee tätig bin, die Nachricht zugesandt, daß in Ihrem Blatt eine Notiz gestanden habe, die die bekannten Taten der Russen in Radom, über die seinerzeit das „Berliner Tageblatt" berichtet hat, in ihrer elementaren Wucht abzuschwächen und die Schuld von den Urhebern abzulenken sucht. Ich bin der eigentliche Autor jenes Berichts, habe also an seinem Inhalt und Schicksal alles Interesse und erlaube mir daher. Ihnen hiermit feierlich und mit dem ganzen Ernst unserer blutigen Zeit zu wiederholen: es ist buchstäblich wahr! Die Russen haben in Radom drei unschuldige Juden die Aushebung Ber- Dr. Sonderling