Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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86 Bestätigung. Ich bin bisher über 120 jüdischen Kameraden begegnet; ein Zehntel war schon nach den ersten Gefechten befördert, ein weiteres Zehntel mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Ich fand, wo strengste Redlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Intelligenz erforderlich sind, da werden Juden mit Vorliebe verwendet. Ich weiß aus dem Munde von Offizieren, daß viele jüdische Soldaten sich freiwillig zu gefährlichen Patrouillengängen melden und dabei einen Mut und eine Todesverachtung an den Tag legen, die das Märchen von der jüdischen Feigheit gründlich zuschanden macht. Das erfreulichste aber ist, daß nicht ein einziger aus seinem religiösen Bekenntnis ein Hehl macht. Im Gegenteil: jeder weist nicht nur etwa vorkommende antisemitische Entgleisungen mit Entschiedenheit zurück, sondern zeigt sich auch von dem stolzen Ehrgeiz beseelt zu beweisen, wie ernst es uns Juden mit der Liebe zum deutschen Vaterland ist, ob dieses Vaterland -auch unsere Liebe nicht immer lohnte — Gott sei dank, wir dürfen dies in die Vergangenheit setzen. Daß nur es dürfen, daß der militärischen Beförderung nicht mehr jene unüber-^ , steigbare konfessionelle Schranke ent- -jp-ij gegengestellt wird - und ich muß bekennen, daß ich selber vom Anblick so vieler gebildeter und soldatisch hervorragender Glaubensbrüder, die dennoch es nur zum Unteroffizier oder höchstens Vizewachtmeister hatten bringen können, schmerzlich berührt war — das wird unseren Kriegern jene stille Resignation nehmen, die hinter all ihrem Streben stand, und wird ihrer Pflichterfüllung den Schwung einer ungetrübten Freude leihen. Was auch die Zukunft bringen mag, das Geschlecht, das diesen Krieg erlebt hat, kann in die alten Borurteile gegen die Juden nicht zurückfallen. Und wenn die Lebenden die Einmütigkeit aller in der Treue gegen das Vaterland vergessen sollten, so werden die Toten reden. Einer von den merkwürdigen Zufällen, wie sie im Kriege nicht selten sind, wollte, daß ein Protestant, ein Katholik und ein Jude bei dem gleichen Geschütz zusammen fielen. Der evangelische Pfarrer wurde vom Divisionär mit der Grabrede betraut; ich vwllte es mir nicht nehmen lassen, meinem Glaubensbruder die letzte Ehre zu erweisen. Ich ließ mein Wägelchen anschirren, ein lustig-leichtes Fahrzeug, das in Ermangelung des mir zugedachten gediegenen deutschen Landauers aus dem Besitz des „maire" des Torfes S. beigetrieben worden lvar, und mein polnischer Bursche, von Haus aus Schneiderineister, fuhr den Kollegen und mich über die bewaldeten Höhen nach D. hinunter. Ter Abend begann schon zu dämmern, als Nur an dem Soldatenfriedhof hinter dem Torfe anlangten. Ter Brigadegeneral v. W. empfing uns im Kreise seines Stabes, und um die beiden ausgeschauselten Gräber standen in weitem Bogen dichtgedrängt die Kameraden der Gefallenen. Feierliche Stille herrschte, als der Pfarrer, mit einem Psalm beginnend, von dem Heldenschicksal sprach, das sich hier wieder einmal erfüllt hatte. Sodann richtete ich einige Worte an die Versammelten, indem ich aus den Zufall deutete, der hier die drei Bekenntnisse im Tod vereint und den wir als Sinnbild und als Mahnung für das Leben nehmen sollten: wir bekennen alle einen Vater und e i n Vaterland. Alle Häupter entblößten sich, als der Pfarrer nun das Vaterunser sprach. Tie Bahren senkten sich zur Gruft, und wir Geistlichen, die Offiziere und die-Mannschaften, einer nach dem anderen traten heran, um die drei Handvoll Erde den Tapferen nachzuwerfen. Es war eine tief ergreifende Totenfeier im Dämmer des Abends, die ich nicht vergessen werde. Schweigend fuhren wir zwei Zurück, vorbei an Zahllosen Gruben, die feindliche Granaten in den oft beschossenen Höhenweg ein¬ . Salzberger. Feldpredlger gewühlt hatten. Silberhell stand die Sichel des neuen Mondes am Himmel und die ewigen Sterne flimmerten in der reinen Luft. Wenn die erzählen könnten. Was haben sie nicht im Laufe der Jahrtausende an Jammer und Elend, aber auch an Glück und Schönheit, an wahnwitziger Verblendung und an aufopferndster Begeisterung hier unten gesehen! Es ist ein schönes Vorrecht des geistlichen Berufes, sich stets vom Einzelnen Zum Allgemeinen, vom Kleinsten zum Höchsten aufzuschwingen. Man sollte meinen, daß jeder Denkende das tut, zumal im Kriege, wo Völker so gewaltig und um so Gewaltiges ringen. Aber auch das Gewaltige wird allmählich zu etwas Gewohntem, und in dem täglich gleichen Dienste verliert selbst der Krieg seine gebieterische Größe wie seine Schrecken. Darum sind Stunden innerer, innerlichster, d. h. religiöser Sammlung im Felde von besonderem Werte. Den einen gemahnen sie freundlich an Heimat und Elternhaus, den anderen spornen sie zu neuer Tatkraft an, hier trösten sie über das tausendfache Leid der Gegenwart, dort entfachen sie die Hoffnung auf einen ruhmvollen Frieden, alle aber erheben sie über das Alltägliche zürn letzten Sinn des Lebens und des Todes, zu dem Ewigen, der das Schicksal der Völker wägt mit der Wage der Gerechigkeit, und dessen Hand wir darum getrost unser eigenes Schicksal anvertrauen dürfen, unfern Leib wie unsere Seele. In solchen Gedanken, die hier nicht nur gedacht, sondern von dem gar sehr empfänglichen Herzen erlebt werden, schließen sich Religion und Vaterland, schließen wir selbst uns mit den Vätern der Vorzeit, mit unfern Lieben daheim zu einem Bund des Glaubens und der Treue fester und fester zusammen. Gute Deutsche und gute Juden; war dies schon immer unsere Parole, so ist es im Felde zum Schlachtruf geworden. Jetzt empfinden wir stärker als je, wie unlöslich beides in uns verknüpft ist. Ohne Chauvinist zu sein, darf man wohl sagen, daß Judentum und Deutschtum sich suchen und finden mußten, weil sie wesensverwandt sind. Was "wn dem Juden auch nachfagen mag von französischer Beweglichkeit des Geistes, von englischem Geschäftssinn, entscheidend ist, daß das jüdische Herz unt dem deutschen Gemüt zusammenstimmt. Denn in sittlichem Fühlen und Denken und der daraus ersprießenden unentwegten Treue und Opferwilligkeit gegen ein Ideal offenbart sich erst jene echte Kultur eines Volkes, die einer ganzen Welt von Feinden, die den Wogen der eigenen nationalen Leidenschaft standzuhalten vermag. Es ist höchst lehrreich, daß Judentum und Deutschtum wie im Wesen, so auch vielfach in der Aufnahme übereinstimmen, die sie von ihrer Umwelt erfahren. Der Krieg bringt an den Tag, daß der Deutsche wie der Jude bei anderen unbeliebt wo nicht verhaßt ist, weil man ihn verkennt. Man kann zwar nicht umhin einzuräumen, daß die Deutschen das Volk der Dichter und Denker sind - gewesen sind, wie die Juden das Volk 'der Propheten und Psalmisten. Aber zwischen dem Einst und dem Heute gähne eine Kluft; wir seien reich geworden und im Streben nach immer größerem Besitz geistig und moralisch entartet — wir Deutsche — und wir Juden. Man rühmt zwar unseren Fleiß, unsere Rührigkeit und Gründlichkeit, aber man kann es uns nicht verzeihen, daß wir's zu etwas gebracht haben — uns Deutschen und uns Juden. Man schilt uns Barbaren und verlacht uns als weltfremde unverbesserliche Träumer — uns Deutsche und uns Juden. — Vielleicht lernt unsere Zeit aus dieser teils böswilligen und lügenhaften, teils albernen und kurzsichtigen Entstellung der Wahr-