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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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29 Zigeunermusiker war im Grunde genommen mehr der Liederkomponist Markus Nozfavölgyi (1787—1848). Er meisterte die Geige trotz dem besten und echtesten Zigeunerprimas, und -als er einmal in Pest eine Serenade gab — damals war Pest noch eine Kleinstadt und Serenaden in Schwang —, machte sein Geigenspiel auf den damals schon berühmten Primas Johann Bihari so tiefe Wirkung, daß er ihm nicht mehr von der Seite wich. Sie wurden die besten Freunde, und Bihari machte für die feurigen Kompositionen Rozsavölgyis — damals noch Rosenthal — die eifrigste Propaganda. Rozsavölgyi führte — zum Teil nicht aus eigener Schuld — ein recht unstetes Leben; es gibt kaum eine ungarische Stadt, wo er nicht konzertiert und Triumphe gefeiert hätte. Seine Kompositionen sind noch heute ein eiserner Bestand unserer Zigeunerkapellen. Sein Schwanenliied ertönte am 25. Februar 1845 im Budapester Nationaltheater; da gab er sein Nbschiedskonzert, und das Spiel des Greises war so hinreißend, daß dieser Abend den Zuhörern unvergeßlich blieb. Er habe — schrieb damals ein Kritiker — auf der Geige förmlich gesprochen; „tiefergriffen vernahm man die nationalen Klänge, die im Tempel unseres vaterländischen Ruhmes ewigen Nachhall finden werden". Rozsavölgyi ruht im Kerepeser israelitischen Friedhof; seine einfache Grabschrift lalltet: Rozsavölgyi Markus. Meghalt eletenek 66-ik eveben' Januarius 23-ikan 1848. Petöfi hat den Geigenkünstler in einem herrlichen Gedichte verewigt. Und ein jüdischer Zigeunerprimas war ja in letzter Linie auch der Geigenvirtuose Eduard Nemenyi, dem zwei Weltteile zrl Füßen lagen. Sein Spiel konnte nie das Zigeunerische — im edlen Sinne des Wortes genommen — verleugnen, ltnb die ungarischen Zigeuner betrachten ihn stets als den Ihrigen. * Die jüdischen F eld g o t t e s d i en ste erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Das geht nicht bloß aus den Berichten der Geistlichen hervor. Privatim wird uns gemeldet, daß an einem Chanuka-Gottesdienst in Belgien unter 80 Teilnehmern sich 61 Freiwillige befanden. Uns wird ferner berichtet, daß an den Verband der deutschen Juden Gesuche gerichtet worden sind oder fein sollen, die Zahl der Feldprediger zu vermehren: ein Zeugnis für den religiösen Sinn, der bei unseren im Heere weilenden Glaubensgenossen herrscht. Aalrrr Feldprrdigrr. ach der Veröffentlichung der Berichte und des Bildes des Herrn Rabbiners Dr. Baeck (Jahrgang 1914 Nr. 48) wandte ich mich an die übrigen im Felde stehenden Prediger und bat sie um ihre Photographie und um kurze Lebensnachrichten. Einige der Herren lehnten die Sendung des Bildes ab aus einer, wie mir scheint, übergroßen Bescheidenheit. Mehrere haben noch nicht geantwortet. Ich lasse die eingegangenen Bilder mit kurzen Lebensnachrichten und Auszügen aus den Mitteilungen der Herren, die meinem Wunsche entsprochen haben, hier folgen: 1. Georg Sa l z b e r g e r : Ich bin 1882 in Kulm (Westpreußen) geboren, wo mein Vater Rabbiner war. Vier Jahre später übersiedelten meine Eltern mit ihren drei Kindern nach Erfurt. Hier besuchte ich das Gymnasium, um 1901 zum Studium der Theologie und der semitischen Sprachen nach Berlin zu gehen. 1906 promovierte ich in Heidelberg mit einer Dissertation über die „Sälomosage in der semitischen Literatur" und bestand 1909 die Rabbinatsprüfung an'der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums". Im folgenden Jahre wurde ich als Rabbiner der israelitischen Gemeinde nach Frankfurt a. M. berufen. Als der „Verband der deutschen Juden" jüngere Rabbiner aufforderte, sich freiwillig als jüdische Feldgeistliche zu melden, stellte ich mich sofort zur Verfügung. Vom Kriegsministerium wurde ich der 5. (kronprinzlichen) Armee zugewiesen und ließ mich von dessen Armeeoberkommando, mu den fechtenden Truppen möglichst nahe zu sein, dem Stabe einer Division zuteilen. Bisher habe ich täglich die Feldlazarette ausgesucht und den Verwundeten ohne Unterschied der Konfession seelsorgerisch zugesprochen, zweimal die Woche für die jüdischen Kameraden Gottesdienste veranstaltet, bei denen die Teilnehmerzahl zwischen 30 und 60 schwankte. Da der Wirkungsbereich von einem Divisionsstabe aus wegen technischer Schwierigkeiten verhältnismäßig eng ist, habe ich nunmehr meine Uebernahme durch das Armeeoberkommando der 5. Armee nachgesucht, um nach dem Beispiel meiner Amtsbrüder im Feld womöglich alle für mich in Betracht kommenden Divisionen bereisen zu können. Herr Dr. Salzberger hat in der Monatsschrift „Liberales Judentum" schon wiederholt Blätter aus seinem Kriegstagebuch veröffentlicht. Aus der Dezembernummer des genannten Blattes lassen wir hier einen sehr interessanten Artikel „Seelsorge im Felde" folgen: Der Divisionsstab, dem ich angehöre, hat sein ehemaliges Oberhaupt als Kommandierenden General an die Ostarmee abgegeben. Der neue Divisionär zeigte mir das gleiche Entgegenkommen. Die Offiziere des Stabes wußten im Anfang nicht recht, wo sie mich einordnen sollten. Ein Rabbiner, der kam gewiß aus einer anderen Welt oder doch mindestens aus einem anderen Jahrhundert. Aber literarische, philosophische und religiöse Gespräche müssen ihnen wohl die Augen darüber geöffnet haben, daß auch der Rabbiner ein Mensch ist, der mit beiden Füßen auf dieser wohlgegründeten Erde steht, mitten in der Gegenwart, deren gewaltigen Umwälzungen er am wenigsten sich verschließen darf. Seitdem sind 'unsere Beziehungen geradezu herzlich. Für den Gottesdienst wurde mir ein geräumiger Betsaal angewiesen. Ehemals mag es ein Stall gewesen sein; aber warum soll eine Zeit, die Kirchen zu Pferdeställen wandelt, nicht auch einmal aus einem Stall ein Gotteshaus machen? Hier versammeln auch die beiden christlichen Kollegen ihre Andächtigen, da die Kirche von Verwundeten belegt ist. Freilich, bei klarem Wetter halten sie ihre Andachten zumeist unter Gottes freiem Himmel, und die Choräle, von tausend Männerstimmen gesungen und von der Regimentskapelle begleitet, schallen gar feierlich über die weite Ebene dahin. Ehe ich als Feldgeistlicher einzog, nahmen wiederholt jüdische Kameraden an der kirchlichen Andacht teil und lauschten ergriffen der Predigt des Pfarrers — ein Zeichen für die Größe des religiösen Bedürfnisses. Es muß den Vertretern der beiden anderen Bekenntnisse nachgesagt werden, daß sie den jüdischen Zuhörern gegenüber die zarteste Rücksicht beobachteten. Von Polemik konnte ohnehin nicht die Rede sein, wo es nur einen Kamps gilt: gegen die Feinde des Vaterlandes. Aber eben deshalb begrüßten die Pfarrer die Ankunft des jüdischen Geistlichen mit nicht geringerer Freude als die jüdischen Soldaten selbst. In S. konnte man nun täglich um die Mittagsstunde die irdische Dreieinigkeit des Glaubens die Torfstraße hinauswandeln sehen, und hier, in V., wohnt sie an einem viereckigen Platz, dessen eine Seite die Kirche und dessen drei andere Seiten je eine Konsession -einnimmt; in der Mitte des Platzes steht ein Tag und Nacht fließender Brunnen — eilt Symbol der ewigen Wahrheit, aus der sie alle schöpfen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß dieselbe Einmütigkeit wie unter den Hirten -auch unter ihren Herden herrscht. Mag hin und wieder von seiten christlicher Mannschaften oder Offiziere ein unbedachtes Wort fallen, so ist es keinesfalls bös gemeint, eine bloße Reminiszenz aus vergangenen Tagen. Im Kriege herrscht, wie von vornherein anzunehmen war, der Geist unterschiedsloser Kameradschaftlichkeit. Jeder ist auf den anderen angewiesen und muh schlecht und recht mit ihm auskommen. Dies enge Zusammenleben hat ein sehr genaues Sichkennenlernen zur Folge: ein jeder gibt sich wie -er ist. Wir Juden können uns dessen nur freuen: ward man uns kennen lernen, so wird man uns auch verstehen und achten lernen. Die alte Beobachtung, daß der Judenhaß, soweit er nicht Familientradition ist, aus einer persönlichen Erfahrung herausgewachsen ist und nur durch persönliche Erfahrungen wieder entwurzelt werden kann, -erhält hier alle Tage ihre

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