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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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‘28 Nachstehende höchst seltsame Nachricht entnehmen wir dem „Reichsboten", obgleich wir durchaus nicht an sie zu glauben vermögen: (Lin König r eich I u d a. London, 4. Januar. Die Zeitung „Gtobe" beschäftigt sich in einem längeren Artikel mit der Znku n f t A e g y P t e n s. Das Blatt gibt offen zu, daß die Erklärung des Protektorats über Aegypten nur als p r o v i s o r i s ch b e z e i ch n e t werde n könne, und daß eine endgültige Einverleibung früher oder später vorgenouunen werden müsse. Es entsteht jedoch dann für England die Frage, wie das neuerworbene Land vor sicherlich fortwährend erfolgenden türkischen Einfällen aus Syrien her zu schützen sei. Eine Ausdehnung des Protektorats über Palästina bzw. eine Einverleibung auch dieses Territoriums in das britische Reich erscheint dem „Globe" aus verschiedenen Gründen reicht als opportun. Es muß also e i n n e u t r a l e r P u s f e r st a a t zwischen Aegypten und die Türkei gelegt werden, und der „Globe" kommt allen Ernstes znr Schlußfolgerung. dem Ideal der Zionisten zu folgen und ein n e n e s K ö n i g r e i ch I u d a mit der Hauptstadt I e r u s a t e m zu gründen. * Z u r E h a r a k t e r i st i k der verschied e it e n Nationalitäten schreibt ein jüdisches New Porter Blatt mit gutem Humor: Kennen Sie die Meiße von den Verschiedenheit von de Nationen? Spaß, woher sollen Sie die kennen? Also heerense zu: in der Grandstriet war gewesen ü Neibau, wo waren beschäftigt ä Amerikaner als Vormann, ä Irischer als Maurer, ä Italiener als Handlanger und ä Deutscher als Ziegelträger. Ae jiedischer Peddter kommt grad zu gehen, wie es aus aan Mal thut ü großen Krach nun der ganze Neibau ist gefallen zusammen. Die sinf Leit sinnen gewesen verletzt, aber nor ganz wenig. Ter Amerikaner hat abgebissen ä neies Stickche Kautabak unn hat gesagt: „What the . . . . is the matter mit dem . . . rotten Bielding. Da sinnen nor de - Forenners schuld dran." Der Irische hat ausgespuckt unn hat gemeint: „Allreit . . . . haben mer heut wenigstens srieher Feierabend." Dann is gekommen der Italiener nun hat gesagt: „Madre mia ich danke dir vor de Rettung." Der Deutsche, wo ruhig hat weitergeraacht sei Pseis, hat sich gekratzt hinterm Ohr unn hat erklärt: „Jetz missen mer eben noch emol von. vorn ansangen." Unn der Jüd? Der hat ab gesucht de Unglücksstelle nach seine Hemdekneppcher unn Hosenträger unn Schuhläfes unn hat dann gesagt: „Werd ich nu klagen auf zweitausend oder auf fünftausend Dollar Schadenersatz?" Was ich mit der Meiste sagen will? Nu, was werd ich wollen sagen: daß ä jede Nation hat ihre Eigenheiten unn daß mer an die Eigenheiten kann erkennen ihren. Charakter. Werd ich Ihnen erzählen von ü deitschen Kapitän was hat gelegen mit sei Schiss in Singapore; neben ihm hat gelegen ä russisches Kriegsschiff, unn de Offiziere von de beiden Schisse haben sich gegenseitig eingeladen. Bei de Deutschen war es sehr nett unn gemiethlich, aber natierlich sehr einfach, weit de Deutschen sinnen ä sparsames unn gediegenes Volk. Aber bei de Russen is es gegangen hoch her, so daß ä deutscher Offezier hat gefragt: „Wie kennt ihr leben so fein, wo ihr auch nich habt mehr Lohn wie wir?" „Was heißt - hat gesagt der Ruß wie können wir? Mir könn'n, denn mir haben gehabt großes Massel. Mir haben, nämlich verloren ä Anker unn de Negierung hat nnserm Kapitän geschickt das Geld vor ä neien Anker. Aber was thut Gott . . . mir haben gefunden wieder unfern Anker. Nu is doch unser Kapitän ä sehr ä anständiger, ä hochanständiger Mensch. Was meinense hat er gethan? Sie denken, er hat behalten das Geld. Wie Sie nebbich kennen unfern Kapitän ... er hat jedem von uns was abgegeben -- so hochanständig is unser Kapitän!" Da habense dem Charakter von de Russen — wenn mer so was will überhaupt nennen Charakter. Nich als ob ich grad was hätt gegen de Russen. Worum sollt ich? Leb ich effcher in Kress oder in Kischineff? Außerdem werd ich nich nor schildern dem Russen; weil ich bin ä gerechter unn ä unparteiischer Mensch werd ich schildern alle Nationen. In Nizza, wo mer doch kann treffen wahrhaftig alle Nationen, hat gesessen im Restaurant ä Dame; fe hat gegessen unn getrunken, hat bezahlt unn is gegangen fort unn hat vergessen ihr Geldtäschchen. Ae Engländer hat's gesehen, hat nich gelassen de Geldtasche auslln Auge unn hat gesagt — nischt. Ae Franzose is gesprungen auf unn hat gesagt: „Ich werd's ihr bringen unn werd so machen ihre Bekanntschaft." Damit is er gerannt ihr nach. „So ä Chammer (Dummkops)" — hat gerufen ä Oesterreicher -- „mt geht er wahrhaftig unn vergeht mitzunehmen de Geldtasch. Gut, werd ichs geben bcnt Kellner." „Wie heißt dein Kellner? Ich werd's bringen zu de Polizei unn werd es lassen eintragen, nachdem ich werd sehen, daß se nehmen dein Inhalt genau zu Protokoll," hat gesagt ä Deutscher. Ae Ruß hat angesehen de Tasch mit begehrlichem Wirk, unn weil er hat bemerkt de Haltung von dem Engländer hat er sich gedacht: „Ich werd ihm nrissen geben die Hälfte." Ae Rumäne hat gelogen, de Dame sei seine Schwester unn mer sollt ihm anvertrauen de Tasche unn das Geld, worauf der Deutsche hat gemeint, wenn's war seine Schwester, so mißt mer ihm geben de Tasche. So hat mer also gesucht de Tasche unn hat se nirgends kennen finden — se war verschwunden. Ae Türke unn ä Italiener haben geschworen, daß der Griech hat gestohlen de Tasch, während die Andern haben darieber gestritten. Se haben ihm durchsucht von oben bis unten. ----- er hat es nämlich wirklich gehabt gestohlen aber se haben es oser gesunden. Unn lvährend se untersuchten den Griechen is der Japaner lächelnd gegangen enaus, hat gepfiffen unn gelächelt . . . unn hat gehabt de Geldtasch in sein Rock, denn er hat se doch gestohlen dem Griechen, lvährend er hat de andern geholfen, den Dieb durchsuchen. & Das „Neue Pester Journal" enthält folgenden Artikel: Ein j ü d i s ch e r Z i g e u n e r p r i m a s. Feher Poldi. In Szeged ist in der Nacht von Samstag aus Sountag der berühmte Zigeunerprimas Leopold Fehör - man hieß ihn nur Feher Poldi - im 68. Lebensjahre gestorben. Er lvar anerkanntem maßen einer der größten Geigenkünstler; die Zigeunermusiker sagten es, und diese mußten es wissen. Mit seiner Geige erntete er in. der ganzen Welt Triumphe; auch vor Fürstenthronen. Ihm wurde die Ehre zuteil, die Kinder der Erzherzoge Friedrich und Leopold Salvator im Geigenspiel unterrichten zu dürfen, und mit Pietät bewahrte er ein an ihn gerichtetes Schreiben der Erzherzog:;! Jsabella, sowie die Porträts der erzherzoglichen Kinder. Erzherzog Leopold Salvator hatte ihn in einem eigenhändigen Schreiben zum Unterricht seiner Kinder eingeladen. Weiland der Erzherzog Josef hatte ihnr in Würdigung seines künstlerischen Spiels eine Geige geschenkt, in welche der Name des fürstlichen Spenders eingraviert ist. Seine Tourneen führten ihn bis nach Amerika. In London erwarb er ein Musikprofessorendiplom, in Paris auf der Weltausstellung die Große Goldene Medaille. Seine Lieblingsweise war „liapülj fecskem“, und kaum ein anderer vermochte sie so gefühlvoll, so ergreifend zu spielen. Koloman Mikßäth, der jahrelang in Szeged wohnte, versäumte keine Gelegenheit, um denr faszinierenden Spiele Feher Poldis zu lauschen. Ueber seine Herkunft waren die abenteuerlichsten Versionen, verbreitet, und er selbst tat nichts, um dieses Dunkel zu Zerstreuen. Bei einer Gelegenheit gab er an, daß er aus der Gyönghöser Landstraße auf einem Bauernwagen das Licht der Welt erblickt habe; nach einer Version aber soll Hodmezövasärhely sein Geburtsort gewesen sein. In den letzten Jahren kränkelte er viel und musizierte nur selten; er wohnte meist bei seinem Schwiegersohn in Tötkomlos. Zu Weihnachten kam er nach Szeged, wo ein anderer seiner Schwiegersöhne wohnt; hier erreichte ihn der Tod, und hier wurde ec auch unter unposanter Teilnahme zu Grabe getragen. Jüdische Zigeunermusiker waren in früheren Zeiten keine Seltenheit. Es gab sogar, namentlich jenseits der Donau, jüdische Musikkapellen; so gedenkt Csokonai in seinem komischen Epos „Dorottya" der „Topomorer jüdischen Musiker". Ein jüdischer

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