Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-15 · Heft 3 (15.1.1915) · p. Seite 27

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 3 (15.1.1915)
Date
1915-01-15
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229181--71022-3283338
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

27 sein. Es ist ein schönes Zeichen unserer Empfänglichkeit, daß unsere Opernhäuser und Konzertsäle stets voll gefüllt sind. Konzertgeber und Operndirigenten haben nicht, wie die Vorsteher der Schauspielhäuser, zu leichter und armseliger Kost gegriffen, sondern sie haben Mozart, Haydn und Beethoven, Bach und Händel, die großen Künstler vergangener und gegenwärtiger Zeit zu Gehör gebracht. Unser Schatz an großen musikalischen Werken deutschen Ursprungs ist freilich unendlich viel größer als der an einheimischen dramatischen Produkten, und wir könnten nicht in Verlegenheit kommen, selbst wenn wir nur auf Deutsches angewiesen wären. Indessen hüte man sich auch hier, nationales Empfinden zu übertreiben. Es mag gerechtfertigt sein, lebende Komponisten des Auslandes einstweilen auszuschließen, aber es ist kein Grund einzusehen, warum man die verstorbenen großen Tonsetzer des Auslandes mit einem Interdikt belegen soll. Wir machen uns lustig über das Ausland, das, nachdem es früher den Wagner-Enthusiasmus zu so großer Höhe emporgeschraubt hat, nun aus nationaler Feindschaft Wagner verdammt; hüten wir uns vor einem gleichen Fehler. Was nun die Musik kommender Tage bieten wird, das zu erörtern ist im Augenblick eine müßige Frage. Gewiß wäre! es töricht, der fortschreitenden Entwickelung Halt zu gebieten! und den modernen Musikern zuzurufen: Haltet euch an das Alte und begnügt euch, vorhandene Muster zu kopieren! Aber! die Erörterung der Frage über die Berechtigung ganz moderj ner Strömungen bleibe der Zukunft überlassen. Im Gebiete der Kunst scheint die Musik die einzige stille Insel, die unter den Stürmen des Krieges unbeschädigt und unbehelligt geblieben ist. Mögen ihre Klänge bald dazu dienen, nicht bloß von Siegen zu melden, sondern den Frieden zu verherrlichen! Dir «Äachr. Berlin, den 12. Januar 1915.! ie Kriegslage ist ziemlich unverändert. Unsere! Kriegsbeute in den russischen Kämpfen an den ersten j Januartagen war groß; auch im Westen sind Fortschritte ge- - macht. Die Offensive der Franzosen im Elsaß hat keine! nennenswerten Resultate ergeben. Das sehr schlechte Wetter, das auf den Kriegsplätzen herrscht, verhindert größere Opera- ' tionen. Im ganzen steht unsere Sache überall gut; auch die! Verbündeten schreiten vor. > Allgemein ist mit Freude zu konstatieren, daß der deutsche Boden meist frei von Feinden ist, daß wir dagegen überall in Feindesland stehen und von einer Verdrängung unserer Heeresmassen aus feindlichem Boden keine Rede sein kann. Auch an eine A u s h u n g e r u n g Deutschlands, auf die! unsere Feinde hofften, ist nicht zu denken. Gewiß manches > wird knapp, vieles wird teuer, an dem Notwendigsten herrscht j aber kein Mangel; bei weiser Beschränkung wird noch keine! Not eintreten. Der Gebrauch des Weizens muß eingeschränkt! werden; was will aber die Entbehrung des gewohnten Früh- > stückbrötchens oder die Versagung des Kuchens für die Zuhausegebliebenen bedeuten gegen die Entbehrungen und Strapazen, die unsere braven, heroisch kämpfenden Truppen! zu erleiden haben! Alles, was wir uns entziehen können,! sollen und werden wir freudig opfern, wenn es ihnen zugute kommt; die Kämpfenden und Kranken müssen ein Vorrecht haben vor den Gefunden. England hat die Protestnote Amerikas gegen die Beschränkung des Handels, das Anhalten und Durchsuchen neutraler Schiffe ablehnend beantwortet. Wir können uns darüber nur freuen; je schroffer England gegen die Neutralen vergeht, um so mehr müssen diese zur Erkenntnis kommen, daß diese Beherrscherin der See der Anwalt des Unrechts ist und sich immer mehr zu einem Raubstaat und Meerestyrann entwickelt. Manche Anzeichen weisen daraus hin, daß die Stimmung in Amerika für uns günstiger wird, daß, während die Privaten nicht aufhören, die gegen uns Verbündeten mit Kriegsmaterial und Munition zu versorgen, um glänzende Geschäfte zu machen, die Regierung doch zu erkennen scheint, wo ihre wirklichen Freunde und wo ihre Feinde sind. Wackere Amerikaner deutscher Abkunft und hervorragende Deutsche, die in Amerika weilen, sind -eifrig bemüht, die öffentliche Meinung in Amerika aufzuklären. -* Leider ist in Deutschland kein Schwindendes Antisemitismus zu bemerken. Darüber schreibt das „Bert. Tagebl.": Während alle anderen Parteirichtnngen ihr Verhalten dem allgemeinen „Burgfrieden" anzupasscn suchen, setzt ein Teil der antisemitischen Presse ihr Handtverk ungestört fort, Sv werden wir aus unserem Leserkreis ans die in Dresden erscheinende „Deutsche Wacht" vom 13. Dezember aufmerksam gemacht, in dem zu dem Thema „Arnicclieferungeu" gesagt wird, daß „der Jude es ist, der grinsend dabei steht und sein Geschäftchen macht". In berechtigter Entrüstung schreibt der Einsender dazu: „Ich stehe im 62. Jahre und bin schon seit August freiwillig zur Ausbildung der Rekruten nach L. zum . . . Regiment gegangen und jetzt nach B. versetzt. Vier Söhne von mir sind zur Fahne gerufen, der jüngste ist als Flieger in Töberitz tödlich abgcstürzt, der dritte Sohn verwundet und in englischer Gefangenschaft, die beiden ältesten stehen als Feldwebel in Belgien. Tausende von Inden stehen iui Felde, Hunderte haben das Eiserne Kreuz erhalten. Alle Juden wetteifern darin, ihr möglichstes für das Vaterland zu tun; und dann soll man sich in solcher Weise kränken lassen?" Die durchaus berechtigte Beschwerde des Einsenders wird zwar, wie wir vermuten, an der Haltung der antisemitischen Presse nichts ändern, aber sie wird hofsentlich in allen a » st ä n d i g und gerecht empsindenden Kreisen des Publikums ihren Eindruck nicht verfehlen. « In R u ß l a n d droht den Juden erneutes Elend. Das „Bert. Tagebl." berichtet über Pogromgefahr in R it ß l a n d folgendes: K v p c n h a g e n , 7. Januar. lieber Helsingfors wird gemeldet: Der Militärgouvernenr von D w i n s k hat eine V e r o r d n u n g erlassen, wonach bei hohen «trafen der Abdruck von Artikeln verboten ist, die einen Teil der Bevölkerung gegen den anderen hetzten oder A n s d r ü ck e der Feindschaft gegen ü b e r d e r r u s s i s ch e n oder einer anderen Völkerschaft im Reiche enthalten. Solche Verordnungen Pflegen gewöhnlich bei Gefahr des Ausbruchs von P o g r o m e n zu ergehen. Dem f i n n l ä n d i s ch e n Redakteur Rosenquist der Zeitung „Vipunen" ist für den Abdruck eines Gedichts unter dem Titel „Die Finnl ä n d e r" eine Geld st rase von 8000 Mark auferlegt worden. * Aus Zürich wird uns geschrieben: Wie Kiewer Blätter melden, wurde S i n g a j e w ski, ein Bruder der Wera T schob er ia k, welche im Beilisprozeß eine so unheilvolle Rolle gespielt hatte, standrechtlicherschossen, weil er von der Armee, welcher er als Reservist zugeteilt war, vom Schlachtfelde weg desertiert ist. Wie erinnerlich, war der ganze Beilisprozeß auf den Aussagen der Wera Tscheberiak und ihrer Brüder aufgebaut, und es ist bekannt, daß das Untersuchungsmaterial für jeden Unbefangenen ergeben hatte, daß die Wera Tscheberiak und ihre Sippe an der Ermordung des Knaben Juschtschinsky, wegen welcher Beilis unschuldig zu leiden hatte, beteiligt waren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.