Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229181--71021-3283337- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
26 unserer Kultur und eine traurige Phantasiearmut unserer dramatischen Produktion. Gewiß — ein gutes Drama läßt sich nicht in ein paar Wochen fertigstellen, aber man sollte die Bühnen nicht durch die armseligen Produktionen schnell fertiger Bühnenhandwerker entweihen; armselig darf ich sie nennen, obwohl ich sie nicht gesehen habe, weil ich durch Zeitungsberichte und durch die Mitteilungen von Freunden, deren Beruf die Theaterkritik ist, über ihren Inhalt und ihren Unwert genugsam unterrichtet bin. Hoffentlich wird der gewaltige Krieg später manches gewichtige dramatische Werk Hervorrufen. Von dem, was bisher erschienen ist, hat mir nur die Inhaltsangabe eines Stückes von Karl Hauptmann „Tie Toten singen" einen wirklichen Eindruck gemacht. Mag auch die dramatische Handlung in diesem Drama nicht ausreichend sein, so herrscht doch jedenfalls Poetische Stimmung vor, die mit wahrem patriotischen Sinne verbrämt ist. Auch die in den allerletzten Tagen in einer Berliner Zeitung erschienene Analyse des „Spiels für ernste Zeit" von Alexander v. Gleichen-Rußwurm, „Feinde ringsum", das zur Schilderung der Schlacht von Salamis bestimmt ist, läßt wirklich den Geist einer großen Zeit und flammende Begeisterung erkennen. Ohne daß das Drama in übertriebener Weise auf moderne Verhältnisse übertragen wird, klingt die darin vorkommende Rede des Aeschylos doch so, daß auch wir heute sie gern vernehmen. Nie auszulöschen ist des Menschen Glaube, Daß Götter für ihn streiten, so er recht hat. Nie zu verscheuchen ist des Menschen Furcht, Daß Schuldbeladene, von erhab'nem Rächer Verfolgt, den Helm verlieren und die freche Stirn Entblößt im Sonnenlichte sehn, das Wahrheit kündet. Es steht und fällt der Mensch, es steht und fällt ein Volk Nicht ohne sein Verdienst, nicht ohne seine Schuld, Und den Besiegten schlug der Feind nicht ganz allein. Er schlug sich selbst, sein eig'ner Frevel schlug ihn. Gerechtigkeit bleibt wach und wägt ihr Ziel. Das so häufig angeführte Wort inter arnm silent musae hat man besonders häufig aus die Lyrik an gewendet. Die Lyrik der Befreiungskriege 1813 ist volltönend. Der Haß gegen Napoleon wiegt vor, aber schöne Bekundungen der Einheitssehnsucht und der Freiheitsliebe werden laut. Die Lyrik des Jahres 1870 besitzt keinen allzu großen Wert. Wenn man die damals vielgesungene „Wacht am Rhein" ausnimmt, so ist nicht viel davon übriggeblieben. Ich darf mich nicht zu den Bewunderern des Kutschke-Liedes: „Was kraucht denn da im Busch herum" zählen; es hat doch eigentlich nur das Verdienst, den Volkston gut zu treffen. Auch die Kriegslyrik des Jahres 1914 hat nicht allzu viel Perlen aufzuweisen. Was mir aus Zeitungen und einzelnen Sammlungen bekannt geworden ist. sind meist gutgemeinte Verherrlichungen einzelner Personen, besonders der an der Spitze stehenden, packende Schilderumgen einzelner Situationen, bemerkenswerte Darstellungen der Stimmung, namentlich im Volkston. Aber was unsere wirklich bedeutenden Dichter in Kaiserliedern und Aehnlichem geleistet haben, erhebt sich nicht über das Mittelmaß oder sinkt zum Teil tief unter dieses Maß herunter. Hvcherfreulich nenne ich wenigstens teilweise die Sammlung von Julius Bab „Der deutsche Krieg im deutschen Gedicht"; äußerst würdig, die Flugblätter „Worte in die Zeit" von Ernst Lissauer, dessen Haßgesang gegen England als ein wirklich gewaltiger und dabei zugleich höchst poetischer Ausdruck der Entrüstung und Empörung gegen das fluchbeladene Albion genannt werden kann. Die Künstler feiern. Denn wo gibt es heute Menschen, die Geld und Lust haben, um Bilder zu bestellen. Wohl zieht sich mancher gern zurück zier Erhebung und zur Erbauung in die Museen, um Auge und Herz an den großen Werken der Künstler aller Zeiten zu erquicken, aber den Malern und Bildhauern wird vielleicht noch weniger als den Gelehrten und Schriftstellern die Ruhe gegeben sein zu ernstem produktiven Schaffen. Der Krieg schlägt gerade der Kunst die furchtbarsten Wunden. Das einzelne Buch ist in Hunderten nnd Tausenden von Exemplaren vorhanden; der Verlust von Sammlungen ist daher leichter zu verschmerzen, da die hier zusammengebrachten Bücher auch sonst vorhanden sind, und man muß sich trösten, selbst wenn durch Vernichtung einer solchen Sammlung Unika verloren gehen. Aber jedes Kunstwerk ist ein Unikum, und seine Zerstörung ist ein Verlust für die Menschheit. Wir Deutsche jedoch können unsere Hände rein zum Himmel erheben. Nicht wir sind es, die mutwillig solche Werke zerstören, sondern die Not zwingt uns und die Tücke der Feinde, die an der Kathedrale von Reims Beobachtnngsposten aufstellen und von den Türmen aus Kanonen gegen uns richten, nötigt uns/ auch solche Gebäude zu beschießen. Aber man hüte sich vor allzu großer Sentimentalität und übertreibe nicht die nationale Gesinnung. Denn Sentimentalität wäre es, einem oder selbst einem halben Dutzend grandioser Kunstwerke nachzuweinen und sein Haupt in Trauer zu hüllen, da Millionen Menschen verbluten oder ihre Gesundheit opfern. Gewiß, Menschen können ersetzt, zerstörte Kunstwerke nicht wiederhergestellt werden, aber die Schmerzen und das Unglück, die der Tod von Millionen hervorgerufen hat, wiegen schwerer als ein Kunstwerk, wenn es auch Generationen Freude und Erhebung gewährte. Und man hüte sich ferner vor nationaler Uebertreibung. Wenn Schweizer Künstler die Deutschen wegen angeblicher Vernichtung von Kunstwerken Barbaren schimpfen, so mag man sich dagegen wehren; aber das Sturmlaufen gegen Hodler und der Berserkerkampf des trefflichen Haeckel gegen des genannten Schweizer Malers Bild in Jena hat schließlich doch einen etwas komischen Beigeschmack. Hätten die, die jetzt gegen ausländische Bilder wüten, doch früher ihre warnende Stimme erhoben, hätten sie ehemals die nationale Kunst so geschätzt wie jetzt, während sie doch dem Ausländischen nachjagten und für das Deutsche nur ein verächtliches Lächeln übrig hatten, so stände es besser um unsere Kunst und um unseren Nationalismus. Was wirkliche Künstler zurzeit oder später unter der Einwirkung des ungeheuren Krieges schaffen, das werden vielleicht erst unsere Kinder schauen. Vor dem Schrecken der Schlachtenbilder behüte uns ein gnädiges Geschick! Was die Kinotheater uns bieten oder die Momentaufnahmen unserer großen Blätter, hat mit wirklicher Kunst nichts zu tun. Eine recht widerliche Ausgeburt des Krieges jedoch sind die Schmäh- und Zerrbilder: die greulichen, fratzenhaften Verhöhnungen der gekrönten Häupter der einzelnen Staaten oder die noch widrigeren Landkarten von gegnerischer und deutscher Seite: habe ich doch in einem Schaufenster eine solche Karte gesehen, in der ganz Frankreich als Deutsches Reich und ganz England als deutsches Schutzgebiet bezeichnet wurde. Es ist mit großer Freude zu begrüßen, daß die Militärbehörde solchem Unfug steuert und Schmäh- und Zerrbilder, auch wenn sie auf einfachen Postkarten erscheinen, verbietet. Ueber die Musik ist nicht allzuviel zu sagen. Kriegsmärsche und neue Kompositionen patriotischer Lieder gehören ja wohl der Musik an, sind aber keine Kunstwerke von ewiger Dauer. Auch hier wird erst eine spätere Zeit uns oder unseren Nachkommen zu Gehör bringen, was der Musiker schafft, aber im allgemeinen wird diese stille Trostspenderin bei den wirklich Produzierenden schweigen unter dem Donner der Kanonen. Aber die längst erstandenen herrlichen Musikwerke können so recht Trostspender in den schweren Zeiten