Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1915)
- Date
- 1915-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 3 Allgemeine Berlin, IS. Januar 1915 eitung des Judentums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnenrent s«p re'is». durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 JTT. - Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PHMppson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Kuciolk ALosse, VerUn» Zerusalemer Stra8se 46-49 Alle Zusendungen fLr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums^, Berlin SW, Jerusalemer Straße 46 49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. flrtftfrlf* Krieg und Kultur. Von Ludwig Geiger. — Die IJIHJHtl* W oche. — Unsere Feldprediger. — Pogrom. Von Stadtrabbiner Dr. Behrens, Göttingen. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter Ujvieri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. — Gedichte. Von Jenny Bergmann. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, München, Köln, Worms, Laupheim, Wien, Jerusalem. — Von Nah und Fern. Krieg und Kultur. Von Ludwig Geiger. II. ie Presse macht allerdings nur einen Teil der Literatur aus. Für Tausende freilich die einzige. In unserer Kriegszeit ist die Literatur, die nichtwissenschaftliche sogenannte schöngeistige, augenblicklich fast ausgeschlossen. Ms ich neulich in einer unserer großen Leihbibliotheken war, erfuhr ich. das; seit Monaten überhaupt nichts außer Kriegskarten. Kriegsbrbschüren, politischen Reden und Liedern erschienen sei. Das ist beklagenswert, aber begreiflich. Denn die Druckereien klagen über den Mangel an Arbeitern; die vorhandenen sind meist für die Zeitungen erforderlich, die Buchhändler besitzen keinen Wagemut, und so geht es in der schönen Literatur lute in der Wissenschaft: neue Bücher wagen sich kaum an das Tageslicht. Wenn ich von nur reden darf, so kann ich sagen, daß, während sonst in den Herbst- und Wintermonaten kaum ein Tag vergeht, ohne daß ein neues Buch oder mehrere durch die Post oder den Blich Handel nrir nls Haus geschickt wurden, der Arbeitstisch jetzt fast völlig leer bleibt. Wenn aber nichts Neues erscheint, hat man dann wirklich nichts zu lesen? Eine große Berliner Zeitung hat vor einigen Wochen eine Umfrage veranstaltet sich hoffte, daß dieses Unwesen der Umfragen, das eigentlich nur dazu da ist, daß die Zeitungen honvrarfrei zu Aussprüchen berühmter Alltore,l kommen, mit dem Kriege aufhören würde): Was nian jetzt lesen solle. Universitätslehrer, Schriftsteller und Schriftstellerinnen haben auf die Frage geantwortet. Aber in diesen Worten herrschte eine große Einseitigkeit. Gewiß wurden einzelne gute Romane, herrliche Bücher, wie David Friedrich Strauß, Ulrich v. Hutten, von einigen Goethe gerühmt. Aber ivas mich geradezu in der Seele schmerzte, war, daß der tapfere Lesfing und der ideale Schiller (die beste Nahrung in diesen schweren Zeiten) gar nicht erwähnt wurden. Die meisten Gutachter wiesen ans geschichtliche Werke hin. Sv hoch wir nun auch die Geschichte bewerten und so sehr wir glauben, daß das Lesen vaterländischer Werke und die Kenntnis unseres früheren Unglücks und liilferer Uneinigkeit oder unserer Größe lind Stärke uns erbauen kann, die einzig richtige Antwort scheint mir der sinnige Herbert Eulenberg erteilt z,l haben, indem er schreibt: „Alle guten Bücher, die zu einer höheren und glücklicheren Entwicklung des einzelnen oder des ganzen Menschengeschlechtes beitragen, ohne danach zu fragen, welchen, Bvlke dieser Freund der Menschheit durch Geburt und Zufall angehört." Denn jeder wahrhaft gebildete Deutsche sollte sich doch sagen, daß er bei aller Hochhaltung des patriotischen Sinnes der Welt angehört. Ich wäre unglücklich, wenn ich diese KriegSzeiten und mein ferneres Leben ohne den stärkenden Umgang der Heroen der Weltliteratur durchleben sollte. Die L y r i k und das T h e a t e r feiern nicht. Ich kann es in keiner Weise billigen, daß große Theater, wie das Burgtheater in Wien, ihre Pforten geschlossen halten, und daß das Königliche Schauspielhaus in Berlin statt regelmäßig ernstere oder heitere Stücke zu spielen, vielfach zu der leichten Kost „Bunter Abende" greift. Gewiß rächt sich aus dem Theater viel stärker als anderswo die unselige Ausländerei, unter der wir gelitten haben, und die viel schlimmer war als die sogenannte Entartung der Sprache. Denn das war ja jahrelang der wirkliche Kulturmensch, der unsere deutsche Produktion verachtete, der B. Shaw für den einzigen Apostel erklärte, der sich an Maeterlinck berauschte und der die französischen Zvteni stücke als einzig mögliche Duelle der Erheiterung betrachtete. Es ist gewiß gut, daß in einer so ernsten Zeit wie der unsrigen alle diese Nichtigkeiten von der Bühne verschwinden. Aber hier sollte man das Kind nicht mit dein Bade ansschütten. Ist doch der Leiter einer unserer Bühnen so weit gegangen, bevor er Shakespeare wieder anfführte, der ehemals seinen Spielplan beherrschte, anzufragen (wiederum eine Umfrage), ob er wirklich Shakespeare spielen sollte. Als ob das eine Frage wäre! Als ob dieser gewaltige Geist, der zuerst in seiner Weltbedeutung durch die Deutschen erkannt worden ist, ohne den unser ganzes Drama in seiner Entwicklung sich gar nicht denken läßt, uns Deutschen nicht ebenso gehörte als feinen Landsleuten, obgleich er durch Zufall der Geburt ein Brite war. Wir sollten uns nicht nur nicht schämen, sondern unseren großen Sinn bekunden dadurch, daß wir auch heute noch die Weltliteratur auf den Theatern berücksichtigen wie ehedem. Wenn auch die Boulevardposse verschwindet. Möllere soll bleiben, und ich habe mich sehr gefreut, daß eine Berliner Bühne gerade jetzt wieder einige Stücke Molieres neu ankündigt. Auch englische Lustspieldichter!vie Sheridan und andere könnten uns erheitern, und russische Stücke brauchten von unserer Bühne nicht zu verschwinden, vor allem Tolstoi, der, wenn einer diesen Krieg verdammt hätte, Gogol und andere, die die innere Fäulnis des großen Rußland seit Jahrzehnten verkündet haben. Was uns aber im allgemeinen auf Berliner Theatern gewährt wird, das bedeutet einen bedauerlichen Tiefstand