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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 erachtet. Diese altjüdische Auffassung der Armenpflege in unser gesellschaftliches Leben hineinzutragen, sollten die jüdischen Frauen als eine ihrer wichtigsten Kulturansgaben betrachten, und sie sollten unausgesetzt danach streben, diese Formen, die das vermittelnde Element im Verkehr von Mensch zu Mensch bilden, immer würdiger und reiner zu gestalten, um dadurch die Armenpflege wieder aus die Höhe jener Zeiten zu erheben, in denen sie zum Träger der höchsten Idee für wert befunden wurde. Die Aufgaben, die der Arbeit der jüdischen Frau im Kulturleben unserer Zeit harren, sind von so bedeutendem Wert für die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, daß die Erkenntnis dieses Wertes sie unweigerlich dahin treiben muß, wo ihrer besten Kräfte die Entfaltungsmöglichkeit harrt, zur unermüdlichen, selbstlosen Arbeit im Dienste der Gottesidee. Die Entwicklung, die die Geschichte der Israeliten und mit ihr die der jüdischen Frauen in den letzten hundert Jahren genommen hat, vollzog sich als eine Bewegung in die Breite; die Zukunft muß eine Bewegung in die Höhe und in die Tiefe bringen, zu der die jüdischen Frauen einen entscheidenden Anteil beitragen müssen. Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencseni. (Fortsetzung.) rf rttauer dachte eine Weile nach, dann legte er die Hand auf Gastons Schulter: „Höre mich an, mein Sohn. Als du beim ersten Rigorosum dnrchsielst und dann nach Hause kamst, war es mein erster Gedanke, dich zu ohrfeigen. Aber ich habe dich nicht geohrseigt. Ich habe mir gesagt, daß dir nur um ein Jahr später Doktor werden wirst. Wenn ich dir ein Jahr geschenkt habe, so kannst du mir einen Monat schenken. Jene Rassen können noch einen Monat warten." „Liegt dir so viel daran, daß ich austreten soll?" „Wenn ich dir meine Gründe nenne, wird auch dir viel daran liegen. Schau', mein Sohn, wir haben uns taufen lassen. Die Juden meinen, wir hätten es aus Haß gegen sie getan, und sieh', das tut mir weh. Jetzt dachte ich mir, daß ich dich zum Deputierten wählen lasse, dann wirst du in der Lage sein, zu beweisen, daß du den Juden nicht böse bist." Gaston reichte seinem Vater die Hand. „Dieser Gedanke gereicht dir zur Ehre, und es ist mir, als ob du auch mich damit versöhntest." „Ja, warum warst du denn böse?" „Weil du dich hast taufen lassen." „Du hast es doch auch getan." „Das ist etwas anderes. Ich durfte es. Ich habe damit nicht gegen meine Ueberzeugung gesündigt. Ich habe andere Begriffe vom Judentum, als du, meine daranfbezüglichen Gefühle sind anderer Art und andersartig ist auch meine Dazugehörigkeit. Meine Begriffe haben sich nicht geändert, meine Gefühle sind die früheren geblieben, und dasselbe Band hält mich auch jetzt noch mit der Rasse zusammen. Du hast im Judentum die Religion gesehen, ich aber die Rasse. Du warst ein Jude, der sich verleugnen konnte, ich bin ein solcher, der sich nicht verleugnen kann." „Aber du hast dich dennoch verleugnet." „Du irrst dich. Auch heute fühle und kenne ich mich als ebensolchen Juden, wie ehedem." „Und der Katholizismus?" „Der ist nur meine Religion." „Also bist du ein Katholik." „Ja, aber ein jüdischer Katholik." Der Sohn setzte dem Vater seine Rassentheorie auseinander und sagte dann: „So plötzlich kann ich keinen Entschluß fassen. Lasse mir nur ein paar Stunden Bedenkzeit. Habe ich mich mit deiner Idee befreundet, dann können wir morgen früh abreisen, Diese eine Nacht macht es nicht ans." Littauer mußte wohl oder übel nachgeben, obgleich ihm die Ungeduld beinahe körperliche Schmerzen verursachte. „Aber Sonngotts erwarten dich mit dem Abendzuge." „Depeschiere' ihnen, daß ich noch nichts beschlossen habe." Littauer tat es. Beim Lesen der Depesche fuhr Frau Sonngott zornig auf und machte sich in grimmigen Worten Luft. „Ja, was denkt sich denn Junker Gaston," wandte sie sich schonungslos gegen Else, „daß wir ihn vielleicht seines schönen Gesichtes wegen haben wollen? Oder wegen seiner vornehmen Herkunft? Wir werden ja deshalb Spott genug tragen müssen. Nun gut, du liebst ihn, also will ich nichts dagegen einwenden. Er soll aber Einsicht haben und dieses große Opfer nicht umsonst von uns verlangen." „Er hat mehr geopfert," verteidigte ihn Else, „er stand vor einer großen Zukunft. Der Minister hätte ihn zum Universitätsprofessor ernannt, und dem entsagte er. Denn er hat sich nicht materieller Vorteile wegen taufen lassen. Diesbezüglich duldet er nicht den leistesten Argwohn. Nur um meinetwillen ist er übergetreten." „Die Taufe, das ist gar nichts," polterte Frau Sonngott. „In meinen Angen ist das gar nichts. Für mich wird er immer Jude bleiben, wenn er nicht etwas erringt, was seine Abstammring, wenn auch nur halbwegs, verdeckt. Er muß in der Oeffentlichkeit eine Rolle spielen. Wenn er keine hervorragende Rolle einnimmt, wenn er nichts weiter ist, als nur ein reicher Mann, dann bleibt er für ewig der Jude. Der Littauer-Jnde. Entweder Professor oder Abgeordneter. Anders können wir ihn nicht brauchen. Verstanden? Wenn er die Kandidatur verschmäht, dann adjö." Else ging niedergeschlagen auf ihr Zimmer und war sehr betrübt und unglücklich. Der arme Gaston! Gott hat ihn zum Helden erschaffen, und die Menschen wollen nicht, daß er ein Held fei. Else ahnte nicht, daß sich Gaston zu einem so romantischen Heldentum entschließen kann, daß es auch ihr zu viel werden würde. Gaston hatte sich entschieden. Er nahm die Kandidatur an. Die Beweggründe seines Vaters bestimmten ihn. Er selbst glaubte, daß er als Abgeordneter der Judenschaft nutzen könne. Littauer war glücklich. Sein Gesicht strahlte, als er daran dachte, daß die tiefe Kluft nun bald überbrückt sein würde. Aber er wurde sehr enttäuscht. Gastons Kandidatur erregte bei den Juden in Letöce große Betroffenheit. Sie hielten dieselbe für einen feindlichen Schachzug seitens des getauften Littauer. Mit Entsetzen und bitterem Schamgefühl dachten sie an die Möglichkeit, daß der Meschümed das Mandat ihres Kreises bekommen könnte. Das mußte verhindert werden, llin jeden Preis. So begann der Wahlkampf. Aber später ging es noch bunter zu. Denn gegen Gaston, der ein liberales Programm hatte, ließ man einen Kandidaten der klerikalen Volkspartei anstreten: Karncson Tüzes, der den Ruf genoß, daß er ans Jstnezhs Schule sei. Was sollten jetzt die Juden tun? Der eine Kandidat ist ein Meschümed, der andere ist ein Antisemit.

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