Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 24

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229180--71014-3283329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Welchen sollen sie bevorzugen? Gutlohn hatte herausgefunden, daß ein christlicher Antisemit besser sei, als ein befreundeter Meschümed. Der Antisemit kann nicht mehr ärger werden, er kann sich eher noch bessern. Der Meschümed aber kann nur immer schlimmer werden. Er verfocht Liese Auffassung vor der Gemeinderepräsentanz und gewann nicht nur diese, sondern auch Rebbe Reb Herschele für seine Ansichten, so daß dieser seinen Getreuen streng auftrug, für den Kandidaten der Volkspartei zu stimmen, wenn ihnen an ihrem Heile im Jenseits gelegen sei. Karäcson Tüzes fand seine begeistertsten Anhänger unter den Juden. Bärtige Kaftanjuden sammelten jetzt Stimmen für ihn, wie sie sonst Eier oder Lumpen zu sammeln Pflegten. Mojsche Essigsieder rmd Buchsbaum waren die HauPtkortescheJ. Sie kannten keine Müdigkeit. Mit wehenden Nationalsahnen zogen sie durch die Dörfer und sparten weder Geld noch gute Worte. Sie warben ein ganzes Heer von Wählern für Karäcson Tüzes. Auch die Littauerschen strengten sich an. Die hartnäckige Feindseligkeit der Juden befremdete sie. Sind denn diese Leute unversöhnlich? Man mußte sie versöhnen. Und sie streuten das Geld wie Spreu, doch mit wenig Nutzen. Dem Mojsche Essigsieder und Buchsbaum waren sie nicht gewachsen. Sie raunten den Bauern nur ein ganz kleines Wörtchen in die Ohren, und die waren alle behext und gefangen. „Jude!", das war ihr Zauberwort. Das verbreiteten sie überall und das Volt strömte der Tüzes-Partei zu, denn keiner wollte seinen Kreis durch die Wahl eines Juden verunglimpfen. Littauer war in Verzweiflung. Die Aussichten wurden immer geringer. Treißigtausend Gulden hatte er schon auf Bestechungen verwendet und dafür kaum zweihundert Wähler erworben. Und darunter war kein einziger Jude. „Also mache du jetzt auch etwas", trieb er Gaston an. „Jetzt rücke heraus mit deiner berühmten Theorie, daß du Jude bist. Jetzt glaubt es dir jedermann, sogar die Juden. Die verbreiten es doch am meisten. Gehe zu Gutlohn, gehe zum heiligen Manne. Sage ihnen, daß du Jude bist, aber, daß sie es geheim halten sollen, denn auch das Volk hat eine Ahnung davon und betrachtet es als kein großes Verdienst." Gaston ging nicht. Seine Theorie soll ihm nicht als Mittel zu diesem Zweck dienen. Der Wahltag, näherte sich mit erschreckender Raschheit. Mojsche Essigsieder machte seinen Rundgang durch die Dörfer, um sein Wählcrheer zu vergrößern. Er hatte den Sabbatkaftan angelegt, und an seinem breitrandigen Filzhute >var die rote Feder") befestigt. Seine Schläfenlocken flogen im Winde, daß es eine Freude war. Bei diesem Werbegange erntete er den größten Sieg. Es gelang ihm, einen Tag vor der Wahl, Gastons besten Kortesch, Tamas Eszes, der sternhagelvoll betrunken war, in sein Lager herüberzülocken. Gastons Niederlage war besiegelt. Mit lautem Gesänge feuerten einander die Leute von der Tüzes-Partei an. Buchsbaum tat alles mögliche, um das Volk zu begeistern. Er rezitierte Rebbe Reb Herscheles letzte Predigt, und die Leute, die kein Wort davon verstanden, schrien „SCien"3), weil sie schon längst keine so schöne Deklamation gehört hatten. Und Mojsche Essigsieder versammelte die Kehlfertigsten um sich herum und, als sie im Kreise standen, stieg er inmitten derselben auf einen Sessel und dirigierte den „Szözat"'). Als diese Nationalhymne gesungen war, rief er laut: i) Kortesch - - Werber. 3) Abzeichen -es Wählers. Ter Kortesch hot die größte. :i) Er lebe! 4) Nationalhymne. Ergreifender Ausruf an die Magyaren, gedichtet von Michael Vörösmnrty. Magyaren, jetzt singen wir dieses: Was soll uns der Judenbote? Daß der Herrgott ihn verdamme. Nur die Christen sind di« guten, Und wir spucken auf die Juden. Hoch das Vaterland! Tamäs Eszes sprang auf den Sessel, umhalste den Mojsche und bat ihn unter Tränen: „Küsse mich!" „Hast e Menüwl-Punem", spie Mojsche Essigsieder aus und küßte ihn dann. (Fortsetzung folgt.) Sprechlasl. Meine in diesen: Matte vor einiger Zeit ausgesprochene Bitte um Uebersendung von Bibeln für die Zivilgefangenen hu Munsterlager, ist in so reicher Weise erfüllt worden, daß ich, wie unser großer Lehrer Mose hinterher den Ruf hätte ergehen lassen können, niemand möge mehr eine solche Gabe bringen, denn es ist daran genug und übergenug. Zahlreiche Pakete und große Frachtstücke tonnten von mir nach Munster gesandt werden, wo sie bei den Internierte::, denen jede andere Lektüre verboten ist, unbeschreibliche Freude und Dankbarkeit ausgelöst haben, und selten hat wohl die heilige Schrift in so ausgedehntem Maße ihre Sendung erfüllt, ein Quell des Trostes und der Erhebung zu sein. - Es ist mir deshalb auch nicht möglich, jedem einzelnen der edlen Spender zu danken und muß ich mich daraus beschränken, aus diesen: Wege ihnen aller: meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Uebrigens sei noch bemerkt, daß seit einigen Tagen die betreffenden Zivilgefangenen sich nicht mehr in Munster befinden, sondern sämtlich nach dem Konzentrationslager Scheuen bei Celle gebracht worden sind. Nun aber nochmals eine Bitte, und ich hoffe, daß sie mit dem gleichen Erfolg, wie die frühere, gekrönt sein wird. In Hademsdors, Kreis Soltau, waren 21 russische Zivilgefangene jüdischen Glaubens interniert; alles achtbare Leute und nicht ganz mittellos: Manufakturisten. Holz- und Eisenhändler, Buchhalter, auch Handwerker, wie Schneider, Graveure, Glaser, die hier zu schweren Kanalarbeiten verwendet wurden. Es ist mir gelun- | gen, für sie die Befreiung von diesen schweren, ihnen ungewohnten! Arbeiten zu erwirken und die Erlaubnis ihnen zu verschaffen, sich! selbst in anderen Städten eine ihrem Berus entsprechende Beschäftigung zu suchen. Mehrere haben eine solche Beschäftigung schon gefunden, die meisten aber nicht, vielfach deshalb, weil sie a m S a b b a t nicht arbei ten w ollen u nd sich unter keinen Uinst ä n d e n dazu entschließen würden. Ich hoffe, daß unter den Lesern dieses Blattes sich manche finden werden, welche in der Lage sind, diesen Leuten die Arbeitsmöglichkeit zu schassen und bitte ich, die Offerten an mich zu richten, bzw. in Verhandlungen darüber mit mir zu treten. Sie sind bisher zwar auf die drei Orte Hannover, Göttingen und Celle verteilt und stehen hier natürlich unter polizeilicher Aufsicht, aber es werden ihnen keine Schwierigkeiten gemacht werden, wenn sie an anderen Orten wohnen und arbeiten wollen. Ausgeschlossen ist nur der Aufenthalt in Berlin und in den bekanntlich für Angehörige feindlicher Staaten gesperrten Grenz- und Küstenstädten. Landrabbiner Dr. S. Gronemann. Hannover, 29. Dezember 1914. Lemerluing drr Redaktion. Nachdem in Nr. 52, Jahrgang 1914, eine Biographie des Herrn I. L i e b a n erschienen war, erhielt ich mehrere Zuschriften, darunter natürlich auch einen anonynren Schmähbrief, in denen, mir mitgeteilt wurde, daß Herr Lieban getauft sei. Tatsache ist, daß der Genannte am 12. Februar 1900 aus dem Judentum ausgetreten und zum Protestantismus übergegangen ist. Ich konstatiere, daß mir diese Tatsache beim Schreiben meines Artikels unbekannt war, konstatiere ferner, daß mir Herr Lieban bei einem längeren Besuche keinerlei Andeutung dieses Faktums machte. Ich bedauere lebhaft, den Artikel gebracht zu haben, da eine jüdische Zeitung es nicht als ihre Aufgabe betrachten kann, Männer zu verherrlichen, die dem Judentum untreu geworden sind. Berlin, den 30. Dezember 1914. L. G.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.