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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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22 Interesse nur noch durch Sensationen und Sinneskitzel wachgerusen zu werden vermag. Hier liegt in der Hand der jüdischen Frauen eine so ungemein wichtige Aufgabe, die, wenn sie sich ihr nicht entziehen wollen, ihre Bedeutung für die deutsche Kultur in unermeßlicher Weise heben könnte. Allerdings erfordert die Erziehungsaufgabe Hingebung und Verzicht wie keine andere, sie verlangt in allerhöchstem Maße jene Demut, die schon die Sittenlehrer der Bibel als höchste Stufe der Charakterbildung angesehen haben, die sich jedoch nnr solche Personen anzneignen vermögen, die durch unausgesetzte Arbeit an sich selbst ihr Wesen so veredelt haben, daß sie sich immer wieder hinzugeben vermögen, ohne etwas zu verlieren; sie erfordert unausgesetzte Krastanspanuung, um immer von neuem alle schädlichen Einflüsse zu bekämpfen, und sie benötigt eine Mischung von Strenge und Güte, wie sie in der jüdischen Geschichte vorbildliche Erzieher geschaffen hat, Strenge, die unbeirrbar sich das Ziel der Erziehung vor Augen hält und energisch all das ausscheidet, was nur dem äußeren Schein des Lebensglückes dienen kann, und Güte, da wo es gilt, die strengen Lebensbedingungen mit der individuellen Lebenshaltung 31t verbinden; immer von neuem erkenntnisvoll all das in Rechnung zu ziehen und ans die Wirklichkeit einzustellen, was unter veränderten Lebensbedingungen die Kräfte zu schwächen und zu vergiften drohte; Güte, >vo es Rücksichtnahme auf die Menschheit und Strenge, wo es sich um Hintenansetznng der persönlichen Vorteile des einzelnen Kindes 311111 Besten der Allgemeinheit handelt; Güte gegen alle Fehler, denen mit Selbsterkenntnis und heißem Kampfe begegnet lvird, Strenge gegen jegliche Selbstüberhebung und Selbstgefälligkeit. sJhu da, wo die jüdische Frau an sich selbst die schwierige und entsagungsvolle Aufgabe stellen will, für ihre Kinder der starke, ruhende, leuchtende Fels zu sein, der sie immer wieder heimfinden läßt zu sich selbst, so oft sie sich im bewegten Leben zu verlieren drohen, vermag sie unserer Zeit wieder das Vorbild einer Mutter zu geben, die sich zu der Höhe der Beruria erhebt, für welche die Söhne, die sie mit heißer Liebe aufgezogen hatte, in der schweren Stunde des Todes ihrer Kinder, im letzten Sinne die Priester im Dienste der Gottesidee waren. Eine Neugestaltung der Häuslichkeit muß bei der Erörterung über die Frage der modernen Erziehung vor allem als das wichtigste Mittel betrachtet werden. Die jüdische Frau muß es nach dem Vorbilde ihrer Stammütter als eine Pflicht ansehen, wie in früheren Zeiten ihr Heim zu einer Stätte des Friedens und Glückes, der Gastlichkeit und der Lebensfreude zu machen. Wenn es ihr gelingt, in ihrem Haus wieder jene Atmosphäre hervorzuzaubern, die nach dem altbekannten Sabbatlied jeden Juden sich als einen König in seinem Hause durch den Besitz seines Weibes fühlen läßt, erst dann wird sie in ihrem Volk wieder die hohe Stellung erringen, die kein anderes Volk seinen Frauen einzuräumen bereit war. Aber auch hier gilt es, sich hinwegzusetzen über die kalte Pracht der äußeren Erscheinung und durch immer erneutes liebevolles Dnrchdringen auch der kleinsten Handlungen des Lebens, die Gewohnheit des Alltags zu beseelen mit einem Rhythmus, der das Dasein adelt und heiligt, und den Kindern mit der Erinnerung an ihre Jugend eine Idee des Gottesbegriffes übermittelt. Das dritte Gebiet, auf dem der jüdischen Frau unserer Zeit große Ausgaben harren, ist das Feld der Wohlfahrtspflege. Während in der biblischen Zeit sowohl als auch in der Diaspora die Ausübung der Wohlfahrtspflege zum größten Teil in der Hand der Frauen lag, ist ihr zurzeit durch eine eigentümliche Verfassungsform innerhalb der Knltusgemeinden, die den Frauen keine stimmberechtigte Mitarbeit gestattet, ihre Mitarbeit in der Wohlfahrtspflege der jüdischen Gemeinde eingeschränkt worden. Ihre Tätigkeit beschränkt sich also in unserer Zeit auf die jüdischen, bisweilen unbedeutenden Frauenvereine und vereinzelt in den Gemeinden ans ihre Arbeit als sogenannte Ehrendame, wenn sie sich nicht den großen interkonfessionellen Vereinen zugewandt hat, in denen mehr Gelegenheit zu vertiefter, gut organisierter Arbeit geboten wird. Der Trieb zur Wohlfahrtspflege ist bei den Inden, als Ureigenschaft durch Gesetzgebung und langjährige Gepflogenheit verstärkt, auch heute noch sehr mächtig. Das zeigt die verhältnismäßig hohe Beteiligung jüdischer Mitarbeiter und Geldgeber auf allen sozialen Gebieten, und doch scheinen die Juden hier ihre Ausgaben bis jetzt nicht restlos gelöst zu haben. Das jüdische Volk kann sich rühmen, die sozialste Gesetzgebung schon im Altertum geschaffen zu haben, wie sie in einem solchen Umfange bis heute von keinem Staat erreicht wurde. Sie haben mit schier übermenschlicher Kraft während trauriger Jahrhunderte der Not und des Elends von ihrem geringen Besitztum den Aermeren im stolzen Bewußtsein ihrer Verpflichtung gegen ihre Menschenbrüder mitgeteilt, sie als Ehrengäste in ihrem Hause bewirtet. In der neueren Zeit ist das Elend unter den Glaubensgenossen besonders in Deutschland weit geringer geworden, und die soziale Gesetzgebung unseres Landes hat das Proletariat des Volkes auf eine weit höhere wirtschaftliche Stufe erhoben, als es in allen anderen europäischen Ländern zu finden ist. Die moderne Armenpflege muß demzufolge unter ganz neuen Gesichtspunkten arbeiten, und zwar unter Gesichtspunkten, die der uralten jüdischen Auffassung sehr nahe zu kommen scheinen. Die alte jüdische Armenpflege schuf das Verhältnis der Verpflichtung eines Glaubensgenossen gegenüber dem anderen, sie stellte die armenpslegerische Leistung in den Dienst der Gvttesidee, indem sie es als ihr Ziel betrachtete, diejenigen Israeliten, die durch äußere Umstände behindert waren, genügend Zeit für die Beschäftigung mit der Gotteslehre zu verwenden, wieder in den Stand zu setzen, ein Mitstreiter für die Verwirklichung der Sittenlehre zu werden. Da dieser Kampf für die Gottesidee die Mitarbeit jedes einzelnen Israeliten, das heißt Gotteskämpfers, erforderte, wurde die Armenpflege zu einer selbstverständlichen Pflicht jedes Juden, gleichzeitig wurde sie aber zu einem Akt der Ehrbezeugung dem Bedürftigen gegenüber, indem man ihm half, weil man ihn bei der Lösung der höchsten Aufgaben für wertvoll und unentbehrlich hielt. Aus dieser Ehrfurcht vor dem Glaubensgenossen, dieser Wertschätzung des Menschentums in ihm, ging die ungewöhnlich feine und taktvolle Form hervor, in der die jüdische Armenpflege in früheren Zeiten sich vollzog. Die Verhältnisse liegen auch hier heute weit 1 schwieriger und verlangen nach neuen festen Grundsätzen. Diese Grundsätze, die einen ungleich größeren Kraft- und Zeitaufwand in der Arbeit der Armenpflege erfordern, sind durch die wirtschaftlichen Verhältnisse geboten und anerkannt worden. Um der Armenpflege aber wieder, abgesehen von ihrem rein wirtschaftlichen Wert, jene höhere Bedeutung als Kulturfaktor zu geben, die ihr im Judentum zu allen Zeiten zuerkannt worden war, müssen die einzelnen armenpflegerischen Handlungen wieder erfüllt werden mit jenen sittlichen Empfindungen der Ehrfurcht und selbstlosen Hingabe, die den Bedürftigen nicht nur eine augenblickliche äußere Hilfeleistung zu bieten, sondern ihn innerlich reicher und glücklicher zu machen vermögen durch die Erkenntnis, daß ein Mensch in ihm den Menschen erkannt und ihn um seiner menschlichen Vorzüge willen in einem solchen Maße achtet, daß er die Wiederherstellung seiner wirtschaftlichen Lage und mit dieser die Entwicklungsmöglichkeit seiner Fähigkeiten als notwendig für den Fortschritt der menschlichen Gesellschaft

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