Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 21

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229180--71011-3283326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

21 und Minghetti. Auch die vorgeschrittensten Nationalisten können ihm nur nachrühmen, daß er Herz, Verstand und Tätigkeit, ja, sein ganzes Ich in den Dienst des Vaterlandes gestellt. In Anlehnung an die idealistischen Lehren der deutschen Philosophie sah er das Menschentum in der Nation; und als genauer Kenner Dantes und Machiavellis war die Einigung seines Vaterlandes sür ihn ein auf historischer Grundlage beruhender Ausdruck des italienischen Geistes. Seitdem er den Lehrstuhl in Pisa innehatte, verzichtete er auf persönliche Betätigung am politischen Leben. Nur der Gedanke, seine Vaterstadt vor dem finanziellen Ruin zu retten, konnte ihn zur zeitweisen Uebernahme des verantwortungsreichen Bürgermeisteramtes veranlassen. Die Erwartungen, die man in dieser Hinsicht an ihn gestellt, rechtfertigte er in vollem Maße. Vergebens sucht D'Anconas Biograph nach Elementen, welche erweisen könnten, es wäre ihm seit der Vereinigung Toskanas mit Italien wegen seines Glaubens oder seiner Abstammung irgendeine Ehrung vorenthalten worden, oder man hätte von seiten der Kollegen oder auch von „höherer Stelle" versucht, ihn zu kränken, weil er, der Semit, sich erkühnt, über Volks- Poesie und Literatur des Landes, in dem er geboren und erzogen, zu schreiben! Keine Spur von alledem! Umgekehrt! Alle Ehrungen, die ein Gelehrter in Italien erlangen kann, sind ihm zuteil geworden. Jahrelang hat er dem Oberstudienrat, den Akademien von Florenz und Rom sowie dem Senat des Königreiches angehört. Auch im Besitz des nicht leicht zu erlangenden Hausordens von Savoyen war er wegen seiner Verdienste um die Wissenschaft. Unter den ersten Beileidstelegrammen, welche nach seinem Hinscheiden bei der Witwe einliesen, befanden sich solche des Königs sowie des Ministerpräsidenten Salandra, dem er seit langer Zeit in Freundschaft nahegestanden. Die Verwaltung seiner Geburtsstadt, obwohl in den Händen der Republikaner, seiner politischen Gegner, besa)loß, eine Straße und eine Schule nach ihm zu benennen. Der einzige Akt von Unduldsamkeit, der dem großen Gelehrten zuteil wurde, gab Anlaß zu einem Protest gegen denjenigen, der ihn veranlaßt: Als der Erzbischof von Pisa nicht erlaubte, daß der Jude Alessandro T'Ancona auf dem dortigen Friedhof eine Gedenkrede für den Herzog Amadeo von Savoyen, einen Bruder König Humberts, hielt, fand sich niemand anders, der an seine Stelle treten wollte! Bei seinen Lebzeiten konnte man öfters von Unkundigen die Ansicht hören, Alessandro D'Ancona hätte gar keine Beziehungen mehr zum Judentum. Daß dem nicht so war, bewies vor einigen Jahren seine Bereitwilligkeit, sich an einer zu begründenden Gesellschaft für die Geschichte der Inden Italiens zu beteiligen, ferner die Rede, welche außer dem Unter» staatssekretär für den öffentlichen Unterricht und einem Vertreter der Gesellschaft „Dante Alighieri" der Oberrabbiner von Florenz an seiner Bahre hielt, sowie seine Beisetzung ans dem israelitischen Friedhof in Pisa. Ein Zufall wollte übrigens, daß der Rektor der Universität Pisa, welcher die akademische Trauerrede hielt, ein Glaubensgenosse von ihm war. Mehr noch aber als die Zeremonien nach seinem Hinscheiden zeigen mehrere Züge, die von ihm berichtet werden, daß sein Charakter stets ein echt jüdischer blieb. In sein Testament schrieb er die Mahnung an seine Söhne, die auch mit Israelitinnen verheiratet sind, sich nie ihrer jüdischen Abstammung zu schämen. Dazu rechnen wir den Kultus, welchen er mit seiner Familie trieb, und die alttestamentarische Bescheidenheit: Auf seinen ausdrücklichen Wunsch fehlten bei seinem Leichenbegängnis Blumen, Fahnen, Musik und die Abteilung Soldaten, welche ihm als Senator des Königreichs die militärischen Ehren hätte erweisen müssen. Die flukgaben der jüdischen jfrau unter den modernen Lkitoerhsilnillen. Von S i d d y W r o n s k y, Berlin-Schöneberg. (Schluß.j n engem Zusammenhang mit der Neugestaltung der Sitt- \ lichkeit durch die jüdische Frau unserer Zeit steht die Schaffung neuer Beziehungen zu den Fragen der Erziehung unter den veränderten Verhältnissen. Grundlegend für die Gestaltung der Erziehung im Judentum war seit Jahrtausenden die ungewöhnlich starke Wertschätzung des Familienlebens und die sorgfältige Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern. In der Verbindung der Eltern zu ihren Kindern liegt die Zukunftstendenz des messianischen Reiches begründet. Sie schraubt die Bedeutung der einen Generation für die andere mit Bezug aus das große Ziel der Zukunft ins Ungemessene und erzeugt jene hingebende Form der Erziehung, die kein Opfer scheut, das dem Werden des zukünftigen Geschlechtes zugute kommen könnte. Das Wort des Josephns: „Mehr als alles bemühen wir uns um die Kindererziehung" findet in der Geschichte der Juden immer von neuem seine Belege. Das gute Beispiel der Eltern galt als das wirksamste Erziehungsmittel, und es erschien als die verantwortungsvollste Aufgabe, Wort und Tat sorgsam abzuwägen auf die Wirkung hin, die von ihnen auf die Kinder ausgehen könnte. Als wirksamstes Hilfsmittel galt die strenge Jnnehaltung des Thorawortes und die unausgesetzte Beschäftigung mit der Sittenlehre des Talmuds, der sich Männer und Knaben in allen ihren Mußestunden Hingaben, und an der auch Frauen und Mädchen direkten und indirekten Anteil nahmen. Die Erkenntnis von dem Wert einer unendlichen Sorgfalt bei der Erziehung der Kinder und eines unausgesetzten Bedachtseins auf ihr Wohl löste dann den tiefen Autoritätsbegriff aus, der dem Empfinden der jüdischen Kinder als etwas Selbstverständliches zu eigen war und die Wirkung der Erziehung bedeutend erleichterte. Aus den gegebenen Formen haben die Verhältnisse unserer Zeit die jüdische Erziehung abgelöst und sie ungewöhnlich erschwert. Das Familienleben bedeutet nicht mehr so unbedingt wie früher die Haupteinflußsphäre auf die Heranwachsende Jugend. Tie Feiertagsstunden, deren Wirkung von unersetzlicher Bedeutung war, niemand bezeugt dies wohl ergreifender als Heinrich Heine in seiner wehmütig-poetischen Schilderung des Sederabends im Rabbi von Bacharach, sind heute kaum noch in einer tieferen Form erhalten, obgleich gerade unsere Zeit der Zerstreuung und Vielbewegtheit einer andachtvollen Sammlung dringender bedarf als je eine andere zuvor. Die Berufstätigkeit führt Söhne und Töchter hinaus in Arbeitsstätten, die den Eltern fremd sind, deren Einfluß auf ihre Kinder sie nur ungenau beurteilen können. Eine früh erworbene wirtschaftliche Unabhängigkeit trägt dazu bei, das Selbstgefühl der Kinder zu heben und in geringerem Maße erziehlichen Einflüssen zugänglich zu machen. Die Versuchungen einer Unwelt, die in einem verflachten, bis ins Unermeßliche getriebenen Luxus lebt und mit der erhöhten Genußmöglichkeit das äußere Genußleben aufs unerhörte zu steigern bereit ist, sind oft stärker als die erziehlichen Einflüsse des Elternhauses, zumal wenn die Uebereinstinmnmg mit den ungesunden Lebensanschauungen der genußsüchtigen Bürgerkreise den Boden in den jugendlichen Gemütern auss schädlichste vorbereitet hat. Die Gefahr liegt nahe, daß die Jugend der gutgestellten Bürgerkreise, zu -denen ein großer Teil der jüdischen Großstadtsamilien gehört, ihren Lebensinhalt in jenem eitlen Erleben zu sehen lernt, in dessen Schalheit und Oberflächlichkeit sie sich bald verlieren müssen, um sväter jene traurigen Existenzen weiterzuführen, die ohne Inhalt und Ziel in den Tag hineinleben, und deren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.