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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 20

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 20 (sequence 8)
Language
German
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20 schriften ziehen sich, allen gemeinsam, gewisse Grundgedanken, die uns seine Lebensarbeit nicht als etwas Zerstückeltes, sondern im Gegenteil als organisches Ganze erscheinen lassen. Ihm selbst war es noch vergönnt, seine Hauptschristen in folgende Bände zusammenzufasseu: Scritti danteschi: Avventurieri e viaggiatori; Memorie e documenti di storia italiana dei secoli XVIII e XIX; Ricordi storici del risorgimonto italiano; Studi di storia e critica letteraria; Saggi di letteratura popolare; Jacopone da Todi; Pagine sparse di letteratura e di storia con appendice dal in io carteggio. Wohl durch seine Freundschaft mit Costantino Nigra, welcher später als diplomatischer Vertreter Italiens in Wien weiteren Kreisen bekannt geworden ist, aber sich sein ganzes Leben lang erfolgreich mit Volkskunde beschäftigte, angeregt, widmete sich D'Ancona schon seit seiner Studentenzeit der Erklärung mittelalterlicher Traditionen und Legenden. Uebrigens hat er noch kurz vor seinem Tode dem lange vor ihm Hingeschiedenen Freunde durch die Herausgabe von dessen Gedichten ein ehrendes Denkmal errichtet. Durch seine meisterhafte Untersuchung über die populäre Poesie Italiens sicherte er sich einen Ehrenplatz unter den Kennern der Vvlkspsycholvgie. Er war einer der nicht allzu seltenen Gelehrten jüdischen Ursprungs, denen j ein liebevolles Versenken in die Seele des Volkes, unter dem sie geboren und ausgewachsen, eignet; vielleicht darum, weil! der Familienkreis, zu dem sie gehören, von der sie umgebenden! Masse der Bevölkerung in manchem verschieden ist und sich so frühzeitig der Blick und das Verstehen des Andersgearteten schärft. Was sonst seine Arbeiten zur italienischen Literaturgeschichte, bei welchen er sich mehr auf die französische als aus die deutsche Wissenschaft stützte, ohne jedoch darum in Gegensatz zu dieser zu treten, betrifft, so suchte er die Anfänge der verschiedenen literarischen Formen aufzudecken. Aus diesem Gebiet schuf er 1877 das grundlegende Werk über den Ursprung des Theaters in Italien. Mit seinen zahlreichen Studien zur Kenntnis der ersten Jahrhunderte der italienischen Literatur s verknüpfen sich seine Forschungen über Dante Alighieri und s dessen Vorläufer, sowie über Petrarca. s Zu seinen Studien über die Freiheits- und Einheitsbewegung! seines Vaterlandes war er, abgesehen von seinem Spürsinn,? noch ganz besonders dadurch befähigt, daß er selbst als junger! Mensch inmitten derselben gestanden und einer ganzen Reihe , der hervorragendsten Mitstreiter auf militärischem, politischem s und literarischem Gebiet persönlich nahegetreten war, wie z. B. dem berühmten sizilianischen Historiker und Patrioten Michele Amari. Dessen Briefwechsel ward von ihm herausgegeben. Hauptsächlich von seinen historischen Werken werden auch in Zukunft manche keinem Italiener, der auf Bildung Anspruch macht, unbekannt bleiben dürfen. Sehr zeitgemäß behandelt das letzte Werk, das er vollendete, für das er zehn Jahre lang Material gesammelt, dessen Erscheinen er aber nicht mehr erleben sollte, „Leipione Piattoli e la Polonia" betitelt, die Geschichte der letzten Jahre des Königreichs Polen und die Bestrebungen ausländischer Idealisten, den bevorstehenden Ruin des unglücklichen Landes aufzuhalten. Auch über andere Italiener im Ausland schrieb er. In dieser Beziehung ist seine Studie über die Italiener im Dienste Friedrichs des Großen für Deutschland von besonderem Interesse. Was seine wissenschaftliche Methode betrifft, so machten ihn sein gesunder Menschenverstand und sein angeborener Scharfsinn zu einem der hervorragendsten Meister der historischkritischen. Er eben war es, der sie in Italien eingeführt und heimisch gemacht hat, im Gegensatz zur romantisch-ästhetischen, welche vor ihm die herrschende war. D'Ancona und seiner Schule wurde von jener vorgeworfen, sie wollten Geschichte schreiben, ohne eigene Ansichten über das Erzählte zu haben, sehr mit Unrecht: Seine Methode bestand bei jeder literarischen Erscheinung in der Feststellung ihres historischen Wertes und dessen urkundlicher Belegung, ohne sich dabei durch Lyrismus oder Sentimentalität beeinflussen zu lassen. Leidenschaft und Gefühl gingen ihm keineswegs ab; aber bei der Bewertung eines Werkes verstand er, sie im Zaume zu halten. Klar und praktisch ist sein Gedankengang, wie inan das vielfach der jüdischen Rasse nachrühmt. Andererseits aber verstand es sein schmiegsamer Geist, den Eigenschaften seiner politischen Gegner, wie z. B. des großen republikanischen Apostels Mazzini, vollkommen gerecht zu werden. Auf Philologie und Literaturgeschichte wandte er die experimentelle Methode an, und von der Literaturgeschichte trennte er nicht das Studium der politischen. Einer seiner hervorragendsten Schüler, Vittorio Eiau, charakterisiert ihn als den bedeutendsten Vertreter des historischen Realismus unter den Kritikern Italiens, als einen Positivisten auf dem Gebiete der Literaturgeschichte. Doch, obwohl Vertreter der historischen Kritik, erschien er seinen Zuhörern nichts weniger denn als Pedant, vielmehr als ein Mann, dessen Charakter sich durch Assimilierung des Besten aus den verschiedensten Külturkreisen und Zeiten gebildet. Ist nicht auch dies spezifisch-jüdisch? Nach Niederlegung seiner vierzigjährigen Lehrtätigkeit mußte er sich auf dringendes Bitten der philosophischen Fakultät der Universität Pisa noch zu Vorlesungen über Dante verstehen. Diese waren wegen der Klarheit, Genauigkeit und Sicherheit, womit er auch die schwierigsten Stellen des großen Dichters auszulegen verstand, selbst beim großen Publikum beliebt und wurden nicht selten von wissensdurstigen Ausländern besucht. Sein Kommentar bestand vor allein im sinngemäßen Lesen. Wer weiß, wieviel Einfluß auf diese seine Jnterpretationserfolge das Gesetz von der Vererbung gehabt hat, wie viele seiner Vorfahren Geist und Verstand an der Auslegung des Talmud geschärft! Wie bei allen grvßen Meistern waren es mehr die Beispiele als Regeln, wodurch er fruchtbringend auf seine Schüler wirkte. Außer vom Katheder in Pisa teilte er seine Wissenschaft Lehrenden und Lernenden aus den Spalten der von ihm 1893 begründeten, noch heute blühenden, gediegenen Zeitschrift „Rassegna bibliografica della letteratura italiana“ und durch sein sechsbändiges Handbuch der italienischen Literatur, welches er mit seinem Schüler Orazio Bacci herausgab, mit. Der kleine, kurzhalsige Mann von gedrungener Figur hatte stets mehrere Arbeiten gleichzeitig unter der Feder. Bestand ja gerade die Erholung für ihn darin, daß er von der einen zu der anderen überging! Ein Leben ohne diese wäre für ihn reizlos gewesen. Nicht nur als Literat, sondern auch als Mensch war er ein felsenfester Charakter. Deshalb fehlte es ihm nicht an Freundschaften unter den Besten der Nation. Mit dem literarisch bedeutendsten seiner Zeitgenossen, dem Dichter Giosue Cardncci, welcher in Bologna denselben Lehrstuhl innehatte wie er in Pisa, gab er gemeinsam einen Kommentar zur „Vita Nuova“ Dantes heraus. Und als er seine Gattin jüdischen Stamrnes heimführte, widmete ihm Carducci seine bekannte Dde: .,() de' cognati e de i dispers! miti Per la selva d’Europa indagatore, Mentre tu nozze appresti e i dolei riti Affretti in euere . . .“ D'Ancona war eine offene Natur, die frei von der Leber weg ihre Ansichten kundgab. Als seiner, manchmal skeptischer Causeur war er in den pisanischen Salons gern gesehen. Politisch gehörte er zu den gemäßigten Liberalen; er bewegte sich also in denselben Bahnen wie zu ihrer Zeit Cavour, Ricasoll

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