Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
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bedacht bin, jedem zu Diensten zu sein, ohne zu fragen, ob er zn denen gehört, denen mein eigentliches Amt gilt. In den nächsten Tagen werde ich meinen Dienst bei zwei weiteren Divisionen fortsetzen, den «beiden letzten der-Armee, für deren Gebiet ich bestallt worden bin. Danach null ich fccn Weg, den ich n.m l. Oktober begonnen hatte, von neuem an treten, mit Lei jedem Truppenteil zum zweitenmal Gottesdienste abzuhalten und dann vielleicht auch die Mannschaften zu erreichen, die während meines ersten Weges nicht hatten berankommen können. Mrllsnllro DKnrcmg geboren am 20. Februar 1835, gestorben mit S. November 1014. Von Prof. Dr. Ermanno L v e v i n f o n in Rom. Unter der reaktionären Regierung des Papstes Lev' XII. ('1823—29) wurden die Bedrückungen der Juden des Kirchenstaates, deren Lage in der napoleonischen Zeit eine erträgliche geworden, wieder stärker. Dies veranlaßte eine Anzahl israelitischer Familien, das unwirtliche Gebiet zu verlassen, um in dem milder regierten Gros;- Herzogtum Toskana ein Unterkommen zu suchen. Zu ihnen gehörte die angesehene Familie D'Ancona aus Pesarv. Sie nahm ihren Wohnsitz in Pisa, wo Alessandro am 20. Februar 1835 als neuntes und letztes Kind zur Welt kam. In echt patriarchalischer Weise nahm sich nach dem frühzeitigen Tode des Vaters ein Onkel mütterlicherseits und daun der älteste Bruder Sansone, welcher später als Finanzmann und Parlamentarier eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat, der zahlreichen Kinderschar an. Was bie Anfangsgründe der italienischen Sprache und Literatur sowie die der neueren Sprachen anlangt, war Alessandro D'Ancona, wie die meisten seiner Generation, aus das Selbststudium angewiesen. Zn seinem Glück wuchs er in Florenz, einem Mittelpunkt geistigen Lebens, heran. Bald versuchte er sich in italienischen Liedern klassischer Foriü; auch übersetzte er eine Uhlandsche Ballade sowie „Donna Clara" von Heine. Doch als praktischer und positiver Geist verwies er bald seinen Pegasus in die Ecke, um sich ernstlich mit historisch-literarischen Studien zu befassen. Als Frucht dieser veröffentlichte er bereits mit achtzehn Jahren seine kritische Untersuchung über das Leben und die politischen Lehren des süditalienischen Philosophen Tommaso Eampanella. Sie machte ihn vorteilhaft bekannt. Von seinem 20. bis 24. Jahre finden wir ihn in Turin, der Hauptstadt des damaligen Königreichs Sardinien, des einzigen Staates der Halbinsel, welcher aus den Revolntionsjahreu 1848/1849 eine freiheitliche Verfassung und infolgedessen ein reges öffentliches Leben hinübergerettet hatte. Dorthin strömten alle politisch oder literarisch liberal gesinnten Geister. Reiche Anregung schöpfte er aus ihrem Umgang. Bald war er ein Lieblingsschüler des Literarhistorikers Francesco De Sanctis. Dagegen fand er kein Gefallen an den Kollegien der juristischen Prof. Alessandro D'Ancona acb. 20. (835, lieft. 8. November 0(4 Fakultät, bei der er eingeschrieben war. Auster ernsten literarischen Forschungen beschäftigten ihn Korrespondenzen an toskanische Zeitungen. Besonders geschätzt ivarcn seine literarischen Kritiken. Hauptsächlich aber war er Politisch tätig, indem er als Abgesandter der Liberalen Toskanas die Annexion des Großherzogtums an das Königreich Italien vvrbereiten half. Noch bevor er den Grafen Camillo Eavvur, welchem dann im Jahre 1860 die Einigung Italiens gelingen sollte, vorgestellt war, hatte er häufig in Turin Gelegenheit, ihn zu beobachten, >vie er sieh an die Auslagen der Zeitungsverkäufer stellte und über seine eigenen Karikaturen in den Witzblättern lachte. Seine Persönliche Bekanntschaft mit dem (strafen, der von nun an stets seinen Gruß aufs freundlichste erwiderte, machte er, als er ihm namens der freiheitlich Gesinnten Toskanas eine Liste überreichen durfte mit den Namen derer, welche Beiträge zu einer Büste des Staatsmannes gezeichnet hatten. Einen der schönsten Augenblicke seines Lebens hatte dann D'Ancona im Jahre 1860, als er von Eavour, der an der Seite des zum König von Italien gewählten Viktor Emanuel II. in Florenz dem Zuge entstieg, sofort wiedererkannt und durch kräftigen Händedruck ausgezeichnet wurde. Inzwischen hatte ihn der Premierminister wegen seiner geschickten Leitung der „Nazivne", des Hauptvrgans des toskanischen Liberalismus, welche 1859 der Baron Ricasöli seinen Händen anvcrtraut hatte, schätzen gelernt. Es ist das ein Blatt, welches noch heute besteht. In demselben Jahre 1860 trat ganz unerwartet an Alessandro D'Ancona die ehrende Aufforderung heran, ans dein Lehrstuhl für italienische Literatur an der Universität Pisa Nachfolger seines Lehrers De Sanctis zu werden. Nicht leicht ward ihm die Annahme. Denn, wie er später selbst eingestanden hat, fühlte er sich damals nicht völlig Herr der Materie, in der er zn unterrichten hatte. Allerdings die Neider und Mäkler, welche ja nie und nirgends fehlen, waren in kurzem zum Schweigen gebracht dank seiner überaus fruchtbaren Tätigkeit auf rein wissenschaftlichem Gebiet. Die Feder des Journalismus ward nun für 40 Jahre ans den Händen gelegt und wurde erst wieder ergriffen, als er im Jahre 1900 freiwillig vom Lehramt zurücktrat. Damals belief sich, nach einer von seinen Schülern veröffentlichten Bibliographie, die Zahl seiner Schriften bereits auf 724. In den letzten 14 Jahren seines Lebens hat dann seine wissenschaftliche Produktion keineswegs abgenommen, so dast man bei seinem Hinscheiden seine Arbeiten ans etwa 1200 bezifferte. Zu betonen ist bei dieser erstaunlichen Schaffenskraft, daß die Qualität seiner Arbeiten keineswegs unter der Quantität litt. Und allen, den kleinen wie den umfangreichen, den journalistischen wie den rein wissenschaftlichen, ist ein klarer, einfacher und lebendiger Stil eigen. Ein großes, seine Lebensarbeit zusammensassendes Werk hat er nicht geschrieben, obwohl er, wie mehrere seiner akademischen Festreden beweisen, dazu voll und ganz befähigt war. Doch durch die vielen Einzel-