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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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18 Vor Apern, 21. November 1914.;\fraeiit ischer 3it gendbund Lörra ch. Soeben erhalte ich das Liebesgabenpaket vom 21. Oktober. Durch die Sendung war ich ßbenso überrascht als erfreut. Wie ich sehe, vergißt der Jugendbund auch seine Mitglieder im Felde nicht. Ich bin aber auch überzeugt, daß jeder einzelne das möglichste tun wird, seinem Verein zum Stolze zu gereichen. Es wird uns Juden später niemand nachsagen können, daß wir feige in diesen schweren Kamps gezogen sind. Gestern erst erzählte mir ein Major, daß das erste Eiserne Kreuz im Bataillon ein junger Rabbiner aus Straßburg bekam, der dazu einstimmig von seiner Kompagnie vorgeschlagen wurde. Ein jüdischer Freund von mir, ein Unteroffizier aus Mülhausen, bekaln nicht nur das Eiserne Kreuz zweiter, sondern auch erster Klasse. Eine solche Auszeichnung bekommt der gemeine Mann beziehungsweise der Unteroffizier nur für außerordentliche Heldentaten. Auch unser Jugendbund hat durch sein Wirken seine Mitglieder zu Männern erzogen, die sich ihrer Pflichten ihrem Vaterland gegenüber bewußt sind. In diesem Sinne nochmals besten Dank für die schönen zllgesandten Dinge. Mit bestem Gruße Dr. N., Oberarzt. Das vierte Stück ist ein herzlich gehaltenes Glückwunschschreiben an den Vater eines mit dem Eisernen Kreuz dekorierten jüdischen Arztes. Es heißt darin: _ 10. November 1914. Sehr geehrter Herr. .Gleichzeitig spreche ich Ihnen ineinen herzlichsten Glüekwunsch zum Eisernen Kreuz Ihres Herrn . . . aus. Er hat es brav und redlich verdient an manchem gefährlichen Tage, wo die Kugeln bei den Lazaretten viel mehr Verwundungen hervorriesen wie vorn in der Schützenlinie. Er hat aber auch manchen verwundeten Soldaten aus der vordersten Linie zurückgeschafft, und es blickt unsere ganze Mannschaft mit Stolz und Vertrauen auf ihn. Uns Offizieren ist er in dein Vierteljahre täglichen Zusammenseins ein Lieber und hochgeschätzter Kamerad geworden. Ihr allfrichtig ergebener Major. Kommandeur des... . Bataillons Jnf.-Negt. Zum Schluß sei der Bericht des Herrn Rabbiners Dr. Baeck Liber die Zeit vom 1. bis 18. November ans dem „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin" abgedruckt. Er lautet: Ich habe in dieser Zeit bei vier weiteren Divisionen meine Tätigkeit ausgeübt. Es ist mir möglich gewesen, bei diesen Truppenteilen sieben Feldgottesdienste abzuhalteu, und zwar: am 6. November in V., am 7. November in E., am 13. November in M., am 14. November in S., am 15. November in P., am 18. November früh in CH. und am gleichen Tage nachmittags in L. Jeder derselben erhielt durch Ort und Stunde seine besondere Art. Je zwei fanden in Kirchen und in Schulzimmern statt: je einer im Freien, in einer Baracke und im Saale eines Gutshauses. Ich pflege mehrere Stunden vor Beginn des Gottesdienstes einzutrefseu, um im Einvernehmen mit dem Ortskommandanten den geeigneten Raum auszusuchen und Herrichten zu lassen: als Treffpunkt lasse ich immer den Platz vor der Kirche, als den am leichtesten anszu findenden, angeben. Drei von den Gottesdiensten waren auf den Abend augesetzt, drei aus den Nachmittag, einer auf eine Morgenstunde. Die Mannschaften, welche hatten erscheinen können, stammten aus Hessen-Nassau, Thüringen und Brandenburg, zu meiner Freude in nicht geringer Zahl auch aus unserer Berliner Gemeinde. U-m ein Bild von diesen Gottesdiensten zu geben, sei es mir gestattet, wieder zwei derselben, den ersten und den letzten, in V. und in L. zu schildern. Der Gottesdienst war in V. auf 8 Uhr abends angesetzt. Da das Wetter günstig zu sein versprach, hatte ich einen Platz im Freien ausgewählt, eine kleine, von einer Hecke umgebene Wiese, die auf einem kleineil Abhange lag. Gegen Abend trat jedoch ein so dichter Nebel ein, daß es notwendig wurde, von diesem Platze äbzuseheu. Eine Baracke, die int Bau war, konnte noch rasch so weit hergerichtet werden, daß sie einen geeigneten, geschützten Raum bot. Zur festgesetzten Stunde trafen, durch die Posten, die au den Eingängen zum Dorfe standen, zurechtgewiesen, die Mannschaften ein: lalle, die aus ihren Stellungen hatten herausgezogen werden können. Sie versammelten sich auf dem Platze vor der Kirche, und es bot ein eigenes Bild, wie nach itub nach die .einzelnen kleinen Gruppen, zuerst nur mit ihren Lampen wie kleine leuchtende Punkte sichtbar, von den verschiedenen Richtungen her aus dem grauen Nebeldunkel emportauchten. Es waren insgesamt 25 Mann, darunter sechs, die bereits das Eiserne Kreuz besaßen. Unter Führung des Rangältesten rückten sie d-ann nach der wenige Minuten entfernten Baracke, wohin ich voransgegangen war. Kurz vor 8 Uhr traf aus einem Nachbarorte der erste Adjutant des Divisionskommandeurs ein, um an dem Gottesdienst teilzunehmen. Es war der erste Fr.eitagabeudgottesdimst, dm ich abhalten konnte. Er begann mit dem deutschen Psalm 90 („Gebet von Mose, dem Manne Gottes"), daran schloß sich die Predigt über den Prophetensatz Micha 6, 8 („Es .ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Ewige von dir fordert, nichts anderes, als recht zu tun, Liebe zu üben und in Demut zu wandeln mit deinem Gotte"); hierauf folgte, hebräisch, das Freitagabendgebet, von dem Sabbatpsalme an; den Schluß bildete der Priestersegen. Die Baracke war durch zwei hohe Kerzen ein wenig beleuchtet, und in dem Halbdunkel, in dem alles, was nicht erkannt werden sollte, verschwand, bot sie inmitten der finsteren Umgebung einen fast stimmungsvollen Raum. Aber die stärkste Stimmung lag doch in den drei aufrechten Reihen der Betenden, die, ans ihren Stellungen heraus, zu einer Stunde der Andacht hierhergekommen waren, um dann bald an ihren Platz wieder zurückzukehren. Es hatte etwas Ergreifendes, als am Schluß einige von ihnen, die vor einiger Zeit ihren Vater verloren hatten, hervortraten, um das Kaddifchgebet laut zu sprechen. Nach dem Gottesdienst blieb ich, wie stets, mit der kleinen Gemeinde noch zusanuneu, um mit allen über das, was sie bewegte, zu reden. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch darauf Hinweisen, daß die Mannschaften während der Stunden nach ihrer Rückkehr immer völlig dienstfrei sind und daß soweit es nötig, auch für ihre Beköstigrmg an dem Orte des Gottesdienstes gesorgt wird. Auch in der folgenden Woche hatte ich Gelegenheit, einen Freitagabeudgottesdienst abzuhalten. Er fand in der Kirche zu M. statt und hatte den ähnlichen Charakter, so daß in dein Bilde von V. er ungeführ mitgezeichnet ist. Dafür sei einer der Gottesdienste, die am Nachmittag begangen wurden, der in L., des Beispieles halber kurz geschildert. Es war ein schöner, sonniger Tag, der in der klaren, durchsichtigen Lust des Herbstes alles bunt malte. Der Platz, mtf dem wir uns zur Andacht versammelten, lag zwischeu alten, breitästigen Bäumen, die fast ein Dach bildeten; man hatte den Ausblick aus ein anmutiges Tal, das in hellem Lichte lag und in der Ferne sich verlor. Der Friede der Natur lag über allem; man stand lvie in einem Tempel über der Niederung; mehr oder minder deutlich mochte ein jeder es empfinden. Es war zudem ein Tag der Ruhe auch in anderem Sinne. Die Mannschaften, die gekommen waren, waren solche, die mau für einige Tage abgelöst hatte, um ihnen nach schwerer Zeit eine Rast zu gewähren; und in diesen Tagen erfaßt jede neue Stunde, die harte lvie die leichte, für sich und läßt das Vergangene rasch vergessen. Das alles zusammen gibt von vornherein ein anderes Gepräge, als die Andacht es hat, die in der Abendstunde stattsindet, und die die Mannschaften vereint, die unmittelbar von dem Platze, aus den sie gestellt sind, kommen. So gewinnt ganz von selbst der Gottesdienst einen etwas anderen, minder -ernsten Ton. Er ist säst wie ein Dank- und Festgottesdienst, während jener mehr das Eigentümliche eines Bittgottesdienstes hat. Auch das Zusammensein am ^Schlüsse erhält so seine jedesmalige besondere Stimmung. Die Andachtsstunde begann mit Psalm 121 und 124 (deutsch), danach die Predigt über Psalm 37, 34 („Vertraue auf den Ewigen und hüte seinen Weg, so wird er dich erheben, daß du das Land besitzest"); hierauf das- Miuchagebet (hebräisch) m>it dem Segen. Ganz ebenso erhielt jeder andere der Gottesdienste durch seinen Ort wie durch seine Tage und seine Stunde die besondere Art. Die Tage, die von den Vorbesprechungen und Vorbereitungen für die Andacht erfordert werden, benütze ich, abgesehen von der recht umfangreichen Korrespondenz, zum Besuche der Feldlazarette, und ich trachte dabei auch immer sestzustellen, ob unter den frauzösischeu Verwundeten Israeliten sind; ich habe bisher zweimal solche getroffen, und ich glaube, ihnen durch meinen Besuch etlvas Wohltuendes erwiesen zu haben. Ich bemühe mich auch, einzelne Grabstätten sestzustellen, um den Angehörigen von dem Platze Kenntnis geben zu können. Es ist selbstverständlich, daß ich, soweit ich es kann, daraus

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