Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 17

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229180--71007-3283322
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

17 protestiert. Wenn auch nicht zu hoffen und vielleicht nicht einmal zu wünschen ist, daß die Neutralen für uns eintreten, so würde hier schon viel dadurch gewonnen sein, daß sie uns gegenüber eine freundlichere Haltung einnehmen. Mdpoltdrikfe. Uachdem wir vor einiger Zeit die ersten Berichte mitgeteilt haben, welche Herr Dr. Baeck dem Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin übersendet hat, lassen wir hier verschiedene andere folgen, teils solche, die uns direkt zugekommen sind, teils solche, die wir aus anderen Zeitungen entnehmen. Zu der ersteren Klasse gehört, wie ich ausdrücklich konstatiere, ein ganz kürzlich eingelausenes Schreiben, das freilich, wie ich nachträglich bemerke, in der Dezembernummer des „Gemeindeblattes" abgedruckt war. Ich wiederhole es an dieser Stelle, obgleich es von Ereignissen berichtet, die vor Monaten geschehen sind, weil es in sehr ansprechender Weise Mitteilungen über die Feier des Versöhnungstages macht. Es lautet folgendermaßen: „Mögest Du Dir, mir und den geliebten Kindern alles Gute ausgebeten haben," mit diesen Worten möchte ich meine heutigen Zeilen nach Schluß des Versöhnungstages beginnen, indem ich noch so ganz unter dem wohltuenden und zugleich' erschütternden Eindruck des heiligen Tages stehe. Nun zur Schilderung des Jom Kippur, der mich wohl nie in meinem Leben so erschüttert, ergriffen und erhoben hat, wie diesmal! Nachdem ich mit dem halben Personal des Feldlazaretts von Premontre nach Chaunh auf mehrere Tage zur Unterstützung der dortigen Kriegslazarette und Krankenhäuser kommandiert wordell war, hatte ich mich unausgesetzt bemüht, zu erfahren, ob und wo jüdischer Gottesdienst abgehalten würde; es war aber nicht sestzustellen. Da ging ich zufällig an dem Tage, an welchem abends Kol- Nidre war, über den Hauptplatz der Stadt, dem Place de l'Hotel de la Bille, und traf unvorhergesehen den Rabbiner B. aus der Fasanenstraße in der geschmackvollen Uniform eines Feldgeistlichen. (Gleich für alle Konfessionen.) Er blickte mich einen Augenblick an und begrüßte mich nrit den Worten: „Herr Doktor, ich weiß zwar im Moment Ihren Namen nicht, aber sind Sie nicht der Shnagogenarzt aus der Fasanenstraße, Sie werden nicht wissen, daß heute abend Jom Kippur ist." — Nun erkannte ich ihn natürlich auch, bejahte seine Frage sofort und gab meiner Freude darüber Ausdruck, daß ich als Synagogenarzt gerade auf einen Prediger aus der Fasanenstraße träfe. — Eine Synagoge gäbe es in Chaunh nicht, sämtliche Häuser, Säle, Theater sowie Kirchen seien entweder mit Militär überhaupt oder mit Verwundeten belegt, und als einzige mögliche und freie Stelle für den Gottesdienst sei ihm vom Generalkommando die Eglise Notre Dame überwiesen worden. B. konnte sich nicht lobend genug über das Entgegenkommen der Militärbehörden aussprechen; verschiedene Generäle, mit denen er oft im Lause des Feldzuges verkehrt hätte, wären ihm mit ungewöhnlicher Liebenswürdigkeit begegnet und hätten sich oft nach den jüdischen Soldaten und nach den Gottesdiensten erkundigt. Als er einmal bei einer größeren Tafel war, wo die anderen Schweinebraten hatten, hätte aus freien Stücken, ohne daß er vorher ein Wort gesagt hatte, ein General für ihn eine andere Speise auftragen lassen. So fanden wir uns denn am Abend kurz vor 6 Uhr vor der Kirche ein, wo auch die anderen Soldaten, auch einige Aerzte erschienen. Der katholische Geistliche hatte bereits von der Kommandantur den Auftrag erhalten, um 6 Uhr die Kirche von Katholiken, die ja fast den ganzen Tag über Andacht haben, frei zu halten. Pünktlich um 6 Uhr kam der katholische Geistliche heraus, bat, hereinzukommen, fragte nach dem Namen und der Bedeutung des israelitischen Festtages und erklärte sich in liebenswürdigster Weise bereit, zu den Vorbereitungen mit beizutragen. Es wurde ein Kronleuchter angesteckt, ferner zwei Lichte und ein großes dickes Licht, welches bis zum nächsten Abend brannte. Als das Kol-Nidre erklang, itnfc dann der Prediger auf die Kanzel stieg, um auf das Eigenartige des Jom Kippur und das Besondere in diesem Jahr im Kriege, in - Feindesland, an einer ungewohnten Stelle, in einem Heiligtum j Andersgläubiger hinzu weisen, da gingen ein Weinen und Schluchzen durch die Reihen der Soldaten — ein Gegensatz zu dem kriegerischen Gewand — und eine Ergriffenheit, wie ich sie so an dem Bersöhnungstage noch nie erlebt hatte und wie.sie sich nur noch am! nächsten Tage bei der Totenfeier steigerte. Und ich sage, glaube ich, j nicht zu viel, wenn ich behaupte, ich war einer der Ergriffensten.! Man stelle sich vor, den Prediger in der Uniform des Feldgeistlichen! mit Tallis! Der Predigt lag nach der geschilderten Einleitung der Gedanke zugrunde: Augenblicklich flehen alle Völker und Konfessionen zu Gott, ihre Waffen zu segnen, und sind bange, ob Gott mit ihnen ist. Die richtige Fragestellung sei augenblicklich nicht: Ist Gott mit uns, sondern sind wir mit Gott? Es ist extra von den jüdischen Gemeinden ein kleines Feldgottesdienstgebetbuch herausgegebeu worden, ganz ähnlich wie die christlichen Mannschaften es haben, welches die Psalmen und auch die wichtigsten Gebete für den Bersvhnungstag, zum Beispiel Owino Malkenu, enthält. Der Zufall fügte es in Chaunh sehr günstig, daß ich an dem Abend wie auch am nächsten Tage wenig zu tun hatte, überdies den Dienst einteilen konnte, wie ich wollte — die Mannschaften waren überhaupt am Jom Kippur in der Stadt dienstfrei -, so daß ich mich am nächsten Morgen pünktlich um 9A Uhr wieder zum Gottesdienst einsinden konnte. Es war gleich feierlich und stimmungsvoll, namentlich bei der Totenfeier, und eine herrliche Predigt, die inhaltlich nicht schöner Hütte sein können. Zugrunde lag das Wort: „Einkehr, Gebet und Wohltätigkeit können das böse Verhängnis abwenden." Es war wieder ergreifend und schön. Wenn eine Steigerung der aufwallenden Gefühle wie der Ergriffenheit noch möglich gewesen wäre und gewesen ist, so trat sie ohne Zweifel ein, als wir uns am Nachmittag um 5 Uhr abermals im Gotteshaus (im weiteren Sinne des Wortes) znm Neila-Geöet versammelten. Als ich hinging, sang ich mir die schöne, bekannte Melodie, die in Berlin vor der Predigt gespielt und gesungen wird. Es war eine ganz eigenartige, unvergleichliche Stimmung, die über der Kirche wie über der kleinen militärischen Gemeinde lag, als die Sonne allmählich unterging und noch bei sonst klarem Wetter ihre letzten Strahlen durch die bunten Scheiben sandte. Diesmal lag der Predigt zugrunde: „Oeffne uns die Pforten des Heils, ehe sich schließen die Pforten des Lichts, denn schon neiget sich der Tag." Schließlich kam ein Segen über die Gemeinde, und daun stimmte noch einmal die ganze Versammlung aus lauter Kehle und vollem Herzen das Glaubenswort des Judentums in dem Bekenntnis des einig-einzigen Gottes an. „Er der eine immer und ewig." Zu Ende war der Versöhnungstag. Der Prediger kam von der Kanzel herunter und bemühte sich, jedem einzelnen die Hand zu schütteln, ihm Gutes zu wünschen, Glück und Segen für die nächste Zeit, während jeder ihm wiederum herzlichst dankte für die Veranstaltung der schönen Feier, die jedem nnvergeßlich bleiben wird zeitlebens. Das zweite Stück ist ein Beileidschreiben, das ein preußischer Offizier an den. Vater eines gefallenen Soldaten geschrieben hat. Es ist ein schönes Zeugnis für den Mut des jungen Mannes und für die menschliche Empfindungsweise seines Vorgesetzten. Es lautet: K _ . r . . . den 5. September 1914. Herrn Hermann Dottenheimer, Lehrer und l. Kantor Neustadt, Pfalz. Die Kompagnie erfüllt hiermit die traurige Pflicht, Sie von den: Tobe Ihres Sohnes, des Unteroffiziers Heinrich Dottenheimer, zu benachrichtigen. Ihr Sohn ist als tapferer, treuer Deutscher in der Schlacht bei Luneville den Heldentod für seinen Kaiser gestorben. Möge Ihnen ein Trost sein, daß Ihr Sohn sein Blut freudig für sein Vaterland geopfert hat. Die Kompagnie wird leinen Namen unter den Helden nennen und sein Andenken in Ehren halten. Bostelmann, Leutnant u, Komp.-Führer. 4. Kompagnie, Jnf.-Regt. Nr. 70. Das dritte Stück unserer kleinen Sammlung liefert einen Beweis von dem wahrhaft patriotischen Geiste, der in dem Jüdischen Jugendbunde lebt. Es hat folgenden Wortlaut:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.