Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15 bezeichnet. Ja, ich bin so altmodisch, daß, wenn ich in einer Zeitung „Anschrift der Schriftleitung" lese, ich mir diese Wendunglängere Zeit überlegen muß, bis ich sie in „Adresse der Redaktion" übersetze, und kann eine solche Aenderung nur für recht kindlich erachten. Gewiß liegt in einer solchen Verwandlung, in der deutschen Bezeichnung aller Gegenstände, ein gesundes Streben, aber deutsche Hiebe und deutsche Waffen, deutscher Mut und deutsche Tapferkeit sind hundertmal besser und wirksamer, als diese künstliche Reinhaltung der deutschen Sprache. Da wir doch hoffen, daß in Zukunft die Welt nicht durch chinesische Mauern getrennt sein wird, so dürfte es gut, ja, fast notwendig sein, daß bei allem Geltenlassen eines vernünftigen Purismus doch die fremdländischen Ausdrücke beibehalten werden, die nun einmal ein Bürgerrecht in unserer Sprache erlangt haben. Auch die Presse hat durch das furchtbare Ringen der Volker stark gelitten. Von den Lügen und Unflätigkeiten der fremden Zeitungen will ich hier nicht sprechen. Es ist gewiß rühmend anzuerkennen, daß unsere militärischen Behörden diesem Erfindungssystem bei uns sofort die Spitze abgebrochen und nur solche Nachrichten zugelassen haben, die von der Zensur gebilligt werden, oder solche, die aus dem Großen Hauptquartier stammen. Aber unsere großen, führenden Blätter hätten in diesem Kriege eine gewaltige Aufgabe erfüllen können, haben sich jedoch ihres Berufes nicht gewachsen gezeigt. Natürlich muß man gerecht sein. In den ersten Wochen des Krieges litten unsere Zeitungen durch den Mangel an Arbeitern und hatten große Einbuße durch den starken Rückgang der Anzeigen (Inserate darf man ja sagen; vor dem schlimmen Worte „Annoncen" muß man sich in acht nehmen!). Infolge dieser Tatsachen mußte der redaktionelle Teil der Blätter stark eingeschränkt werden. Aber diese Uebel, die sich anfänglich zeigten, sind nun zum großen Teil behoben: Arbeitskräfte sind wieder vorhanden, und die Anzeigen haben sich in erheblichem Maße wiedergefunden, wenn auch nicht in dem Umfange wie in Friedenszeiten. Und doch wirken unsere großen Zeitungen nicht so erziehlich, wie sie es hätten tun können. Sie durften nicht immer bloß über den Krieg schreiben, sie durften nicht das Feuilleton im wesentlichen abschaffen oder es fast ausschließlich zu Kriegsbetrachtungen und den ewigen Berichten über Konzerte und Theater benutzen, sondern sie hätten die Pflicht gehabt, erbauliche, belehrende Artikel nach wie vor zu veröffentlichen. Neben der Rücksicht auf die vielen Hunderte von Schriftstellern, die ausschließlich von literarischen Arbeiten leben, und die es nicht vermögen, sich sofort umzukrempeln, hätte sie dazu bestimmen müssen die Rücksicht auf ihre eigene Ausgabe, nationale Erzieher zu sein. Glaubt man denn wirklich, daß in einer Millionenstadt wie Berlin — und ähnlich ist es auch in den größeren Provinzstädten — Hunderttausende unendlich begierig sind, in unseren erregten Zeiten schon beim Morgenimbiß zu erfahren, welchen Erfolg eine neuaufgeführte elende Posse gehabt, oder ob Herr X. schön rezitiert, Fräulein Aan ihrem Liederabend gut gesungen oder Herr Z. das Violoncello kunstvoll behandelt hat? Gerade unsere Zeit wäre angebracht gewesen, die Zeitungen zu belehren, daß nach solchen Lappalien im Grunde kein vernünftiger Mensch fragt. Unsere Zeitungen hätten begreifen sollen, daß es eine Kulturtat gewesen wäre, solchen Klatsch, wenn nicht geradezu zu vernichten, so doch zu beschränken, und die Menge, die dankbar genug für solche Gaben gewesen wäre, an das Andenken großer Männer oder gewaltiger Taten der Vorzeit zu erinnern, wissenschaftliche Entdeckungen und Erfindungen zu erläutern, die Kunde von fremden Ländern zu bereichern. Da es viele Hunderte von Menschen gibt, die im Grunde nichts anderes lesen als die Zeitung, so müßte diese in Friedens- und noch mehr in Kriegszeiten darauf bestrebt sein, dem Publikum eine Nahrung zu geben/ die bekömmlich und förderlich ist. Mr Woche. Berlin, den 5. Januar 1915. rrdem wir zum erstenmal die neue Jahreszahl niederschreiben, erinnern wir uns alles Herrlichen und Schönen, das das vergangene Jahr gebracht Hat. Die letzte Rekapitulation der Ereignisse findet sich in einem Aufrufe des Kaisers und in den Berichten, die von unseren Zeitungen am 1. Januar veröffentlicht wurden. Großes Hauptquartier, 31. Dezember. An das deutsche Heer und die deutsche Marine. Nach fünf Monate langem, schwerem und heißem Ringen treten wir ins neue Jahr. Glänzende Siege sind erfochten, große Erfolge errungen. Die deutschen Armeen stehen fast überall iit Feindesland. Wiederholte Versuche der Gegner, mit ihren Heeresmassen deutschen Boden zu überschwemmen, sind gescheitert. In allen Meeren haben sich Meine Schiffe mit Ruhm bedeckt; ihre Besatzungen haben bewiesen, daß sie nicht nur siegreich zu fechten, sondern — von Uebermacht erdrückt — auch heldenhaft zu sterben vermögen. Hinter dem Heere und der -Flotte steht das deutsche Volk, in beispielloser Eintracht, bereit, sein Bestes herzugeben für den heiligen, heimischen Herd, den wir gegen frevelhaften Ueberfall verteidigeil. Viel ist im alten Jahr geschehen: Noch aber sind die Feinde llicht niedergernngen; immer iteite Scharen walzen sich gegen unsere und unserer treuen Verbündeten Heere heran. Doch ihre Zahlen schrecken irns nicht. Ob auch die Zeit ernst, die vor uns liegende Aufgabe schwer ist, voll fester Zuversicht dürfen mir in die Zukunft blicken. Nächst Gottes weiser Führung vertraue ich auf die unvergleichliche Tapferkeit der Armee und Marine und weiß lnich eins mit dein ganzeil delltschen Volk. Darum unverzagt deul neuen Jahre entgegen, zil neuen Tateil, zll neuen Siegen für das geliebte Vaterland. gez. Wilhelm, I. R. Rund 600 000 Gefangen e i m I a h r e 1914. Berlin, 31. Dezember. Tie Gesamtzahl der beim Jahresschluß in Delltschkalld befindlichen llild internierten Kriegsgefangenen (keine Zivilgefangeneil) beträgt 8138 Offiziere, 577 875 Mann. Jil dieser Zahl ist ein Teil der auf der Verfolgung in Rnssisch- Poten gemachten sowie alle int Abtransport befindlichen Gefangenen noch nicht enthalten. Die Gesamtzahl seht sich folgendermaßen zusammen: Franzosen: 3459 Offiziere, 215 905 Mann; darunter sieben Generale. Russen: 3575 Offiziere, 306 294 Mann; darunter achtzehn Generale. Belgier: 612 Offiziere, 36 852 Mann; darunter drei Generale. Engländer: 492 Offiziere, 18 824 Mann. Die über Kopenhagen verbreitete angeblich vonl russischen Kriegsminister stammende Nachricht, daß in Rußland 1140 Offiziere inib 134 700 Mann deutsche Kriegsgefangene sich befänden, ist irreführend. Tie Russen zahlen in die Gesamtzahl alle Aivilgesangenen hinein, die zll Kriegsbeginn zurückgehalten und interniert ftnb. Die Kriegsgefangenen sind anf allerhöchstens 15 Prozent der angegebenen Sllunne zu veranschlagen; hierbei ist zu beachten, daß ein großer Teil auch dieser Gefangellen verwundet in die Hände der Russell gefallen ist. Die Kämpfe in b c n Karpathen. Wien, 31. Dezember. Amtlich wird bekanntgegeben: 31. Dezember, mittags. Gestern entwickelten die Russen in der Bukowina und iit den Karpathen eine lebhaftere Tätigkeit. Unsere Truppen halten anl Snczalvaftnsse, im oberen Gebiet des Ezeremosz; weiter westlich auf den Kammhöhen der Karpathen, danll im Nagh-ag-Tale bei Oekoermezoe, wo gestern wieder ein Angriff des Feindes unter schweren Verlusten scheiterte: endlich int obersten Gebiet der Latorcza und nördlich des Uszoker Passes. Westlich dieses Passes hat der Gegner, der seine Vorrückung hier einstellte, keinen Karpathenübergang in Händen. Jan Raume vom Gorlico ' und nordöstlich Zaklichn wurden die gestern mld and) in der vergangenen Nack)t fortgesetzten heftigen Allgriffe der Russell überall abgewiesen. An der Nida herrschte Ruhe. Weiter nordwärts schreitet der Angriff der Verbündeten fort.