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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-01-08 · Heft 2 (8.1.1915) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 2 (8.1.1915)
Date
1915-01-08
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Auf dein Gebiet der Wissenschaft hat der Krieg die tiefsten Wunden geschlagen. Denn auch vor den Geistesstätten macht er nicht halt. Wir hörten mit Entsetzen, daß eine Bombe in der Nähe der Pariser Nationälbibliothek eingeschlagen hätte. Wir vernahmen mit Trauer, daß die Bibliothek in Löwen, die unersetzliche Schätze enthielt, vernichtet ist. Es sei ferne von uns, den Deutschen die Schuld zuzuschreiben. Das ewige Diktum, das freilich durch seine Wiederholung nichts an seiner Gräßlichkeit verliert: „Krieg ist Krieg", gilt auch hier. Aber nicht bloß der Verlust oder die Bedrohung von Büchermassen ist zu beklagen, auch die wissenschaftliche Arbeit stockt. Gar viele finden keine Ruhe, sich großen geistigen Arbeiten zuzuwenden. Allerdings, die eigentlichen Arbeitsstätten sind nicht verlassen. Noch vor kurzem konnte man einen Bericht über eine Sitzung der königlich preußischen Akademie lesen, und nicht anders wird es in Leipzig, München, auch in den übrigen gelehrten Gesellschaften gehen. Daß wir von der Tätigkeit ausländischer Akademien nichts hören, ist begreiflich, das einzige, was wir vernehmen, ist, daß die französische Akademie die Deutschen aus ihren Reihen gestrichen hat. Die Universitätsräume sind seit einigen Wochen geöffnet, und wenn auch gar viele fehlen, Professoren und Hörer - übrigens nicht so viele, wie ängstliche Gemüter fürchteten, denn es kommen immer noch ganz stattliche Zuhörerscharen zusammen — so wird vielleicht gerade angesichts des Ernstes der Zeiten mit erhöhter Würde und doppeltem Fleiß gearbeitet. Von den Lehrern kann man das gewiß sagen; ob Hörer und Hörerinnen die Ausdauer haben werden, bei großen, wichtigen Nachrichten — hoffentlich nur siegverkündenden - in den Hörsälen auszuharren, ob sie schließlich nicht doch lieber von der Straße oder den Kneipen gelockt werden, steht dahin. Jedoch der Buchhandel stockt durchaus. Von gelehrten Zeitschriften, auch von einigen Lieferungswerken, werden wohl die nötigen Hefte gedruckt, aber daß ein Verleger sich jetzt entschließen möchte, ein wissenschaftliches Werk, das längst angenommen war. zu drucken und herauszugeben, oder neue Verträge zu schließen, dürfte kaum möglich sein. Das schlimmste jedoch ist, worauf wir früher so stolz waren, die Internationalität der Wissenschaft. Es ist begreiflich, daß infolge des Weltkrieges das nationale Empfinden steigt; leider geht es so weit, mutwillig alle internationalen Bande zu zerschneiden. In diesem Sinne innß man den Schritt hervorragender deutscher Gelehrter und Künstler mißbilligen, ihre akademischen Würden, das Ehrendoktorat und die Mitgliedschaft in auswärtigen gelehrten Gesellschaften, aufzugeben. Diese Würden waren ihnen nicht von ausländischen Herrschern verliehen, nicht von den kriegführenden Staaten, sondern von Gelehrten und wegen ihrer Gelehrtentätigkeit. So gut unsere deutschen Professoren sich vollständig auf ihren nationalen Standpunkt stellen, das Recht Deutschlands verteidigen, so gut müssen englische Schriftsteller und Gelehrte gegenwärtig, wenn sie nicht vaterlandsfeindlich genannt werden wollen, sich auf die Seite ihres Vaterlandes stellen. Aber die Stille in den Sälen der Wissenschaft sollte nicht durch lauten Zuruf des Streites gestört und entweiht werden. Wenn wir diese vollzogene Scheidung betrachten, so müssen wir bekümmert fragen: Was soll aus den großen Unternehmungen der vereinigten Akademien und gelehrten Gesellschaften der Welt, auf dem Gebiete der Philologie, der Naturwissenschaft und der Medizin werden? — Daß während des Krieges alles ruht, ist begreiflich, aber lote sollen später die Bande wieder angeknüpft werden, wenn sie nun zerrissen sind? Freilich sind wir in neuester Zeit belehrt worden, wie unwürdig sich Engländer und Franzosen bei solchen internationalen wissenschaftlichen Arbeiten benommen haben. Hermann Dikls hat dargetan, lveshalb es mit den Arbeiten der im Jahre 1890 in Wiesbaden begründeten „Internationalen Assoziation der Akademien" nicht vorwärts ging. Er berichtete, I daß die Versuche, die von manchen Seiten angebotenen Geld-! mittel znm allgemeinen Besten nutzbar zu machen, hauptsäch- | lich an der französischen. Akademie scheiterten,, die offenbar! einen Wink ihres Auswärtigen Amtes erhalten hatte,-alles zu! vermeiden, was eine wirkliche Bindung der einheimischen Akademien mit denen des Auslandes zur Folge haben könne. Er teilte mit, daß, als im Jahre 1907 ein direkter internationaler! Handschriftenleihverkeh.r ins Werk gesetzt werden sollte, und die! meisten Akademien bereits zugestimmt hatten, Frankreich! und England, die sechs Jahre vorher freudig! z u g e st i m m t hatten, sich ausgeschlossen haben, j Seit der Thronbesteigung Eduard VH. wurde das Wirken der j Assoziation trotz des ehrlichen Willens vieler einzelner unab-! hängiger Gelehrter durch das Mißtrauen der Ententemächte i lahmgelegt. Zur Wissenschaft gehört die Sprache. Es mag manchem; seltsam erscheinen, wenn wir sagen: auch unsere Sprache i leidet. Wenn wir in den Zeitungen lesen, daß ein Kompagnie- | chef einer Artilleriebrigade das Eiserne Kreuz erster Klasse erj halten hat, so werden wir hoffentlich an unserenr Patriotismus j nicht irre. Denn gerade im Soldatenwesen herrscht die franz zösische Sprache durchaus vor: Division, Munition, Leutnant, j Infanterie, Kavallerie, Artillerie sind alles fremdländische, meist j französische Ausdrücke. Der Kampf gegen die Fremdj Wörter i st nur insoweit berechtigt, a l s e r sich gegen solche Ausdrücke richtet, die unnötig, | u npasse n d oder verderblich sin d. Dieser Kampf i war am Ende des 18. Jahrhunderts nötig, da unsere ganze ■ Kultur durch das Französische bestimmt ivar. Aber er ging : schon in den Bestrebungen der damaligen Puristen, z. B. Joachim Heinrich Eampes, viel zu weit. Noch heute gilt das Wort, das damals gegen den Genannten in den Xenien erscholl: Siiiureiä) bist du, die Tprache von fremden Wörtern zu säubern. Nun, so sage doch, Freund, wie inan Pedant uns verdeutscht. Und derselbe Goethe, der an jenem Xenion mitbeteiligt war,; hat 1814 — also gerade von 100 Jahren — das kräftige Wort gesprochen: An die T . . . und D . . . (Teutschen und Deutschen). Verfluchtes Volk! Kaum bist du frei, To brichst du dich in dir selbst entzwei.; War nicht der Not, des Glücks genug. Deutsch oder teutsch, du wirst nicht klug. Diese Bewegung gegen die Fremdwörter, begonnen in den französischen Revolutionsstürmen, erstarkte in den Befreiungskriegen, da Ernst Moritz Arndt die Deutschtümelei nicht bloß in Sprache, sondern auch in Kleidung und Sitte empfahl; sie hob sich von neuem 1870, aber genützt hat sie herzlich wenig, und die Tatsache, daß in den letzten Jahren des vorigen und den ersten dieses Jahrhunderts sie auch von der Verwaltung angenommen wurde, hat uns kaum mehr als die Errungenschaft von Abteil statt Coupe, Bahnsteig statt Perron und Fahrschein statt Billett verschafft. Es mochte in den ersten Zeiten der Erregung des Weltkrieges zuzuschreiben sein, wenn Hotels, Kinotheater, Cafes ihre fremdsprachlichen Schilder veränderten; ich persönlich hätte nichts dagegen, von Ausdrücken wie: Manicure und Pedicure, Fournisseur und ähnlichem erlöst zu werden; aber ob ich in einem Restaurant oder in einem Speisehaus esse, ob ich auf der Speisekarte Sauce mit Tunke übersetzt sehe, kann ich für übermäßig vaterländisch nicht ausgeben. Es kann doch nur ein Lächeln erregen, wenn eine Firma Old England sich jetzt „Deutscher Kronprinz" nennt, und wenn ein Friseur, der es nicht so weit gebracht hat, sich „Haarkünstler" zu nennen, und gar nicht daran denkt, bloß deutsche Waren zu verkaufen, sondern ganz froh ist, wenn er seine französischen Seifen und englischen Pomaden loswerden kann, sein Geschäft als „Haarhaus"

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