Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1915)
- Date
- 1915-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 2 Allgemeine Berlin, 8. Januar 1915 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-prers: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig PHUippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Unflat* Krieg und Kultur. Von Ludwig Geiger. — Die tflllJllU* W o ch e. — Feldpostbriefe. — Alessandrv D'Ancvna. Vrn Prof. Dr. Ermanno Loevinson in Rom. — Die Aufgaben der jüdischen Frau unter den modernen Zeitverhältnissen. Von Siddy Wronfky, Berlin-Schöneberg. — Feuilleton: Der neue Christ. Roman von Peter UjvLri. Uebersetzt von Rosa Trencs^ni. — Sprechsaal. — Bemerkung der Redaktion. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Glogau, Düsseldorf, Solingen, Lübbecke, Seesen a. Harz, Hannover, Warschau. — Bon Nah und Fern. Krieg und Kultur. Von L n d w i g G c i g e r. I. beiden Worte, die an der Spitze dieser Studie stehen, scheinen nicht nur, sondern sind, an und für sich betrachtet, vollkommene Gegensätze. Die Kultur, so kann man gleich am Anfang sagen, ohne sich über den Begriff des Wortes im einzelnen klargeworden zu sein, baut auf, der Krieg zerstört und vernichtet. Und doch wäre es entsetzlich, ja, gar nicht auszudenken, wenn man annehmen wollte, daß alles zugrunde ginge, was seit Jahrhunderten oder gar seit Jahrtausenden aufgebaut und gefördert worden ist. Darum mag man versuchen, die Wirkung des Krieges ans die Kultur näher darzulegen. Zuvörderst haben wir zu fragen: was ist denn Kultur? Kultur ist nicht etwa, wie die Deutschtümler meinen, ein aus dem Französischen, sondern aris dem Lateinischen entnommenes Wort und heißt: Pflege. Unter Kulturgeschichte verstand man früher höchst einseitig und falsch die Entwicklung der Literatur und Kunst; richtig verstanden gehört zur Kultur nicht bloß die Pflege des Geistes, sondern alles dessen, was der Menschen Fleiß erzeugt, also auch Bodenarbeit, Handel und Industrie. Betrachtet man zunächst diese äußeren Erscheinungen der Kultur,'so muß man leider bekennen, daß der Boden die fürchterlichsten Verwüstungen erlitten hat und noch erleidet. In Belgien, Nord- und Mittelfrankreich, in unserem armen Ostpreußen, in Polen und Galizien, in Serbien und in der Bukowina gleichen die Felder und Landschaften, in denen seit nunmehr fünf Monaten der Krieg tobt, einer vollkommenen Wüste. Man möchte sagen, es sieht dort noch schlimmer aus als in einer Wüste. Denn wenn auch die Wüste als das Symbol der vollkommenen Unfruchtbarkeit gilt, schlimmer als die Gegenden, in denen niemals etwas wächst, sind die, wo statt der ehemaligen Fruchtbarkeit das Grauen herrscht. Wo seit Wochen Millionen hausen, Schützengräben aufwerfen, durch Kanalöffnungen den Boden überschwemmen, wo durch Wochen und Monate hindurch Tausende und aber Tausende hindurcheilen, Kanonen und schwere Lastwagen gefahren sind, da ist für Jahre, ja, man darf wohl sagen für Jahrzehnte, alles ver-! nichtet. Die Früchte der Bodenkultur sind auf kaum absehbare! Zeiten zerstört. Auch H a n d w e r k und H a n d e l sind aufs schlimmste gei schädigt. Im Kriege von 1870 war der Verkehr offen mit allen! Ländern, mit Ausnahme Frankreichs. Augenblicklich ist er nur : mit unseren Bundesgenossen und den neutralen Ländern ge- : öffnet. Der ganze überseeische Handel ist lahmgelegt, denn die j Engländer, aller Verträge nicht achtend, bohren nicht nur feindliche Handelsschiffe in den Grund, was auch nur freilich getan haben, soweit cS uns möglich war, sondern halten auch auf offener See und in ihren Häsen die Schiffe neutraler Mächte an und konfiszieren, nach Kriegsgut spähend, selbst die Waren,! die mit dem Kriege nichts zu tun haben, und, was fast noch j schlimmer ist als die Sperrung der Handelswege: überall i herrscht Unlust und Mangel an Mut. Denn welcher Kaufmann! wagt es, sich mit Waren zu versehen, die zu dem augenblick-! lichen Bedürfnis nicht nötig sind, wer Aufträge auszuführen, I selbst nach Ländern, die nicht mit Krieg überzogen sind, weil! er das Risiko nicht laufen will, für das Gelieferte keine, oder j eine beschränkte, mindestens in sehr fernen Zeiten eine Zahlung I zu erhalten.! Ich glaube, es ist noch niemals dagewesen, daß sämtliche! Börsen während eines Zeitraumes von vollen fünf Monaten ■ geschlossen waren. Denn daß die Börsen in London oder Pari» - (Bordeaux) wieder geöffnet sind, ist doch nur ein Scheinj Manöver, um das wankende Vertrauen der Bewohner Frantj reichs oder Englands wiederherzustellen oder zu stärken. Kei wiß war es nötig, ja notwendig, der Spekulationswut derer Einhalt zu tun, die den Tiefstand der meisten, selbst führenden Papiere und die für wenige andere herrschende Hochkonjunktur benutzt hätten, um den Nativnalwohlstand zu schädigen und sich selbst zu bereichern. Aber wieviel Tausende sind durch diese, wenn auch notwendige Maßregel in ihrer einzigen Erwerbsmöglichkeit geschädigt, wie viele andere für lange Zeit um ihren Wohlstand gebracht, ja geradezu ruiniert. Freilich nicht alle, die sich mit Handel und Gewerbe beschäftigen, brauchen zu feiern. Alles, was für den Krieg, für Munition, für Kleidung und Ernährung der Krieger im Felde nötig ist, wird in schier undenklichen Massen gefordert, die Lieferanten haben goldene Tage, wenn auch sollen wir sagen glücklicher- oder unglücklicherweise? -- die Millionenernten, wie sie die Armeelieferanten von 1870 einheimsten. vorüber sind. Gerade die Vernichtung unseres Handels ist das Ziel unseres schlimmsten Feindes: Englands. Aber Deutschlands wunderbare Entwicklung, die sich auch bei der Kriegsanleihe so glänzend bewährt hat, glänzender, als selbst die Berufsoptimisten zu hoffen wagten, hat es fertig gebracht, im Innern und mit den neutralen Ländern eine immer noch recht respektable Tätigkeit zu entwickeln, und es ist zu hoffen, daß, wenn uns endlich einmal der Friede beschert wird, diese großartige Tätigkeit aufs neue wunderbare Blüten treiben wird.