Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Berlin, II. Dezember 1914 78. Jahrgang Nr. 50 Der Gemeindebote. Beilage zur. „Allgemeinen Leitung des Judentums". korrkhwnden?m und Mschrichten. SkUtschlsnd. ei. Berlin, 8. Dezember. Am 28. v. Pc", abenos fand im zweiten Verwaltungsgebäude der jüdischen Gemeinde die sehr stark besuchte Versammlung des Verbandes für jüdische W o h l f a h rtspflege statt. Herr Justizrat Meyer begrüßte die Erschienenen, verwies auf die große Zeit und den gewaltigen Kampf, der bis heute bereits so viele Opfer erforderte und betonte, daß der Verband gerade in diesen Tagen des starken wirtschaftlichen Niederganges eine intensive Tätigkeit zu entfalten habe, um die Widerstandskraft des Volkes zu stärken, den für uns in: Felde stehenden Soldaten die schwere Sorge für Weib und Kind nach Möglichkeit abzunehmen, und die infolge der Kriegszeit gestiegene wirtschaftliche Not zu lindern. An. die Begrüßungsansprache schloß sich der Geschäftsbericht, dem unter anderem zu entnehmen ist, daß dein Verband jetzt 97 Vereine angehören. Schmerzlich empfunden sei der Heimgang der Frau Elise Hermann, die sich große Verdienste um die Institution erworben hat. Zu Ehren der Verblichenen erhebt sich die Versammlung von ihren Sitzen. Dann ergriff Herr Justizrat Breslauer das Wort zu seinem Vortrag: „Die Kriegshilse in der jüdischen Gemeinde". „Ohne weiteres scheide aus seinen Betrachtungen alles aus, was die einzelnen Gemeindemitglieder für die interkonfessionelle Kriegswohlfahrtspflege geleistet haben. Rühmende Beispiele nach dieser Richtung seien Frau Direktor Minden, die 100 000 Mark, und Professor Liebermann, der 60 000 Mark für diese Zwecke- .gespendet habe. Es ist nicht unsere Aufgabe, alle Not, die Juden trifft, zu beseitigen, das ist die Ausgabe des Staates und der Stadt, es ist kein Unterschied, ob Jude oder Christ, die Kugel macht auch keinen Unterschied. Demnach bliebe uns nur die Aufgabe, die Lücken auszufüllen. Das, was unsere Wohltätigkeitsinstitute nach dieser Richtung hin geleistet haben, erheischt die größte Anerkennung. Der Charlottenburger jüdische Religionsverein hat Wollsachen gestiftet, desgleichen der Verein G'wul Ta uw, der Frauenbund hat seine Räume dem Nationalen Frauendienst zur Verfügung gestellt, der Frauenverein West hat Speisemarken gewährt, der Frauenverein der Logen für 240 Mark Milch, Feuerung für 802 Mark und sonstige Naturalien für 1140 Mark gespendet, das Mädchenhaus Pankow hat 6 Kinder beköstigt, Hemden und Strümpfe gespendet, die Freie Vereinigung für das orthodoxe Judentum Mittagstifch mit vielen Freimarken, das Hilfskomitee der Zionistischen Vereinigung für Deutsche land entfaltete eine rege Hilfstätigkeit für die russischen Juden, es gewährte dem Volksverein ein Darlehen von 500 Mark, errichtete einen Wohnnngsnachweis, stellte Studenten und Kaufleuten Darlehen zur Verfügung, an den Feiertagen wurden Studenten gespeist, Familienfürsorge wurde getrieben, es hat einen Betrag von 8000 Mark im ganzen ausgegeben. Ter Schweriner Hilfsverein stellte 10 000 Mark für Verschiedenes zur Verfügung Außerordentlich belastet war der Volksverein. Von überall her strömten Leute zusammen, teils aus den Bädern, teils aus den besetzten Landesteilen, sogar aus Schlesien und Posen, dann Flüchtlinge aus Belgien, auch Engländer, alles wollte untergebracht werden. Der Volksverein hat die Aufgabe in sehr schöner Weise gelöst. Er hat nach und nach 40 000 Personen rmtergebracht» es wurden ihm zu diesem Zweck sieben Häuser zur Verfügung gestellt, eines sogar vom Polizeipräsidenten. Von verschiedenen Seiten sind. dem> Verein Gelder zuaegangen. Auch das Rote Kreuz beteiligte sich an den Spenden mit 1200 Mark, weil der Verein 200 ostpreußische Christen in seinen Aufnaihmehallen am Zoo untergebracht Hatte. Als zweite sehr segensreich wirkende Institution ist der von den Logen errichtete Verein für Arbeitsnachweis zu nennen. In der ersten Zeit nach der Kriegserklärung wurden Unzählige brotlos. Der Verein hat 293 männliche und 370 weibliche Arbeitskräfte untergebracht, 80 Personen wurden für den Straßenhandel ausgestattet, den Lenken wurden zunächst kostenlos Landkarten, Bilder, Postkarten usw. geliefert, späterhin mußten sie einen geringen Preis für die Ware bezahlen. Die Adaß Jisroel-Gemeinde hat ihr Krankenhaus für 26 Verwundete als Reservelazarett eingerichtet und der Militärbehörde zur Verfügung gestellt, ferner hat sie 100 Kinder iu Familien zur Speisung nntergebracht, Darlehen gewährt, eine Speisehalle in der Grenadierstraße errichtet, in der bis jetzt 11800 Freimarken ausgegeben wurden, täglich speisen 250 bis 400 Personen dort, 200 Portionen werden täglich für Ruhleben geliefert. Außerordentlich viel Gutes hat die Loge geleistet. Sie hat das ganze Logenhaus auf eigene Kosten als Lazarett mit 125 Betten eingerichtet, Aerzte, Apotheker, Helferinnen haben sich aus Logenkreisen ehrenamtlich zur Verfügung gestellt. Tie Loge beteiligt sich in hervorragendem Maße an einem Lazarettzuge, der zurzeit von der Großloge eingerichtet wird. 6000 Mark wurden der Kriegsspeisehalle der Tohnbee- Halle überwiesen, 1000 Mark erhielt der Volksverein, verschiedene Vereine erhielten kleiner» Summen. Aeußerst umfangreich gestaltet sich die Hilfeleistung st"' .n Not geratene Logenmitglieder. Die Toynbee- Halle gibt in ihrem Knegsspeisehaus täglich 400 bis 500 Portionen zum Preise von 10 Pfennig ab, der Selbstkostenpreis beträgt 40 bis 50 Pfennig, die Mehrkosten werden vom Verein gedeckt." — Nun kommt der Vortragende zu der Tätigkeit innerhalb der Gemeinde. „Der Vorstand hat eine Kriegshilfskommission eingerichtet. Ter erste Grundsatz war der, daß alles, was die Kommission gewährt, nicht als Unterstützung iu Betracht kommt. Der Hilfesuchende soll nicht zum Armen werden. Die Gemeinde rechnet es sich zur Ehre an, zu helfen. Diese Kommission ist nicht mit der Armenverwaltung verbunden, weder räumlich noch sachlich. Zuerst wurde die Kommission von Russen überflutet, die sehr reich und sehr arm waren, sie befassen die kostbarsten Schmucksachen, Kreditbriefe bis 100 000 Rubel, aber kein Geld. Tie Gemeinde hat in fast 100 Fällen die Schmucksachen beliehen, viele sind inzwischen wieder eingelöst worden. 9600 Russen sind bereits heimgekehrt, 12 000 befinden sich noch hier, von diesen werden 6000 in nächster Zeit Heimreisen. Weitere Ausgaben der Kommission war die Ermittelung verloren gegangener Angehöriger, Ausstattung mittelloser Soldaten. Drei Verwundete hatten um Tefillim gebeten, ein Verwundeter, der wieder ins Feld ziehen sollte, bat um eine Unterstützung, um sich seine Zähne plombieren zu lassen. Die schwierigste Ausgabe hatte die Münnerabteilung. Eine große Anzahl brotlos gewordener Agenten, Kaufleute usw. meldeten sich, ein Herr mit einem bisherigen Einkommen von 15 000 Mark bat um eine Portierstelle. Von 273 Gesuchen wurden 83 durch den Verein für Arbeitsnachweis erledigt, 37 Antragsteller wurden durch ein einziges Mitglied, Herrn Berthold Kirschstein, mit Näharbeiten beschäftigt, 42 Personen erhielten Gelduuterstützungen, die anderen Gesuche wurden teils anderen Organen zugewiesen, teils anderweit erledigt. Einem Herrn wurde sogar zur Etablierung verholfen. Der Frauen- und Kiu'derfürsorge stehen F r a u I u stizrat M e h e r und Frau I u st i z r a t Lilie nt h a l v o r. Sie teilten die Stadt in 12 Bezirke, jeder Bezirk arbeitet selbständig, darf aber keine Geldunterstützungen gewähren. Auch diese Abteilung leistet außerordentlich viel. Es wurden ca. 7000 Speisemarken, 650 Kohlenscheine, eine große Anzahl Lebensmittel verausgabt. Im Westen ist ein Mittagstisch errichtet worden, in dein bisher 8000 Personen für 25 Pfennig gutes Essen erhielten. 80 Strickerinnen werden beschäftigt, eine Nähstube mit 12 von der Singer Compagnie gratis zur Verfügung gestellten Nähmaschinen wurde eingerichtet, in der 114 Arbeiterinnen arbeiten, 70 Frauen haben anderweite Stellen erhalten, im ganzen wurden 278 Frauen und Mädchen versorgt. 143 Freitische wurden beschafft. Eine edle Spenderin, Frau G o l d s ch m i d t, bat, ihr an jedem Montag 4 Mädchen zuzuschicken, die sie vollständig einkleidet. — Tie Hauptabteilung der Kriegshilfskommission hat 1843 Gesuche bearbeitet, 147 Anträge wurden äbgelehnt, teils anderen Kommissionen überwiesen: im Bewillignngsfalle wurden durchschnittlich 34 Mark gezahlt, 227 Personen erhielten mehr als 50 Mark. Ferner hat die Gemeinde dem Roten Kreuz 25 000 Mark überwiesen, der Kommune von Berlin 60 000 Mark, dem Volksverein 15 000 Mark, für die ostpreußischen Religionslehrer wurden 1000 Mark gespendet. Die einberufenen Beamten der Gemeinde erhalten ihr Gehalt weitergezahlt. Das Krankenhaus hat 26 Betten und 5 Ofsizierszimmer hergegeben, das alte Krankenhaus wurde dem Volksverein zur Verfügung gestellt. Die Gemeinde hat 2 Millionen Kriegsanleihe gezeichnet. Es würde zu weit führen, alle Kleinarbeit, die geleistet wird, einzeln aufzuführen: Beschaffung von Gebetbüchern, von Unterhaltnngslektüre,