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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-11 · Heft 50 (11.12.1914) · p. Seite (599)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 50 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
Seite (599) (sequence 11)
Language
German
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r&sm, Drr neue Chrilt. Roman von Peter Ujväri. Uebersetzt von Rosa Treucseni. (Fortsetzung.) Und auch Rebbe Reb Herschele war niedergestürzt, umfing die Thora mit seinen Armen, hüllte sie in den Tallis und schluchzte still vor sich hin. Und auch die Leute schluchzten: Greise, Jünglinge, Männer und Kinder. Und auf der Galerie hinter dichten Vorhängen schluchzten die Frauen. Und an den beklommenen Herzen nagte der brennende, anklagende Gedanke: Das ist Gottes Strafe. Sie glaubten den fürchterlichen Schiedsspruch zu hören: Lieber möge sie im Staube sein, als unter euch. Lieber reiße ich sie von mir los, nur unter euch soll sie nicht sein. Sie ist ein Strahl meines Lichtes, doch lieber möge er erlöschen, als unter euch sein, denn ihr seid Unwürdige. Mein Leben lebt in ihr, doch ich ersticke es, damit ihr eure Herzen nicht daran wärmt. Mein Geist spricht aus ihr, doch ich lasse ihn verstummen, damit er zu euch nicht sprechen soll, denn ihr seid ein halsstarriges Volk und neiget zur Sünde. Ihr brauchet nicht inein Licht, sondern 'das Feuer des Dämons, ihr brauchet nicht ineinen Geist, sondern jenen des Versuchers. Wozu soll euch mein Erbe? Lieber möge es im Staube sein, als unter euch. Und jetzt richtete sich Rebbe Reb Herschele auf, und. was die Menge dachte und 'fühlte, das donnerte er ihr mit der erbarmungslosen Wahrheitsliebe der Propheten entgegen: „Das ist Gottes Strafe." Diese schreckliche Anklage wirkte auf sie gleich einem Feuerbrand. „Das ist die Strafe," fuhr der heilige Mann in seinem Gottesurteile fort. „Das Unkraut wächst nur in giftigem Erdreich. Ihr seid das giftige Erdreich. Nur im Kote fault der Samen. Ihr seid der Kot, der die Fäulnis verursacht. Wehe euch und wehe jenen, die nach euch kommen. Womit könnet ihr Gottes Zorn versöhnen? Ihr verstehet die Sprache der Urväter nicht mehr. Ihr stammelt, ihr stottert seelenlose Worte, die Gott nicht versteht. Weinet und trauert, denn eure Seelen sind in Leichnamen versteckt. Weinet und trauert, denn was ehemals euer Schmuck gewesen, ist in den Staub'gesunken. Wo ist der Väter Reinheit hingekommen? Wo ist der Väter Glaube hingekommen? Die Scham, das Erbarmen, die Demut, wo sind sie hin? Wo sind 'die festen Männer, die standhaften Frauen, die unberührten Jungfrauen?, Ihr jaget Wonnen und irdischen Gütern nach. Ihr wollet Geld haben und andere Eitelkeiten, Macht und anderes Vergängliche. Ihr seid Juden und schämet euch dessen. Fremdlinge seid ihr uttd wollet nicht, daß man es euch ansehen soll. Weinet und trauert." Der fürchterliche Mann rollte in den Seelen der sündenbewußten Menschen schreckliche Visionen auf. Seine Ekstase hatte sich ihnen mitgeteilt, und sie brachen unter der Wucht der quälenden Selbstanklagen zusammen. Und ihre Zerknirschung war vollständig, als er sich an die Bundeslade lehnte und seinen linken Arm, in voller Länge ausstreckend, an die Tür des Heiligtums preßte, wie um dieses vor den Schändern zu schützen. „Was wollet ihr hier?" donnerte er der Menge zu. „Wozu soll euch das Sabbatgewand? Wozu der heuchlerische Ausdruck festlichen Friedens auf euren Gesichtern? Gottes Sabbat ist euch verloren gegangen. Ein Trauertag ist heute, kein Sabbat. .Weinet und trauert! Setzet euch auf die Erde hin, zerreißet eure Kleider und trauert. Denn die Krone ist euch vom Haupte gefallen. Denn euer Schmuck ist hin. Denn euer Teuerstes und Heiligstes ist in den Staub gesunken. Weinet und schlaget euch die Brust und saget: Oschamnu, bogadnu .. ." Und was vielleicht noch nie geschehen ist, seitdem das Judeuvolk zersprengt und zersplittert lebt, dieser heilige Mann bewirkte es, daß sich die festliche Sabbatstimmung in eine Trauerseier umwandelte und man, wie an Fasttagen, laut Buße tat. Die Leute zogen den Tallis über den Kopf, preßten die Stirn an die Bank und schlugen sich die Brust: „Oschamnu, bogadnu, gosalnu." Und sie weinten und trauerten darüber, daß die heilige Thora um ihrer Sünden willen zu Boden fiel, und es war ihnen, als ob ihr großer Schmerz Linderung erfahren und der süße Trost der Sündenvergebung ihre heißen Stirnen geküßt hätte. Und auch die Worte des heiligen Mannes schmolzen in versöhnte, besänftigte, vertrauensvolle Milde, als er die Schlußverse hersagte: „Denn du verzeihest Israel und bist nachsichtig gegen Jcschuruns Stamm in allen Geschlechtern, und außer dir haben wir keinen verzeihenden König, nur dich allein!" Dann hob er die Thora wieder empor und sprach den Glaubenssatz: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig!" Und die Versammlung sprach es ihm nach. Dann trat David Gutlohn aus der Reihe, ging zur Bundeslade, verneigte sich tief vor der Thora und küßte die Heilige Schrift. Alle inachten es ihm nach, Buchsbaum kam zuletzt. Auch er wollte Gutlohns Beispiel nachahmen und verneigte sich, doch in: Begriffe, die Samthülle der Thora zu berühren, taumelte er zurück. Er griff sich ans Herz und schrie auf: „Schema, Jissroel! Dus is doch Littauers Sefer!"') Eine unbeschreibliche Verwirrung entstand daraus. Abermals drängten sich die Leute zu der Bundeslade. Die Bänke krachten, wie sie sich schoben und stießen. Die Schwächeren wurden beiseite gestoßen, niedergetreten. Wildes, verzweifeltes Schreien gellte durch die Lust. Alles schrie, alles jammerte. Aus den zerknirschten Büßern waren leidenschaftliche Rächer geworden. Flüche brannten auf den Lippen, welche vorher heilige Worte der Sühne gestammelt hatten. „Littauers Sefer!" „Das ist nicht wahr!" „Es ist ja wahr!" „Darum ist es gefallen!" „Eraus damit! Eraus damit!" „Chayzens fün de Hand!"') „Das ist Gottes Strafe!" „E wat üns noch besser strufen!"") „Eweg damit, Rebbe, eweg, damit!" „Me brauchen den Meschumeds Sefer nit." 4) So gärte es in der Menge. Und es fanden sich Verblendete, die, von Zorn gestachelt, sich auf den heiligen Mann werfen wollten, um ihm mit Gewalt Littauers Thora zu entreißen, die ihnen schon so viel Verdruß bereitet hatte und ihnen noch Gott weiß was für Unheil bringen wütde. Nur war es sehr schwierig, dem Rabbi nahezukommen. Vor ihm stand Reb Elkele und teilte den Leuten Ohrfeigen ans, daß sie die Stiegen hinunterpurzelten. Und die Nüchternen beschwichtigten die Menge. Was sie denn wollten? Sie mögen doch h Sefer --- Buch — Heilige Schrift. -’) Entreißt es seiner Hand. ■') Er wird uns noch mehr strafen. *) Wir brauchen die Thora des Abtrünnigen nicht.

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