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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-11 · Heft 50 (11.12.1914) · p. Seite (597)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 50 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
Seite (597) (sequence 9)
Language
German
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_ Türken, Mohren", doch ist aus einzelnen Bestimmungen, die sich nur auf die Israeliten bezogen, klar zu ersehen, daß diese vor allem gemeint waren. Nach dem Aussterben der einsichtsvollen Mediceer traten die Lothringer das Erbe mit Würde und Verständnis an. In einem Briefe vom 13. Juli 1737 wurde der Stadtverwaltung von Livorno das Interesse der dortigen jüdischen Gemeinde warm ans Herz gelegt. Der Herzog Franz Stephan, der später als Franz I. deutscher Kaiser ward, die Großherzöge Leopold und Ferdinand III., deren — recht mäßige Statuen heute auf den großen Plätzen der neuen Stadt prangen, ließen sich die Vorschriften und die,'Geschäftsordnung der Universitä Jsraelitica vorlegen und bestätigten alle früher gewährten Prärogative. Daß die Könige des dritten Italiens diese Vorrechte noch übertrumpften, braucht nicht erst gesagt zu werden. Sprechen doch die Tatsachen in einem Lande, das die Geistesfreiheit nicht nur theoretisch pflegt, überzeugend genug für die Fortschritte der Menschheit und der Menschlichkeit. In zwei aufeinander folgenden Jahren fuhr ich nach langer Wanderschaft im Hasen von Livorno ein. Die Festungswerke, zu denen Antonio da Sangallo im Aufträge des Kardinals de Medici im Jahre 1506 die Zeichnungen geliefert hatte, sah ich aus blauem Meere aufragen. Das eine Mal führte mich der Weg von Spanien, das andere Mal von Korsika an Italiens unwiderstehlich anziehende Küste. Der gleiche Eindruck wiederholte sich: Intensiv machte sich die Luftströmung produktiven Lebens bemerkbar, auffallend und erfreulich nach der Ruhe des Kirchhofs in Ländern, deren natürliche Kräfte künstlich lahmgclegt worden. Livorno trägt die Physiognomie seines Werdegangs sonnenklar zur Schau. Eine Handelsstadt mit 'modern angelegtem Hafen, in dein zahlreiche Schiffe ankern und manövrieren, empfängt den Fremden. Er sieht große Plätze, Menschen, die mit viel Gebärden ihre Worte unterstützen, er erfreut sich an einem Spaziergang, der am weiten Meer entlang führt und den Blick auf die Inseln Elba, Gorgona und Eapraja gestattet. Es fehlt nicht an trefflichen Hotels und elektrischen Bahnen, von denen die eine sich durch fruchtbare Gegend zu einem berühmten Wallfahrtsort heraufwindet. In der Hauptstraße vermag sich der abgerissene Reisende für wenig Geld neu zu equipieren, dort ist auch an Luxusartikeln kein Mangel. Viele der Läden haben jüdische Inhaber. Denn die Israeliten, die durch das ganze Mittelalter für die geschicktesten Seidenweber und Purpurfärber gegolten haben, genießen noch heute im Süden den besten Ruf im Betrieb der Seidenfabrikation. Zu einem Kunstzentrum hat sich Livorno niemals aufgeschwungen. Die Synagoge — dies mag als charakteristisches Merkmal dienen — ist das einzige Gebäude, dem die Reisebücher ein Lob und einen auszeichnenden Stern gönnen. Der Tempio Jsraelitico, wie es heißt, die schönste Synagoge der Welt, liegt leider eingebaut zwischen nüchternen Häusern, welche die Fassade nicht zum vollen Ausdruck ihrer Formenreinheit gelangen lassen. Obgleich der Tempel erst aus dem Ende des 16. Jahrhunderts stammt, konnten mir meine zahlreichen Führer den Namen des Erbauers nicht verraten, und obgleich seine Pracht auf fünf verschiedenen Postkarten festgebannt ward, ist es mir auch sonst nicht gelungen, von dem anonymen Architekten etwas zu erfahren. Das Innere des Bethauses ist weiträumig und weniger stimmungsvoll als die kleinen versteckt liegenden Schulen von Rom und Venedig. Sehr viele Details, von der Decke herabhängende, ewig brennende Lampen, eine stattliche Orgel, silberne, mit Kerzen besteckte Kandelaber, gestickte Teppiche, rotsamtene Decken auf dem Altar und von Brüstungen herabhängend, erinnern an den katholischen Kultus der Kirchen des Landes, der sich auf der gleichen uralten Grundlage aufgebaut. Nur ein verhutzeltes, gar verwunderliches Männlein, das bedeckten Hauptes, Gebetriemen in zitternden Händen, unter dem Pult für Vorsänger auf einem hölzernen Bänkchen kauerte und von uns nicht die geringste Notiz nahm, erinnerte an das Judentum in seiner unverfälschten tragischen Form. Man sagte mir, daß der stille Beter blind, arm und ergeben sei, das Urbild des Hiob, der starb „alt und des Lebens satt". Die jüdische Gemeinde zu Livorno ist mit Glücksgütern und dadurch selbstverständlich auch mit edlen Gebern gesegnet. Mein Geleit erzählte mir von großherzigen Wohltätern, deren Namen mit Ausnahme der wenigen rein Italienisch klingenden wie: Franchetti, Rvsselli, Bondi, Tedeschi, den spanischen Ursprung nicht vergessen lassen. Die Chronik der Stifter erwähnt die Familien Gonzales, Lobregon, Passarinhv, Abudharam, Pardv Roques, Vais Villareale. Auch hier also ein Festhalten an der Wurzel, wie es dem Stamme stets zu eigen gewesen. Das fllphsbet im Lichte des Sohsr. Von A l b e r t Kotz. ie zweinndzwanzig Buchstaben des hebräischen Alphabetes, ihre Gestaltung und Gruppierung, ihre Namen und ihre Eigenschaft als Ziffern, nehmen in der rabbinischen Literatur einen weiten Spielraum ein, bilden -in der Gedankenwelt unserer alten Weisen einen ergiebigen Boden, auf dem die Phantasie des Volkes auch in späterer Zeit reiche Nahrung fand. Die Hnlachah sowohl als die Agava haben sich der Beschaffenheit des Alphabets bemächtigt und seine Buchstaben in scharfsinnigster Weise für ihre Zwecke benutzt. Schon von dem Schriftgelehrten Esra und seinen Nachfolgern wird berichtet, daß sie die Buchstaben der Thora zu zählen pflegten. Auf scheinbar überflüssigen Buchstaben in manchen Worten der Heiligen Schrift beruhen mannigfache Gesetze, die noch heute als unantastbar gelten. Eine außerordentliche Rolle spielen die Buchstaben in der Lehrweise des Tannaiten Rabbi Akiba, in dessen Schriftauslegung die Tradition die überwältigende Schwungkraft jenes altjüdischen Geistes verspürte, der, von Mose ausgehend, die Auserwählten des jüdischen Stammes zu allen Zeiten beseelte. Als Moses — lautet eine Sage — in den Himmel gestiegen war, um die Thora zu empfangen, sah er, wie der Ewige auf die Buchstaben der Lehre Kronen setzte. „Herr!" rief Moses erstaunt, „wer darf es wagen, das, was du geschrieben, für ungenügend zu halten, daß du die Buchstaben noch mit Kronen zu versehen für notwendig erachtest?" „Es wird dereinst", erwiderte der Ewige, „ein Mann namens Akiba ben Joseph leben, der diese Kronen deuten und seine Deutungen und Erklärirngen zu Bergen häufen wird." An diese bekannte Sage, wie auch an die von den: kühnen Eindringen Akibas in das Paradies (Bezeichnung für die Vertiefung in metaphysische Studien), das er im Gegensatz zu seinen drei Genossen ebenso unversehrt, wie er es betreten, wieder verlassen hat: in seiner Ueberzeugung von der Wahrheit ilnd Unwandelbarkeit der mosaischen Lehre unerschütterlich geblieben ist, knüpften spätere Lehrer an, ließen ihrer Phantasie freien Lauf und glaubten ihren (vielleicht) in seinein Geiste erzeugten Schriften auch seine Autorschaft zufchreiben zu dürfen. Das gilt sowohl von dem „Sefer Iezira", das, wie Zunz*) behauptet, nach Sprache und Jdeengang dem Geonäischen Zeitalter angehört, als insbesondere von dem „Alphabet des Rabbi Akiba", das in der midraschischen Literatur vorzüglich bei den Abhandlungen über die Schöpfungs- *) Gottesdienstliche Vorträge, Kapitel 9.

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