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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-11 · Heft 50 (11.12.1914) · p. Seite (596)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 50 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
Seite (596) (sequence 8)
Language
German
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Mitte Juli 1870 — ich weilte mit meiner kleinen Tochter*) bei meinen Eltern — erfolgte die Kriegserklärung an Frankreich und erweckte allgemeine Begeisterung. Mein Mann — ein begeisterter Soldat und Patriot — wurde zu den Waffen einberufen, mir war jedoch unsagbar schwer zumute; ich war noch nicht zweiundzwanzig Jahre und bei dem Bittgottesdienst wurde ich ohnmächtig. Glücklicherweise kam das Landwehrbataillon 38, dem mein Mann zuerteilt war, nach Glogau, wo es bis zu Anfang des neuen Jahres blieb, und da ich während der ganzen Kricgszeit mein Elternhaus nicht verließ, durften >vir uns zuweilen — namentlich an den hohen Festtagen — eines kurzen Wiedersehens erfreuen. Tie großartigen Siege, insbesondere die Katastrophe von Sedan, hatten schon Friedenshoffnungen erweckt, die sich jedoch erst im Vorfrühlinge erfüllen sollten. Die Kaiserproklamation in Versailles war mit großem Jubel begrüßt worden, und als das Landwehrbataillon 38 in der letzten Januarwoche von Glogau abrückte, empfing es in Speier die Nachricht von dem Abschluß des Wasfenstillstands; es ist dessenungeachtet doch noch in die Frauktireurgegend gegen Bourbaki gekommen. Am 6. Februar erhielt ich — der Schnee lag bei uns fußhoch — einen Feldpostbrief: Schneeglöckchen und Veilchen, begleitet von einer kleinen Photographie des Denkmals der Jungfrau von Orleans in Domremy. Als mein Mann Ende März als Fourierunteroffizier zwei Tage vor seinem Bataillon in Breslau eintraf, erwartete ich ihn in unserem Heim. Er war Purim in NeuschLteau in den Vogesen bei einer jüdischen Familie einquartiert gewesen und erhielt von dieser sehr schöne Stickereien, die in dortiger Gegend hergestellt wurden, zum Geschenk für mich; ich bewahre deren noch einige bis zur Stunde als Andenken. Eine Menge vorzüglicher Kuchen „Madeleines" brachte mein Mann aus Eommercy. Eine meiner leuchtendsten Erinnerungen ist der weihevolle Friedensdankgottesdienst am 16. Juni 1871 mit der herrlichen Predigt unseres unvergeßlichen Dr. Joel. — Obgleich mein Mann ein schweres rheumatisches Leiden ans dem Feldzuge heimgebracht hatte — er wurde mehrfach durch kaiserliche Gnade einer Freikur in der König-Wilhelms- Heilanstalt in Wiesbaden teilhaftig —, erstrahlte sein Auge bis zu seinem Ende in säst jugendlicher Begeisterung, wenn er der großen Zeit gedachte. Eine Abordnung des Breslauer Kriegervcreins, dem er 43 Jahre angehörte, hat ihn ans dem Wege zur letzten Ruhe geleitet. Die meisten seiner Breslauer Kriegskameraden, darunter zahlreiche Juden, waren ihm schon im Tod vorausgegangen. Es war meinem Manne nicht vergönnt, den großen Wendepunkt im Leben der Völker, des deutschen Volkes, zu erleben; es wäre ihm ein hochbeglückendes Gefühl gewesen, seinen Sohn als Feldarzt inr Dienste des Vaterlandes tätig zu wissen. Herder sagt einmal: „Was die Schickung schickt, ertrage; wer ausharret, wird gekrönt." Wir, die wir den Weltkrieg initerleben dürfen, werden die Schicksale dieses denkwürdigen Jahres, das schon so viele blutige Opfer gefordert hat, niemals vergessen. Während unsere tapferen Truppen freudigen Mutes ihr Leben auf dem Felde der Ehre für die Freiheit und Größe des Vaterlandes einsetzen, ist es die Pflicht der Taheimgebliebenen, von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen Wunden zu heilen, Tränen zu trocknen, Not und Elend zu lindern, hoffend und betend, daß Gottes Beistand unsere gerechte Sache zu glücklichem Ende führen werde, auf daß uns in nicht zu ferner Zeit die Friedensglocken läuten. Breslau, November 1014. Rcgi n n Neiße r. h Gestorben 1874. Me Juden von Livorno. Bon M a,r g a r e t e Al a n n f s c. vch nicht lange stehen die^ „geselligen Tore" Livornos dem Weltverkehr offen. Zwar wird der Landungsplatz im Mündungsgebiet des Arno in einer Urkunde vonr Jahre 1017 schon genannt, zwar schenkte im Jahre 1103 die Markgräfin Mathilde von Toskana den Pisanern zur Herbeischaffnng von Bangeldern für ihren Dom Schlösser und Grundstücke ju Livorno, aber die Niederlassung blieb unansehnlich, unberührt vom Verkehrsstrom. Die großen Geister des Landes zur Zeit einer glorreichen Kunstblüte wandelten nicht durch die Gassen einer Stadt, welcher eine kulturgeschichtliche Entwicklung bis dahin versagt geblieben. Livorno blühte auf, als die Medici allen Unterdrückten und Verfolgten hier eine Freistatt boten, als sie den aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden gestatteten, ohne jeden Religionszwang die Maremmen zu bewohnen, im Hafen ihrem Gewerbe nachzugehen. Die klugen Fürsten folgten nicht etwa einer sentimentalen Anwandlung, als sie einer ordnungsliebenden, fleißigen, vergeistigten Bevölkerung, den wahren Kosmopoliten von Gottes Gnaden, Gastrecht erwiesen. Nein, sie übten eine nüchterne Realpolitik, die ihres Erfolges sicher war, aus. Livorno, von Montesquieu das Meisterwerk der Mediceischen Dynastie genannt, wurde unter dem Zusammenschluß verschieden gearteter Kräfte eine wohlhabende Stadt mit reichen Einkünften, eine Goldquelle für das Herrscherhaus. Die Folgen dagegen, welche die Austreibung der Juden aus Spanien gehabt, die Verwandlung blühender Landstriche in Wüsten, von Zentren der Zivilisation in verfinsterte Erdwinkel sind offensichtlich und, wie es scheint, unheilbar. Haben doch die neuesten Bestrebungen, die logische Konsequenz einer empörenden Unduldsamkeit auszugleichen, noch zu keinem wesentlich erfreulichen Resultat geführt. Die Entwicklungsfreiheit jüdischen Handelsgeistes bildet auch in dem Italien früherer Jahrhunderte eine Ausnahme. Selbst auf der Halbinsel, von der die Wiedergeburt eines freien Menschengeschlechts ansging, seufzten die Israeliten im Mittelalter unter den tiefsten Demütigungen. Ja, da ihnen dort in der spekulativen Beweglichkeit des lateinischen Stamures, in dem goldbringenden Schisfahrtseifer der glänzenden Republiken in dem Gebiet, das ihnen von alters her zugeschoben wurde, eine unüberwindliche Konkurrenz erwachsen, kamen sie im kaufmännischen Gewerbe nicht über die niedrigsten Stufen hinaus. Damals bewiesen sie ihre Klugheit und Tüchtigkeit durch Betätigung in den hohen Regionen der Wissenschaft, in der Heilkunst, der Philosophie, der Astronomie. Den günstigM Boden für einen materiellen Aufschwung fanden sie erst in Livorno, wo ihnen neue Sicherheiten und Möglichkeiten entstanden, bei offenem und unerschrockenem Bekenntnis ihres Glaubens. Die jüdische Gemeinde zu Livorno „Universitü Jsraelitica" konstituierte sich etwa im Jahre 1500; nach einem Sätülnm hatte sich die Kopfzahl dieser Vereinigung, die jegliche zur damaligen Zeit mögliche Freiheit genoß, fast verdoppelt. Die Immunität, die Privilegien und Vorrechte, welche aus den berühmten litara patens — den Gnadenbriefen — Ferdinands I. hervorgingen, hatten eine so vorteilhafte Lage gezeitigt. In einem Schreiben vom 10. Juni 1593 ergeht die eindringliche Mahnung an die Bevölkerung, „den Mut der Fremden anzufachen, auf daß sie den Handel und Verkehr in der geliebten Stadt Pisa, dem Hafen und der Werft von Livorno förderten, daß sie dort verblieben und sich mit ihren Familien ansiedelten". Dies galt für „die Kaufleute jeglicher Nation, die Juden,

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