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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-12-11 · Heft 50 (11.12.1914) · p. Seite (594)

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 50 (11.12.1914)
Date
1914-12-11
Page
Seite (594) (sequence 6)
Language
German
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s •* m die Bande des Blutes, die >der Seele und ihre heiligsten Gefühle. Alles stehen und liegen lassen und fort. Wohin? Und wovon leben? Noch einen langen Blick auf all die lieben Sachen, an denen man hängt und die einem so teuer geworden, noch ein Lebewohl. Man wird über die Grenze zu Fuß gehen müssen. Nimm nichts mit, nur deine Kinder. Auf Wiedersehen, du teures, liebes Haus. Ich weiß nicht, wie es damals in Antwerpen aussah, nur kann ich mir diese Menge von Oesterreichern und Deutschen Vvrstellen, die, von manch teurem Belgier mit einem traurigen Kopfnicken begleitet und von manchem rohen und wütenden angeschrien wurden. ' An einem Montag verließen wir Holland und fuhren an Haag vorbei, dem Fviedenspalast. Ruhig und friedlich, von Blumen umrahmt, schien er höhnisch zu lächeln, auch die Sonne lächelte ihm zu. O Ironie des Lebens! Wir kamen an die deutsche Grenze, und da wurden wir uns unserer traurigen Lage bewußt. Die mitleidigen Gesichter, die man machte, wenn wir sagten, daß wir belgische Flüchtlinge wären. Diese sanfte Güte und Trostesworte rissen unsere Wunden frisch aus. Ganz Deutschland war vom Krieg begeistert, und alles ging init einer Lust und seines Sieges gewiß nach Frankreich. Die Soldaten waren mit Blumen geschmückt, und man hörte den Klang aus tausend Stimmen wie aus einem Munde tönen: „Deutschland, Deutschland über alles!" Einem jeden traten die Tränen in die Augen vor Bewunderung. Niemand will den Krieg, es ist aber der Gang der Welt. Das Mißgeschick regierte die alte Welt, und es herrscht noch heute. Glücklich (?) langten wir in Tarnowitz an und> blieben dort zwei Wochen. An einem Donnerstag fuhren wir dann nach Lemberg, um -dort bei nahen Verwandten zu bleiben. Um 10 Uhr abends kamen wir an. Die verwundeten Soldaten, die ich hier z>n sehen bekam, erschienen mir wie Traumgestalten. Endlich waren wir bei unseren Verwandten. Die Kinder, halb schlafend, fragten immer wieder, -warum wir nicht lieber zu Hause geblieben wären. Wir meinten, hierbleiben zu können, aber auch das war uns nicht gegönnt. Sonntag Mitternacht begann die Aufregung, Montag früh wurden alle Häuser geschlossen, aber dann wieder geöffnet — alles in Angst und Aufregung. Die Ruhen- -sind nicht weit entfernt und können jede Minute ankommen. Die Angst und die Enrpörung zugleich- — die Angst um das Leben und die Empörung darüber, daß die Russen über uns bestimmen sollten. 'Aber die Angst verdrängte alles, und jeder "dachte nur an sein eigenes Leben. Und schon begann das Volk zu laufen, denn es hieß, die Kosaken wären schon da. Schnell die Kinder in den Keller. Die Angst, nun wer weiß wie lange versteckt bleiben zu müssen und um das Leben zu käinpfen, war schrecklich. Und schon wollten wir uns auch verstecken, -da sagte man »ns, daß unsere Angst unbegründet sei, denn die Russen wären noch gar nicht da — aber man konnte sie stündlich erwarten, denn Rennenkamp führte sie, und sie kamen mit großer Uebermacht. Die Russophilen, wie man sie nennt, haben uns verraten, wir hatten sehr viele Verräter, das muß man gestehen. Aber noch sind wir darum nicht verloren und geben die Hoffnung nicht aus; schon viele, viele Opfer hat es uns gekostet, und noch viele werden gefordert werden, aber hoffentlich um einen Preis, den des ewigen Friedens. Der Kampf ist nun einmal begonnen, und wir wollen ihn auskä-nrpfen, um den Sieg zu erringen. Wir wollen siegen, werden und müssen siegen! Jetzt wollten wir flüchten, und ich packte meine Sachen zusammen; man ließ mich aber nichts mitnehmen, denn es wäre zwecklos, -daß wir zum Bahnhof gingen. Einen einzigeil Weg gab es dorthin, und wir versuchten es. Eine dichte, schwarze Menschenmasse drängte zu diesem einen Punkt. Hunderttausende von Menschen, die nur den Gedanken hatten: Fliehen! Alles ließ man zurück. Das Mißgeschick kam und schlug mit seiner ganzen- Macht. Nur ein Wink seiner Hand genügt, um eine ganze Stadt mit all ihren lebenden Wesen zu zerbröckeln. Und es zerstörte Familien, die immer glücklich waren und jetzt kalt und starr in ihrem Schmerz sind. Das war ein Gedränge, wie ich es noch nie gesehen und nie mehr sehen werde. Ein wundervoller sonniger Tag, wie zum Frieden geschaffen. Die Sonne trieb ihr Spiel mit den traurigen Gesichtern der Menschen. Auf dem Bahnhof hatte man Güterwagen zur Verfügung gestellt, aber alles war überfüllt. Zufällig fanden wir noch Platz, aber natürlich mußten wir stehen. Ich spähte nach einem Ruhepunkt und glitt nieder. Eine Last, die drückend aus mir gelegen, fiel von mir ab und Mir wurde leichter. So fuhren wir die ganze Nacht in Finsternis. Es war, als verkörperten die schwarzen Gestalten, die hockend herumhuschten und immer nur seufzten und klagten, den Schmerz. Am anderen'Tage kamen wir nach Tarnowitz. Dort waren wir noch einige Tage zusammen, dann verließ ich meine Eltern und fuhr zu Verwandten, um dort zu bleiben, aber mein Freund Unglück begleitete mich aus Weg und Steg und fürchtete, mich zu verlassen. Einige Tage vergingen, und ich mußte wieder flüchten. Am selben Tage flüchteten auch d'ie Meinen aus Tarnowitz. Und wieder nahmen uns Güterwagen auf. Das Rollen des Donners begleitete uns, gerade so, als ob sich die Natur gegen das Unnatürliche auflehne. Mein Freund verließ mich nicht — manche Bilder malten sich vor meinen Augen, und ich wollte arbeiten. Arbeit, welche es auch wäre, und wie -lieb mir diese Arbeit sein würde, von der ich mich selbst erhalten sollte. Zuerst wollte ich zu einem Kinde, um in diesem unschuldigen Geschöpf das Vergessen zu lernen, aber der Teufel war mit im Spiel. Ueberall war man freundlich zu mir — ich aber wollte nichts geschenkt, und darunter litt ich furchtbar. Die Seele wollte die Schmerzen nicht allein für sich behalten und teilte sie -dem Körper mit; dem Körper wurde-die Last der Schmerzen zu schwer, und er mußte sich-beugen. Jetzt -mußte die Seele stillhalten und bettelte selbst um Hilfe. Sie nahm an von liebenswürdigen hilfreichen Menschen-, die ihr das Leben retteten. Möge Euch, meine Lieben, die Sonne des Glücks leuchten und Euer Leben wolkenlos bleiben. Kommunale ftrmenpklrse und Milche Almokenempkänser. Von Bureauvorsteher NathanCohn. erade in jüngster Zeit ist dieses Thema wiederholt öffentlich erörtert worden. Nicht nur in -dem Artikel „Zur jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland" in- 'der Nr. 43 der „Allgenreinen Zeitung des Judentums", an welchen ich in einem im Sprechsaal der Nr. 46 dieser Zeitung veröffentlichten Brief anknüpfte, sondern- -auch in der Repräsentantenversammlnng der jüdischen Gemeinde. Es steht mir eine nahezu 25jährige Erfahrung zur Seite, und ich möchte einmal versuchen, an dieser Stelle den Gründen nachzuspüren, die oftmals zu Klagen und zur Unzufriedenheit auf diesem Gebiete führen. Die Armendirektion sowohl wie -die sonstigen oberen Organe der städtischen Armenpflege sind sich voll bewußt der Pflicht der paritätischen Behandlung aller Bedürftigen, sie wissen auch ganz genau, welche gewaltige Entlastung die private Wohltätigkeit für den Stadtsäckel bedeutet. Dies kommt besonders klar in dem § 51 der Anweisung, betreffend die Verwaltung der offenen Armenpflege der Stadt Berlin, zum Ausdruck. Dort heißt es: „Feste Bezüge, die von der konfessionellen Armenpflege, von Stiftungen, Vereinen und sonstigen Veranstaltungen der

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