Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite (592) (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SAm jüdisch klingende Name wohl den Anlaß 31t einer Verdächtigung stegeben hat. Die üble Konfessionsschnüffelei hat aber hier dein Herrn Hauptmann einen schlimmen Streich gespielt. Die Eltern des Fräuleins Reitzenstein haben nämlich mit dem Judentum nicht den geringsten rassenmäßigen Zusammenhang. Man wird es. Herrn Professor Reitzenstein überlassen müssen, wie er sich mit diesen völlig ans der Luft gegriffenen Behauptungen eines deutschen Offiziers abfinden wird. Wann endlich wird dem „Hammer" das Handwerk gelegt werden? Lrnlt Lillaurr dessen Bild wir in dieser Nummer bringen, ist geboren in Berlin am 10. Dezember 1882. Er trat zuerst 1907 als Lyriker auf und versuchte sich auch als Herausgeber älterer Literaturwerke. In seiner Ausgabe erschienen Sammlungen von Möricke und zwei Bände von Kopischs ausgewählten Werken. Von selbständigen Dichtwerken veröffentlichte er: „Der Acker" 1907, „D e r Strom" 1912. Allgemein bekannt wurde er durch seinen Zyklus „1813" (1913), der zur Jahrhundertfeier der Befreiungskriege erschien. (Alle drei Bücher sind im Verlag von Eugen Diederichs, Jena, herausgekommen.) Das gewaltige Werk ist von allen Seiten als das entscheidende Blich von 1913 erklärt worden. Auch der gegemvärtige Krieg hat den Dichter zu feurigen Liedern veranlaßt; die zwei bisher erschienenen Hefte der „Worte in die Zeit" (Flugblätter 1914), die ausschließlich von ihm herrühren, gehören zu dem Wertvollsten, was die zeitgenössische Lyrik hervorgeritsen hat. Ernst Lissauer gehört dem Judentum an. Mit ausdrücklicher Genehmigung des Dichters veröffentlichen wir je eine Probe aus den drei Sammlungen und lassen zum Schluß den mächtigen „Haßgesang gegen England" folgen. i.. 6. S 0 ni m e r n a ch rn i t t a g. Wir sitzen unter Birken Hand in Hand. Der rasche Weg kommt froh vorbeigeschritten. Das Gleißen eines Stroms ist hingebrannt. Als -sdien Sterne drauf ins Meer geglitten. Der Horizont ist weit zurückgeweitet. Um uns in Korn und Sonne liegt gebreitet Das lichterlohe Land. Entlang die Straße kommt ein Ton gegangen. Dem leis die Wasser zum Geleite singen. Wind schwingt in hohen Telegraphenstangen, Die Birken beben wie in Miterklingen. Mir ist, es feten die Gelände In Licht und Klang Bon dir geschaffen, mir zu Fest und Spende, Da knie' ich hin, in Demut und in Dank. L 0 b g e s a n g. Urmacht von Ansang, die das Sein erschuf. Auf aus mir wie Rauch ans der Opferglut betend steigt zu dir mein Ruf, Beladen Hast du mich über und über mit Glücken und Gnaden. Du gabst mir, zu sein wie das Gras, windgewiegt, sonnedurchbrannt, Und lösest die Wurzel mir, daß Füße mich tragen ins Land. Dann hast du mein Haupt aufgeschlossen, daß ich höre. Und daß ich blicke, meine Augen aufgehellt, Du «läßt für mich rauschen die Winde und Ströme Und hast für mich die Städte und Gebirge ausgestellt. Tu gabst mir, zu spüren gedufteten Hauch von Halm und Blume, Gabst Getast meiner Hand, daß sie Welt greift und fühlt. Du gabst mir wirkende Kraft, die den Tag umpslügt wie trächtige Ackerkrume, Gabst schwarzflutenden Schlaf, der Ader und Nerv nur kühlt. Gabst -mir bildende Macht, zu erbauen Welt ans deiner Welt, wie mein Odem und Blut sie schauen ~~ Mitten im Tag wittre ich Ewigkeit, Kraft deiner Kraft hast du in mich ausgegossen, Atem von dir ist wehend in mich eingeschlossen, Ich bin benedeit. L a n d st u r m >s a g i\ Dunkel rauscht ein Roß, seine Nüstern blasen rotschnaubenden Zorn, Säbelgewaffnet der Reiter, es funkt sein Pressender.Sporn, Schwarz der Himmel, es schwingt das Erdreich, der Nachtwald saust, Weithin, zur Linken, zur Rechten, befiehlt seine winkende Faust, Horch, er jauchzt, horch, er mahnt, horch, er droht. Weithin, zur Rechten, zur Linken, schmettert sein Aufgebot: Die Zeit wird neu. Das Land wird frei. Flut, Wald, Erz, stchet dem Volke bei! Kündet von selbst das Kommen der Feinde, Klöppel itnfc Glocken! Spinnet hänfene Schlingen, ihr Räder und Nocken! Langt nach Versprengten hemmend, ihr Waldgeüste! Zieht die Verirrten in sinkenden Tod, Sümpfe ihr und Moräste! Ströme, erdrosselt die Schwimmer, bedeckt die Pfade mit Schlamm! Fangt sie, Gebirge, in Schlucht und Klamm! An den Hängen vergifte dich, traubiger Wein! Zerstöre stürzend den Marsch, wegüberhangend Gestein! Hin stiebt der gesittigte Ritt; rot hinterdrein glimmt die Luft. Jubel und Haß schreit aus Flußtal und Kluft. H a ß g e s a n g gegen E u g l a n d. Was schiert uns Russe und Franzos', Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß! Wir lieben sie nicht. Wir hassen sie nicht, Wir schützen Weichsel und Wasgaupaß — Wir haben nur einen einzigen Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint, Wir haben nur einen einzigen Feind: Den ihr alle wißt, den ihr alle wißt, Er sitzt geduckt hinter der grauen Flut, Voll Neid, voll Wut, voll Schläue, voll List, Durch Wasser getrennt, die sind dicker als Blut. Wir wollen treten in ein Gericht, Einen Schwur zu schwören, Gesicht in Gesicht, Einen Schwur von Erz, den verbläst kein Wind, Einen Schwur für Kind und für Kindeskind, Vernehmt das Wort, sagt nach das Wort, Es wälze sich durch ganz Deutschland fort: Wir wollen nicht lassen von unserm Haß, Wir haben alle nur einen Haß, Wir lieben vereint, wir hassen vereint. Wir haben alle nur einen Feind: England. In der Bordkajüte, im Feiersaal, Saßen Schisfsosfiziere beim Liebesmahl — Wie ein Säbelhieb, wie ein Segelschwung, Einer riß grüßend empor den Trunk, Knapp hinknallend wie Ruderschlag, Drei Worte sprach er: „Auf den Tag!" Wem galt das Glas? Sie hatten alle nur einen Haß. Wer war gemeint? Sie hatten alle nur einen Feind: England. Nimm du die Völker der Erde in Sold, Baue Wälle aus Barren von Gold, Bedecke die Meerflut mit Bug bei Bug, Du rechnetest klug, doch nicht klug genug. Was schiert uns Russe und Franzos', Schuß wider Schuß und Stoß um Stoß! Wir kämpfen den Kampf mit Bronze und Stahl Und schließen den Frieden irgend einmal — Dich werden wir hassen mit langem Haß, Wir werden nicht lassen von unserm Haß,