Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite (591) (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Um die polnischen Gefühle, die sich gegen diese unnatürliche Politik empörten, zu verwirren, warf diese Partei der Bevölkerung die Juden als Beute hin, sie begann den Massen der Naiven einzureden, daß der Feind der Polen nicht Rußland, sondern die Deutschen und die Juden seien. Diese Partei hat von den Russen auch die Methode der prozentualen Beschränkung, der konfessionalen Wahlkurien usw. übernommen, sie hat es endlich dahin gebracht, daß heute in Pollen Russophilismus und Antisemitismus identische Begriffe sind. Schreiber dieser Zeilen steht seit einer Reihe von Jahren mit der nationäldemokrati scheu Partei im Kampf au.f Leben und Tod, gleiche wohl muß er betonen, daß er esfür ausgeschlossen hält, daß diese Partei physische Pogrome veranstalten oder zu ihnen auffordern sollte. Im übrigen steht ihr die erdrückende Mehrheit der polnischen Nation gegenüber, insbesondere die Unabhängigkeitspartei, nämlich die Anhänger der sogenannten österreichisch-deutschen Orientation. Die „Kommission der vereinigten Unabhängigkeitsparteien" hat in allen ihren Proklamationen stets das Prinzip der Gleichberechtigung verteidigt. Das oberste Nationalkomitee zählt Juden in seiner Mitte. In den von ihm ausgerüsteten polnischen Legionen kämpfen Juden gegen Rußland als Liniensoldaten sowohl wie als Offiziere. Rußland allein ist es, daß in Polen Pogrome veranstaltet. Bis in die letzten Jahre hinein hat es in keiner polnischen Gegend Pogrome gegeben, bis sie von den Russen hervorgeruifen worden sind. So war es in Warschau 1880, so war es in Siedler 1906 usw. Jetzt gehören die Pogrome zu dem militärisch-administrativen System, denn sie treffen die Juden sowohl als Juden wie auch als Angehörige der antirussischen Orientation. In Lemberg hat Rußland seine Regierung durch einen Pogrom inauguriert, in welchem 14 Juden getötet und nahezu 50 verwundet worden sind. Das hat der Gras Pininski, ehemaliger Statthalter von Galizien, berichtet, ^sehnliches haben sie in jeder von ihnen besetzten galizischen Stadt getan. Auf dieselbe Weise ging es auch in jenen Städten Russisch- Polens her, welche sie nach den abziehenden Deutschen und Oesterreichern besetzten. Sie rächen sich auf diese Weise für die Sympathien, welche die Juden den verbündeten Heeren entgegengebracht haben, ebenso nehmen sie dafür auch an der polnischen Bevölkerung Rache. Soll dafür etwa die polnische Nation angeklagt werden? Gewiß gibt es unter dem polnischen Pöbel Individuen, die die Juden der Brnnnenvergiftung oder des Nitualmordes anklagen. Wo gibt es solche Individuen nicht? Aber diese Individuen sind doch nicht die Nation. (Nebenbei bemerkt, gibt es eine Stadt Behava, wo sich das zugetragen haben soll, im Königreich Polen überhaupt nicht.) Bon polnischen Banden und Pogromorganisationen kann überhaupt nicht die Rede sein. Auch Brandes sagt in seinen Mitteilungen nur, daß die Nüssen die eigentlichen Veranstalter der Pogrome gewesen sind. Der aktive, politisch bewußte Teil der Polen ist vom. Antisemitismus ganz entfernt und steht im Unabhängigkeitslager. Da aber in Polen Antisemitismus identisch ist mit Russophilismus und Reaktion, so besteht das einzige Gegenmittel darin, anstatt unbegründete Anklagen gegen die polnische Nation zu erheben, mit aller Tatkraft jene Richtung zu unterstützen und zu fördern, die sich zum Ziele gesetzt hat, das russische Gift aus dem polnischen Organismus zu entfernen." Gleichfalls dem „Berl. Tagebl." entnehmen wir Nachstehendes: Ai i l i t ü r rs che Zur ü ck Weisung a n o n h in er antisemitischer Verleumdungen. (Telegramm unseres Korrespondenten.) O München, 3. Dezember. Es ist charakteristisch, daß sich selbst in der jetzigen Zeit gegen falsche antisemitische Beschuldigungen eine Militärbehörde wenden muß. Die stellvertretende sechste Jnsanteriebrigade in Landau in der Pfalz tut es mit scharfer Ablehnung in folgender Bekanntmachung: „In der letzten Zeit wurden wiederholt durch anonyme Zuschriften schwere Anklagen gegen verschiedene Heeresangehörige erhoben. Wenn nun auch die stellvertretende sechste Jnsanteriebrigade solchen Anschuldigungen sonst grundsätzlich keine Beachtung schenkt, so steht sie sich doch veranlaßt, einer Anklage in der Oefsentlichkeit entA'genzutreten, die die Ehre eines nicht unbedeutenden Teiles unseres Heeres antastet. Es wurde nämlich durch anonyme Zuschriften unter anderem auch an der Tüchtigkeit und Verläßlichkeit von Heeresangehör lgen jüdischer Konfession gezweifelt und der schwere Vorwurf erhoben, daß viele von ihnen Mittel und Wege wußten, sich dem Dienst in der Front zu entziehen. Diese Anschuldigungen sind durchaus unbegründet. Der stellvertretenden sechsten Jnfanteriebrigade ist kein solcher Fall bekannt geworden. Sie ist vielmehr überzeugt, daß unsere jüdischen Soldaten sich bemühen, hinter ihren christlichen Kameraden an Vaterlandsliebe, Opferwilligkeit und Tapferkeit keineswegs zurückzustehen. Wer aus konfessioneller Unduldsamkeit andere verdächtigt, hält schlecht zu seinem Kaiser, dessen Wort heute allen voranleuchten muß: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche!" Endlich sei einem Artikel der „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" Raum gegönnt. Zwei lügnerische „H a m in e r" - B e h a u p t u n g e n. Die Nummer des „Hammer" vom 15. September enthielt unter der Spitzmarke „Hebräische Franzosensreunde" die Mitteilung eines Hauptmanns, a. D. W. R. in Freiburg i. B. über Vorkommnisse in Mülhausen i. E. und Frei bürg, die auf das Verhalten der Mülhauser Juden bei dem Einzug der Franzosen und jüdischer Damen in Freiburg beim Empfange der französischen Gefangenen ein ungünstiges Licht werfen sollten. Von den Mülhauser Juden wurde behauptet: „Die jüdischen Einwohner hatten die blauweißrote Flagge gehißt, ihre Töchter tanzten bei den Klängen der französischen Regimentsmusik mit den feindlichen Offizieren ans der Straße und in den Anlagen Tango, und der Sekt floß in Strömen." In Freiburg soll mit den französischen Gefangenen „ein widerwärtiger Kult" getrieben worden sein. Der Gewährsmann des „Hammer" will „aber in der Lage sein, festzustellen, daß es keine deutschen Jungfrauen waren, die den französischen Gefangenen Schokolade, Zigaretten und Leckereien anboten, sondern nur solche Damen aus der sogenannten Gesellschaft, welche jüdisches Blut haben: die vierzehnjährige Tochter eines jüdischen Universitätsprofessors — Professor Reitzen stein — und die ungefähr gleichaltrige Tochter des jüdischen Arztes Dr. Levi." Wir haben, da hier einer der seltenen Fälle vorliegt, in denen daS antisemitische Blatt sich nicht mit anonymen Pauschalverleilmdungen begnügte, sondern bestimmte Namen nannte, Erkundigungen eingezogen und können feststellen, daß der Gewährsmann des- Blattes für seine Behauptung auch nicht die Spur eines Beweises' erbringen kann. Ueber die Vorgänge in Mülhausen wird uns von kompetentester Seite berichtet, daß dort nichts bekannt geworden ist, was geeignet wäre, der Behauptung des Herrn Hauptmanns a. D. eine greifbare Unterlage zu geben. Im Falle einer gerichtlichen Klage würde sicher festgestellt werden, daß das loyale Verhalten der Mülhauser Juden über jeden Zweifel erhaben sei. Die über die Freiburger Vorgänge eingezogenen Erkundigungen haben durch Ermittlungen beim Roten Kreuz und auf dem Bahnhöfe ergeben, daß die Tochter des Herrn Dr. Levi an dem Tage, an welchem französische Gefangene den dortigen Bahnhof passierten, nicht Dienst hatte, also auch keine Gelegenheit, mit diesen zu sprechen oder ihnen Liebesgaben zu verabreichen. Uebrigens soll von dem Vater des schniählich verdächtigten Mädchens der Klageweg gegen den „Hammer" beschritten worden sein; die Freiburger Staatsanwaltschaft hätte wahrscheinlich im öffentlichen Interesse gegen das Blatt Anklage erhoben, wenn der Nachweis zu führen gewesen wäre, daß die betreffende „Hammer"-Nummer bzw. das spätere „Hammer"-Flugblatt, in welchem diese Verleumdung. Aufnahme gefunden hatte, in Freiburg verbreitet worden ist. Bezüglich des inzwischen nach Marburg verzogenen Professors Reitzenstein darf festgestellt werden — ohne auf die Richtigkeit der Behauptung des „Hammer" selbst näher einzugehen —, daß hier der