Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1914)
- Date
- 1914-12-11
- Page
- Seite (590) (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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'•v' der Kriegsbeute sich erheblich vermehrt hat. Entscheidende Schläge sind nicht zu verzeichnen. Belgrad ist endlich in den Händen der österreichisch-ungarischen Heere, die deutschen Truppen haben überall ihre Stellungen behalten und mehrfach kleine Fortschritte gemacht. Die Türken haben in Aegypten und im Kaukasus Siege gemeldet. Es gärt überall, aber die Nachrichten von Ausständen wider England und Rußland sind mit Vorsicht aufzunehmen. Mit nicht minderer Vorsicht die Berichte von der Unzufriedenheit der Neutralen: der Schweiz gegen England, Amerikas gegen Japan und England. Die neutralen Staaten, deren Heraustreten aus ihrer Neutralität Deutschland Schwierigkeiten bereiten könnte, Rumänien und Griechenland, scheinen auf ihrem Standpunkt verharren zu wollen; ebenso Italien, dessen neuer Ministerpräsident S alandra eine vieldeutige Rede gehalten hat. Die Reise des D e u t s ch e n K a i s e r s zur Ostarmee, in das Hauptquartier der österreichischen Verbündeten, nach Breslau und Berlin hat zu vielfachen Kommentaren und Kombinationen Anlaß gegeben; man wird gut daran tun, sich zu bescheiden und die Nachricht einfach zu registrieren als Zeugnis des Verlangens des Herrschers, seine siegreichen Truppen zu begrüßen und seinen Verbündeten eine Aufmerksamkeit zu erzeigen. Der d e u t s ch e R e i ch s t a g ist zu einer kurzen Session zusammengetreten, zur Bewilligung wichtiger Vorlagen, besonders eines neuen großen Kredits. Die bemerkenswerte Rede des Reichskanzlers, dem kurz vorher zu seinem Geburtstage seitens des Kaisers große Anerkennung gezollt worden war, zeichnete sich durch entschiedene Hoffnungsfreudigkeit aus; die Beschlüsse wurden einmütig, gegen einen einzigen Sozialdemokraten, gefaßt, der von seiner Partei abgeschüttelt wird. Der längst erwartete Aufruf des L a n d st u r m s des zweiten Aufgebots, der sich auf die Ungedienten vom 39. bis zum 45. Lebensjahr erstreckt, ist nun erfolgt; er bezweckt zunächst lediglich die Herbeiführung der Eintragung in die Listen. Dagegen werden die Angehörigen des Landsturms ersten Aufgebots in der Provinz Brandenburg, die bisher nur eingetragen waren, zur Untersuchung und eventuellen Dienstleistung herangerufen. Zu der Ausbildung der wirklich tauglich Befundenen sind natürlich Wochen und Monate nötig. Die neueste freudige Nachricht aus dem Großen Hauptquartier lautet: Großes Hauptquartier, 7. Dezember, vormittags. Vom westlichen Kriegsschauplatz und dem östlich der masurischen Seenplatte liegeil keine besonderen Nachrichten vor. — In Nordpolen haben nur iu langem Ringen um Lodz durch das Zurückwersen der nördlich, westlich und südwestlich dieser Stadt stehenden starken russischen Kräfte einen durchgreifenden Erfolg errungen. Lodz ist in unserem Besitz. Die Ergebnisse der Schlacht lassen sich bei der Ausdehnung des Kampffeldes nock) nicht übersehen. Die russischen Verluste sind zweifellos sehr groß. - Versuche der Russen aus Südpolen, ihren bedrängten Armeen im Norden zu Hilfe zu kommen, wurden durch das Eingreifen österreichisch-ungarischer und deutscher Kräfte in Gegeud südwestlich Piotrkow vereitelt. (Oberste Heeresleitung. W. T. B.) * Nachrichten, die sich auf den Krieg beziehen, sind folgende zu melden. Aus der „Vossischen Zeitung": Die Juden in der Türkei. K o n st a n t i'n o p e l, 29. November. Aus Grund von Unterredungen, die der Großrabbiner der Türkei mit dem Minister des Innern Talaat Bei gepflogen hat, hat sich die türkische Negierung bereit erklärt, fremdländischen, in der Türkei wohnhaften Israeliten, insbesondere russischer Staatsangehörigkeit, die zu Tausenden um Gewährung der osmanischen Staatsbürgerschaft, ansnchten, diesen Wechsel ihrer Staatsbürgerschaft unter der Bedingung zu gestatten, daß sie die osmanische Staatsbürgerschaft nach dem Kriege nicht wieder aufgeben. Zehntausend dieser Israeliten sind in Jerusalem seßhaft. Das „Berliner Tageblatt" berichtet: Der Anteil der Juden am Kri e g e. Ueber den Anteil der deutschen Juden am Kriege gibt eine Private Statistik interessante Abschlüsse. Danach würden bisher an Soldaten jüdischen Glaubens 710 Eiserne Kreuze verliehen, darunter drei, erster Klasse. Zu Offizieren befördert wurden bei den. preußischen Kontingenten 12 Juden, bei dem -sächsischen und württembergifchen Kontingent je einer, bei dem bayerischen wiederum 12 Juden. Dem „Stuttgarter Neuen Tageblatt" entnehmen wir folgendes: Ein Schreiben, gleichermaßen ehrend für den Schreiber, wie für den jüdischen Landwehrmann, von dem darin die Rede ist, veröffentlicht der „Backnangeer Volksfreund": P.8. 11. 14. Geehrte Frau Kirchhausen! Tiefbetrübt teile ich Ihnen .mit, daß Ihr Sohn, der Gefr. i>. L. Kirchhausen (aus Schlüchtern), soeben gefallen ist. Wenn ich Ihnen selbst diese Mitteilung mache, so geschieht dies, weil Ihr Sohn, der seit länger als einem Monat als Gefechtsovdonnauz immer in meiner unmittelbaren Nähe gewesen, von mir ganz besonders geschätzt worden ist. Er war ein Vorbild an Tapferkeit und Todesverachtung. Nichts galt ihm die Gefahr für die eigene Person, wenn es sich darum handelte, die Pflicht zu tun. So ist er auch den Heldentod für unser Vaterland gestorben, als er aus freiem Antriebe, ohne besonderen Auftrag von mir, in die Schützenlinie vorging, um für seine Kompagnie zu sorgen. Er ist der erste im Regiment gewesen, der als Wehrmann das Eiserne Kreuz erhielt, nachdem er in völliger Todesverachtung heldenmütig sich an die Spitze von schwankend gewordenen benachbarten Truppen gesetzt hatte, um sie wieder zum Angriff vorzurücken und nachdem er persönlich zwei englische Offiziere gefangen genommen hatte. Wir alle, die ihn näher gekannt haben, und vor allem ich, sein Kommandeur, werden dem Gefallenen immer in treuem, dankbarem Andenken bewahren. Das E'hrenkrenz, die Schristsachen sowie das Geld Ihres Sohnes werden Ihnen baldmöglichst zugehen. Möge Gott Sie trösten, und das Bewußtsein, daß Ihr Sohn als Held gefallen ist, zum Ruhm und zur Ehre unseres geliebten deutschen s Vaterlandes. Hochachtungsvoll Freiherr v. Varnbüler, Major und Bataillonskommandeur. * Von sonstigen Nachrichten ist folgendes mitzuteilen. W. Feld mann veröffentlichte im „Berliner Tageblatt" mit Bezug auf die auch von uns gebrachten Ausführungen von Georg Brandes einen Artikel: „Zur Frage der I u d e n h e tz e in R u f f i s ch - P o l e n", der folgenden Wortlaut hat: „Die Ausführungen von Georg Brandes über die Leiden, welche die Juden in Polen auszustehen haben, sind vollkommen zutreffend, insofern sie die zivilisierte Welt auf eine der schmerzlichsten Folgen aufmerksam machen, die der gegenwärtige Krieg auf polnischem Boden mit sich bringt. Unter den Millionen Unglücklicher, die von dem über das Königreich Polen und Galizien dahinbrausenden Würgeengel an Leib und Leben, an Ehre und Gut geschädigt werden, gehören die Juden wohl zu den Unglücklichsten. Allein daran ist nicht die polnische Bevölkerung schuld, am allerwenigsten aber wäre es angebracht, die polnische Nation als solche der judenfeindlichen Gesinnung zu beschuldigen und zu behaupten, daß sie den Juden im gegenwärtigen Moment Leid und Unbill zu füge. Es ist nicht zu leugnen, daß in den letzten paar Jahren die antisemitische Strömung unter der polnischen Bevölkerung, des Königreiches Polen bedeutend angewachsen ist. Es ist eine eigene Hetzpresse entstanden, die sogenannte Boykottbewegung ist aufgekommen. Was beweist das aber? Nichts anderes, als was die größten polnischen Patrioten längst vorausgesehen haben, weswegen alle tiefer blickenden Polen Rußland am kräftigsten hassen: nämlich, daß die russische Herrschaft die polnische Seele vergiftet, sie geistig und moralisch russifiziert. Man verharrt nicht ungestraft über ein Jahrhundert lang unter der Herrschaft der brutalen Gewalt, des tartarischen VerwaltungssystemZ. Dieses Systems, mit dem die Ver-